Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Darwin, Charles: Insectenfressende Pflanzen. Übers. v. Julius Victor Carus. Stuttgart, 1876.

Bild:
<< vorherige Seite
Neuntes Capitel.
Die Wirkungen gewisser alkoloiden Gifte, andrer Substanzen
und Dämpfe.

Strychninsalze. -- Schwefelsaures Chinin unterbricht nicht bald die Bewegung des
Protoplasma. -- Andere Chininsalze. -- Digitalin. -- Nicotin. -- Atropin. --
Veratrin. -- Colchicin. -- Thein. -- Curare. -- Morphium. -- Hyoscyamus.
-- Das Gift der Cobra beschleunigt dem Anscheine nach die Bewegungen des
Protoplasma. -- Campher, ein kräftiges Reizmittel, seine Dämpfe narcotisch. --
Gewisse ätherische Öle erregen Bewegung. -- Glycerin. -- Wasser und ge-
wisse Lösungen verzögern oder verhindern die spätere Wirkung des phosphor-
sauren Ammoniaks. -- Alkohol unschädlich, sein Dampf narcotisch und giftig.
-- Chloroform, Schwefel- und Salpeter-Äther, ihre reizenden, giftigen und nar-
cotischen Eigenschaften. -- Kohlensäure narcotisch, nicht schnell giftig. --
Schluszbemerkungen.

Wie im letzten Capitel will ich zuerst meine Versuche mittheilen,
und dann eine kurze Übersicht der Resultate mit einigen Schlusz-
bemerkungen geben.

Essigsaures Strychnin. -- Halbe Minims einer Lösung von
einem Theil auf 437 Theile Wasser wurden auf die Scheiben von sechs
Blättern gelegt, so dasz jedes Gran oder 0,0675 Milligr. erhielt. In
8 Stunden 30 Minuten waren die äuszeren Tentakeln auf einigen Blättern
eingebogen, aber in einer unregelmäszigen Weise, manchmal nur auf einer
Seite des Blattes. Am nächsten Morgen, nach 22 Stunden 30 Minuten,
hatte die Einbiegung nicht zugenommen. Die Drüsen auf der mittleren
Scheibe waren geschwärzt, und hatten aufgehört abzusondern. Nach
24 Stunden schienen alle mittleren Drüsen todt zu sein, aber die einge-
bogenen Tentakeln hatten sich wieder ausgebreitet und erschienen ganz
gesund. Es scheint daher die giftige Thätigkeit des Strychnins auf die
Drüsen, welche es aufgesaugt haben, beschränkt zu sein; demungeachtet
senden diese Drüsen den äuszeren Tentakeln einen motorischen Impuls
zu. Kleine Tropfen (ungefähr Minim) derselben Lösung an die Drüsen
der äuszeren Tentakeln gehalten, verursachten gelegentlich eine Einbiegung.
Das Gift scheint nicht schnell zu wirken, denn nachdem gleiche Tropfen
einer eher stärkeren Lösung, von einem Theil auf 292 Theile Wasser, an

12*
Neuntes Capitel.
Die Wirkungen gewisser alkoloiden Gifte, andrer Substanzen
und Dämpfe.

Strychninsalze. — Schwefelsaures Chinin unterbricht nicht bald die Bewegung des
Protoplasma. — Andere Chininsalze. — Digitalin. — Nicotin. — Atropin. —
Veratrin. — Colchicin. — Theïn. — Curare. — Morphium. — Hyoscyamus.
— Das Gift der Cobra beschleunigt dem Anscheine nach die Bewegungen des
Protoplasma. — Campher, ein kräftiges Reizmittel, seine Dämpfe narcotisch. —
Gewisse ätherische Öle erregen Bewegung. — Glycerin. — Wasser und ge-
wisse Lösungen verzögern oder verhindern die spätere Wirkung des phosphor-
sauren Ammoniaks. — Alkohol unschädlich, sein Dampf narcotisch und giftig.
— Chloroform, Schwefel- und Salpeter-Äther, ihre reizenden, giftigen und nar-
cotischen Eigenschaften. — Kohlensäure narcotisch, nicht schnell giftig. —
Schluszbemerkungen.

