Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Darwin, Charles: Insectenfressende Pflanzen. Übers. v. Julius Victor Carus. Stuttgart, 1876.

Bild:
<< vorherige Seite

Cap. 16. Pinguicula lusitanica.
weicht hauptsächlich durch die bedeutendere Grösze ihrer Blätter und
dadurch von jener ab, dasz die drüsigen Haare in der Nähe des ba-
salen Theiles der Mittelrippe länger sind. Sie weicht aber in der
Constitution ab; ich höre von Herrn Ralfs, welcher so freundlich
war, mir Pflanzen aus Cornwall zu schicken, dasz sie an ziemlich
verschiedenen Lagen wächst; und Dr. Moore, vom botanischen Garten
in Glasnevin, theilt mir mit, dasz sie im Culturzustande viel besser
zu behandeln ist, reichlich wächst und jährlich blüht, während Pin-
guicula vulgaris
jedes Jahr erneuert werden musz. Herr Ralfs fand
zahlreiche Insecten und Fragmente von Insecten beinahe an allen
Blättern hängen. Dieselben waren hauptsächlich Diptern, daneben
einige Hymenoptern, Homoptern, Coleoptern und eine Motte. An
einem Blatte fanden sich neun todte Insecten auszer einigen wenigen
noch lebenden. Er beobachtete auch einige Früchte von Carex puli-
caris,
ebenso wie die Samen dieser selben Pinguicula, welche an den
Blättern hiengen. Ich stellte nur zwei Versuche mit dieser Species
an; zuerst wurde eine Fliege in die Nähe des Randes eines Blattes
gebracht, und nach 16 Stunden fand sich, dasz dasselbe ordentlich
eingebogen war. Zweitens wurden mehrere kleine Fliegen in einer
Reihe dem einen Rande eines andern Blattes entlang gelegt; und am
nächsten Morgen war dieser ganze Rand nach innen gerollt, wie es
bei der Pinguicula vulgaris der Fall war.

Pinguicula lusitanica.

Diese Species, von welcher mir lebende Exemplare von Herrn
Ralfs aus Cornwall gesandt wurden, ist von den beiden vorstehend
erwähnten sehr verschieden. Die Blätter sind im Ganzen kleiner,
viel durchscheinender, und sind mit purpurnen verzweigten Adern ge-
zeichnet. Die Ränder der Blätter sind viel bedeutender eingerollt;
diejenigen der älteren Blätter erstrecken sich über ein Drittel des
Raumes zwischen der Mittelrippe und der äuszeren Kante. Wie in
den beiden andern Species bestehn die drüsigen Haare aus zwei For-
men, längeren und kürzeren, und haben dieselbe Structur; die Drüsen
weichen aber dadurch ab, dasz sie purpurn sind und häufig granulöse
Substanz enthalten, ehe sie gereizt worden sind. Im untern Theile
des Blattes ist beinahe der halbe Raum auf jeder Seite zwischen der
Mittelrippe und dem Rande ohne Drüsen; diese sind durch lange,
ziemlich steife, vielzellige Haare ersetzt, welche sich über der Mittel-

Darwin, Insectenfressende Pflanzen. (VIII.) 23

Cap. 16. Pinguicula lusitanica.
weicht hauptsächlich durch die bedeutendere Grösze ihrer Blätter und
dadurch von jener ab, dasz die drüsigen Haare in der Nähe des ba-
salen Theiles der Mittelrippe länger sind. Sie weicht aber in der
Constitution ab; ich höre von Herrn Ralfs, welcher so freundlich
war, mir Pflanzen aus Cornwall zu schicken, dasz sie an ziemlich
verschiedenen Lagen wächst; und Dr. Moore, vom botanischen Garten
in Glasnevin, theilt mir mit, dasz sie im Culturzustande viel besser
zu behandeln ist, reichlich wächst und jährlich blüht, während Pin-
guicula vulgaris
jedes Jahr erneuert werden musz. Herr Ralfs fand
zahlreiche Insecten und Fragmente von Insecten beinahe an allen
Blättern hängen. Dieselben waren hauptsächlich Diptern, daneben
einige Hymenoptern, Homoptern, Coleoptern und eine Motte. An
einem Blatte fanden sich neun todte Insecten auszer einigen wenigen
noch lebenden. Er beobachtete auch einige Früchte von Carex puli-
caris,
ebenso wie die Samen dieser selben Pinguicula, welche an den
Blättern hiengen. Ich stellte nur zwei Versuche mit dieser Species
an; zuerst wurde eine Fliege in die Nähe des Randes eines Blattes
gebracht, und nach 16 Stunden fand sich, dasz dasselbe ordentlich
eingebogen war. Zweitens wurden mehrere kleine Fliegen in einer
Reihe dem einen Rande eines andern Blattes entlang gelegt; und am
nächsten Morgen war dieser ganze Rand nach innen gerollt, wie es
bei der Pinguicula vulgaris der Fall war.

Pinguicula lusitanica.

Diese Species, von welcher mir lebende Exemplare von Herrn
Ralfs aus Cornwall gesandt wurden, ist von den beiden vorstehend
erwähnten sehr verschieden. Die Blätter sind im Ganzen kleiner,
viel durchscheinender, und sind mit purpurnen verzweigten Adern ge-
zeichnet. Die Ränder der Blätter sind viel bedeutender eingerollt;
diejenigen der älteren Blätter erstrecken sich über ein Drittel des
Raumes zwischen der Mittelrippe und der äuszeren Kante. Wie in
den beiden andern Species bestehn die drüsigen Haare aus zwei For-
men, längeren und kürzeren, und haben dieselbe Structur; die Drüsen
weichen aber dadurch ab, dasz sie purpurn sind und häufig granulöse
Substanz enthalten, ehe sie gereizt worden sind. Im untern Theile
des Blattes ist beinahe der halbe Raum auf jeder Seite zwischen der
Mittelrippe und dem Rande ohne Drüsen; diese sind durch lange,
ziemlich steife, vielzellige Haare ersetzt, welche sich über der Mittel-

Darwin, Insectenfressende Pflanzen. (VIII.) 23
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0367" n="353"/><fw place="top" type="header">Cap. 16. Pinguicula lusitanica.</fw><lb/>
weicht hauptsächlich durch die bedeutendere Grösze ihrer Blätter und<lb/>
dadurch von jener ab, dasz die drüsigen Haare in der Nähe des ba-<lb/>
salen Theiles der Mittelrippe länger sind. Sie weicht aber in der<lb/>
Constitution ab; ich höre von Herrn <hi rendition="#k">Ralfs</hi>, welcher so freundlich<lb/>
war, mir Pflanzen aus Cornwall zu schicken, dasz sie an ziemlich<lb/>
verschiedenen Lagen wächst; und Dr. <hi rendition="#k">Moore</hi>, vom botanischen Garten<lb/>
in Glasnevin, theilt mir mit, dasz sie im Culturzustande viel besser<lb/>
zu behandeln ist, reichlich wächst und jährlich blüht, während <hi rendition="#i">Pin-<lb/>
guicula vulgaris</hi> jedes Jahr erneuert werden musz. Herr <hi rendition="#k">Ralfs</hi> fand<lb/>
zahlreiche Insecten und Fragmente von Insecten beinahe an allen<lb/>
Blättern hängen. Dieselben waren hauptsächlich Diptern, daneben<lb/>
einige Hymenoptern, Homoptern, Coleoptern und eine Motte. An<lb/>
einem Blatte fanden sich neun todte Insecten auszer einigen wenigen<lb/>
noch lebenden. Er beobachtete auch einige Früchte von <hi rendition="#i">Carex puli-<lb/>
caris,</hi> ebenso wie die Samen dieser selben <hi rendition="#i">Pinguicula,</hi> welche an den<lb/>
Blättern hiengen. Ich stellte nur zwei Versuche mit dieser Species<lb/>
an; zuerst wurde eine Fliege in die Nähe des Randes eines Blattes<lb/>
gebracht, und nach 16 Stunden fand sich, dasz dasselbe ordentlich<lb/>
eingebogen war. Zweitens wurden mehrere kleine Fliegen in einer<lb/>
Reihe dem einen Rande eines andern Blattes entlang gelegt; und am<lb/>
nächsten Morgen war dieser ganze Rand nach innen gerollt, wie es<lb/>
bei der <hi rendition="#i">Pinguicula vulgaris</hi> der Fall war.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Pinguicula lusitanica.</hi> </head><lb/>
          <p>Diese Species, von welcher mir lebende Exemplare von Herrn<lb/><hi rendition="#k">Ralfs</hi> aus Cornwall gesandt wurden, ist von den beiden vorstehend<lb/>
erwähnten sehr verschieden. Die Blätter sind im Ganzen kleiner,<lb/>
viel durchscheinender, und sind mit purpurnen verzweigten Adern ge-<lb/>
zeichnet. Die Ränder der Blätter sind viel bedeutender eingerollt;<lb/>
diejenigen der älteren Blätter erstrecken sich über ein Drittel des<lb/>
Raumes zwischen der Mittelrippe und der äuszeren Kante. Wie in<lb/>