Wie im letzten Capitel will ich zuerst meine Versuche mittheilen,
und dann eine kurze Übersicht der Resultate mit einigen Schlusz-
bemerkungen geben.

Essigsaures Strychnin. — Halbe Minims einer Lösung von
einem Theil auf 437 Theile Wasser wurden auf die Scheiben von sechs
Blättern gelegt, so dasz jedes Gran oder 0,0675 Milligr. erhielt. In
8 Stunden 30 Minuten waren die äuszeren Tentakeln auf einigen Blättern
eingebogen, aber in einer unregelmäszigen Weise, manchmal nur auf einer
Seite des Blattes. Am nächsten Morgen, nach 22 Stunden 30 Minuten,
hatte die Einbiegung nicht zugenommen. Die Drüsen auf der mittleren
Scheibe waren geschwärzt, und hatten aufgehört abzusondern. Nach
24 Stunden schienen alle mittleren Drüsen todt zu sein, aber die einge-
bogenen Tentakeln hatten sich wieder ausgebreitet und erschienen ganz
gesund. Es scheint daher die giftige Thätigkeit des Strychnins auf die
Drüsen, welche es aufgesaugt haben, beschränkt zu sein; demungeachtet
senden diese Drüsen den äuszeren Tentakeln einen motorischen Impuls
zu. Kleine Tropfen (ungefähr Minim) derselben Lösung an die Drüsen
der äuszeren Tentakeln gehalten, verursachten gelegentlich eine Einbiegung.
Das Gift scheint nicht schnell zu wirken, denn nachdem gleiche Tropfen
einer eher stärkeren Lösung, von einem Theil auf 292 Theile Wasser, an