den beiden andern Species bestehn die drüsigen Haare aus zwei For-<lb/>
men, längeren und kürzeren, und haben dieselbe Structur; die Drüsen<lb/>
weichen aber dadurch ab, dasz sie purpurn sind und häufig granulöse<lb/>
Substanz enthalten, ehe sie gereizt worden sind. Im untern Theile<lb/>
des Blattes ist beinahe der halbe Raum auf jeder Seite zwischen der<lb/>
Mittelrippe und dem Rande ohne Drüsen; diese sind durch lange,<lb/>
ziemlich steife, vielzellige Haare ersetzt, welche sich über der Mittel-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#k">Darwin</hi>, Insectenfressende Pflanzen. (VIII.) 23</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[353/0367] Cap. 16. Pinguicula lusitanica. weicht hauptsächlich durch die bedeutendere Grösze ihrer Blätter und dadurch von jener ab, dasz die drüsigen Haare in der Nähe des ba- salen Theiles der Mittelrippe länger sind. Sie weicht aber in der Constitution ab; ich höre von Herrn Ralfs, welcher so freundlich war, mir Pflanzen aus Cornwall zu schicken, dasz sie an ziemlich verschiedenen Lagen wächst; und Dr. Moore, vom botanischen Garten in Glasnevin, theilt mir mit, dasz sie im Culturzustande viel besser zu behandeln ist, reichlich wächst und jährlich blüht, während Pin- guicula vulgaris jedes Jahr erneuert werden musz. Herr Ralfs fand zahlreiche Insecten und Fragmente von Insecten beinahe an allen Blättern hängen. Dieselben waren hauptsächlich Diptern, daneben einige Hymenoptern, Homoptern, Coleoptern und eine Motte. An einem Blatte fanden sich neun todte Insecten auszer einigen wenigen noch lebenden. Er beobachtete auch einige Früchte von Carex puli- caris, ebenso wie die Samen dieser selben Pinguicula, welche an den Blättern hiengen. Ich stellte nur zwei Versuche mit dieser Species an; zuerst wurde eine Fliege in die Nähe des Randes eines Blattes gebracht, und nach 16 Stunden fand sich, dasz dasselbe ordentlich eingebogen war. Zweitens wurden mehrere kleine Fliegen in einer Reihe dem einen Rande eines andern Blattes entlang gelegt; und am nächsten Morgen war dieser ganze Rand nach innen gerollt, wie es bei der Pinguicula vulgaris der Fall war. Pinguicula lusitanica. Diese Species, von welcher mir lebende Exemplare von Herrn Ralfs aus Cornwall gesandt wurden, ist von den beiden vorstehend erwähnten sehr verschieden. Die Blätter sind im Ganzen kleiner, viel durchscheinender, und sind mit purpurnen verzweigten Adern ge- zeichnet. Die Ränder der Blätter sind viel bedeutender eingerollt; diejenigen der älteren Blätter erstrecken sich über ein Drittel des Raumes zwischen der Mittelrippe und der äuszeren Kante. Wie in den beiden andern Species bestehn die drüsigen Haare aus zwei For- men, längeren und kürzeren, und haben dieselbe Structur; die Drüsen weichen aber dadurch ab, dasz sie purpurn sind und häufig granulöse Substanz enthalten, ehe sie gereizt worden sind. Im untern Theile des Blattes ist beinahe der halbe Raum auf jeder Seite zwischen der Mittelrippe und dem Rande ohne Drüsen; diese sind durch lange, ziemlich steife, vielzellige Haare ersetzt, welche sich über der Mittel- Darwin, Insectenfressende Pflanzen. (VIII.) 23

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876/367
Zitationshilfe: Darwin, Charles: Insectenfressende Pflanzen. Übers. v. Julius Victor Carus. Stuttgart, 1876, S. 353. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/darwin_pflanzen_1876/367>, abgerufen am 18.02.2019.