12*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0193" n="[179]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Neuntes Capitel.<lb/>
Die Wirkungen gewisser alkoloiden Gifte, andrer Substanzen<lb/>
und Dämpfe.</hi> </head><lb/>
        <argument>
          <p>Strychninsalze. &#x2014; Schwefelsaures Chinin unterbricht nicht bald die Bewegung des<lb/>
Protoplasma. &#x2014; Andere Chininsalze. &#x2014; Digitalin. &#x2014; Nicotin. &#x2014; Atropin. &#x2014;<lb/>
Veratrin. &#x2014; Colchicin. &#x2014; Theïn. &#x2014; Curare. &#x2014; Morphium. &#x2014; Hyoscyamus.<lb/>
&#x2014; Das Gift der Cobra beschleunigt dem Anscheine nach die Bewegungen des<lb/>
Protoplasma. &#x2014; Campher, ein kräftiges Reizmittel, seine Dämpfe narcotisch. &#x2014;<lb/>
Gewisse ätherische Öle erregen Bewegung. &#x2014; Glycerin. &#x2014; Wasser und ge-<lb/>
wisse Lösungen verzögern oder verhindern die spätere Wirkung des phosphor-<lb/>
sauren Ammoniaks. &#x2014; Alkohol unschädlich, sein Dampf narcotisch und giftig.<lb/>
&#x2014; Chloroform, Schwefel- und Salpeter-Äther, ihre reizenden, giftigen und nar-<lb/>
cotischen Eigenschaften. &#x2014; Kohlensäure narcotisch, nicht schnell giftig. &#x2014;<lb/>
Schluszbemerkungen.</p>
        </argument><lb/>
        <p>Wie im letzten Capitel will ich zuerst meine Versuche mittheilen,<lb/>
und dann eine kurze Übersicht der Resultate mit einigen Schlusz-<lb/>
bemerkungen geben.</p><lb/>
        <p><hi rendition="#g">Essigsaures Strychnin.</hi> &#x2014; Halbe Minims einer Lösung von<lb/>
einem Theil auf 437 Theile Wasser wurden auf die Scheiben von sechs<lb/>
Blättern gelegt, so dasz jedes <formula notation="TeX">\frac {1}{960}</formula> Gran oder 0,0675 Milligr. erhielt. In<lb/>
8 Stunden 30 Minuten waren die äuszeren Tentakeln auf einigen Blättern<lb/>
eingebogen, aber in einer unregelmäszigen Weise, manchmal nur auf einer<lb/>
Seite des Blattes. Am nächsten Morgen, nach 22 Stunden 30 Minuten,<lb/>
hatte die Einbiegung nicht zugenommen. Die Drüsen auf der mittleren<lb/>
Scheibe waren geschwärzt, und hatten aufgehört abzusondern. Nach<lb/>
24 Stunden schienen alle mittleren Drüsen todt zu sein, aber die einge-<lb/>
bogenen Tentakeln hatten sich wieder ausgebreitet und erschienen ganz<lb/>
gesund. Es scheint daher die giftige Thätigkeit des Strychnins auf die<lb/>
Drüsen, welche es aufgesaugt haben, beschränkt zu sein; demungeachtet<lb/>
senden diese Drüsen den äuszeren Tentakeln einen motorischen Impuls<lb/>
zu. Kleine Tropfen (ungefähr <formula notation="TeX">\frac {1}{20}</formula> Minim) derselben Lösung an die Drüsen<lb/>
der äuszeren Tentakeln gehalten, verursachten gelegentlich eine Einbiegung.<lb/>
Das Gift scheint nicht schnell zu wirken, denn nachdem gleiche Tropfen<lb/>
einer eher stärkeren Lösung, von einem Theil auf 292 Theile Wasser, an<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">12*</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[179]/0193] Neuntes Capitel. Die Wirkungen gewisser alkoloiden Gifte, andrer Substanzen und Dämpfe. Strychninsalze. — Schwefelsaures Chinin unterbricht nicht bald die Bewegung des Protoplasma. — Andere Chininsalze. — Digitalin. — Nicotin. — Atropin. — Veratrin. — Colchicin. — Theïn. — Curare. — Morphium. — Hyoscyamus. — Das Gift der Cobra beschleunigt dem Anscheine nach die Bewegungen des Protoplasma. — Campher, ein kräftiges Reizmittel, seine Dämpfe narcotisch. — Gewisse ätherische Öle erregen Bewegung. — Glycerin. — Wasser und ge- wisse Lösungen verzögern oder verhindern die spätere Wirkung des phosphor- sauren Ammoniaks. — Alkohol unschädlich, sein Dampf narcotisch und giftig. — Chloroform, Schwefel- und Salpeter-Äther, ihre reizenden, giftigen und nar- cotischen Eigenschaften. — Kohlensäure narcotisch, nicht schnell giftig. — Schluszbemerkungen. Wie im letzten Capitel will ich zuerst meine Versuche mittheilen, und dann eine kurze Übersicht der Resultate mit einigen Schlusz- bemerkungen geben. Essigsaures Strychnin. — Halbe Minims einer Lösung von einem Theil auf 437 Theile Wasser wurden auf die Scheiben von sechs Blättern gelegt, so dasz jedes [FORMEL] Gran oder 0,0675 Milligr. erhielt. In 8 Stunden 30 Minuten waren die äuszeren Tentakeln auf einigen Blättern eingebogen, aber in einer unregelmäszigen Weise, manchmal nur auf einer Seite des Blattes. Am nächsten Morgen, nach 22 Stunden 30 Minuten, hatte die Einbiegung nicht zugenommen. Die Drüsen auf der mittleren Scheibe waren geschwärzt, und hatten aufgehört abzusondern. Nach 24 Stunden schienen alle mittleren Drüsen todt zu sein, aber die einge- bogenen Tentakeln hatten sich wieder ausgebreitet und erschienen ganz gesund. Es scheint daher die giftige Thätigkeit des Strychnins auf die Drüsen, welche es aufgesaugt haben, beschränkt zu sein; demungeachtet senden diese Drüsen den äuszeren Tentakeln einen motorischen Impuls zu. Kleine Tropfen (ungefähr [FORMEL] Minim) derselben Lösung an die Drüsen der äuszeren Tentakeln gehalten, verursachten gelegentlich eine Einbiegung. Das Gift scheint nicht schnell zu wirken, denn nachdem gleiche Tropfen einer eher stärkeren Lösung, von einem Theil auf 292 Theile Wasser, an 12*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876/193
Zitationshilfe: Darwin, Charles: Insectenfressende Pflanzen. Übers. v. Julius Victor Carus. Stuttgart, 1876, S. [179]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876/193>, abgerufen am 22.02.2019.