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Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze. München u. a., 1914.

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Konrad Witz

Das Altarbild mit den Heiligen Katharina und Maria
Magdalena, dessen Nachbildung beigegeben ist
(Taf. 5), kam aus dem Nachlaß des Kanonikus
Straub in die städtische Gemäldesammlung zu
Straßburg. Woher der Vorbesitzer es erworben hat,
ist nicht zu ermitteln gewesen. Der Öffentlichkeit bekannt wurde
es zuerst im Jahre 1895 durch die Ausstellung elsässischer Kunst-
altertümer im Orangeriegebäude. Die Kenner standen vor ihm
in Verwunderung und Ratlosigkeit. Einige dachten an einen
holländischen, andere an einen tirolischen Meister, alle aber
schätzten die Entstehung um ein Menschenalter zu spät ein.
Die Lösung des Rätsels erfolgte jedoch schon bald -- ich
weiß nicht mit Sicherheit anzugeben, durch wen zuerst -- mit
der Entdeckung, daß das Straßburger Bild offenbar von derselben
Hand herrühre, wie die bis dahin wenig beachteten Reste eines
Altaraufsatzes aus der Makkabäerkapelle des Domes von Genf
(jetzt im Kellergeschoß der dortigen Universität schlecht aufge-
stellt). Nun konnte auch der gleiche Ursprung der Baseler Tafeln,
die zuletzt als Werke des Gerrit von St. Jans gegolten hatten,
nicht mehr zweifelhaft sein. Auf dem Genfer Altar aber fand
sich die Inschrift: "hoc opus pinxit magister conradus sapientis
de basilea MOCCCCO X LIIO."

Die Aufgabe, dem neuentdeckten Meister weiter nachzugehen,
fiel wie von selbst dem auf sie trefflichst vorbereiteten Baseler
Forscher Dr. Daniel Burckhardt zu. Das Ergebnis liegt jetzt der
Öffentlichkeit vor als Teil der "Festschrift zum vierhundertsten
Jahrestage des ewigen Bundes zwischen Basel und den Eidgenossen.
13. Juli 1901". Es ist in Kürze das folgende:

Der Conradus Sapientis der Genfer Tafel hieß zu deutsch
Konrad Witz. Er stammte aus Rottweil in Oberschwaben. Dort
ist eine direkte Spur von ihm zwar nicht aufgefunden worden,
vielleicht aber dürfen wir ihn als ein Glied des seit dem 14. Jahr-
hundert nachweisbaren Bürgergeschlechts der Witzmann ansehen
(vgl. auch die Genitivform sapientis). Im Jahre 1434 wurde er

Konrad Witz

Das Altarbild mit den Heiligen Katharina und Maria
Magdalena, dessen Nachbildung beigegeben ist
(Taf. 5), kam aus dem Nachlaß des Kanonikus
Straub in die städtische Gemäldesammlung zu
Straßburg. Woher der Vorbesitzer es erworben hat,
ist nicht zu ermitteln gewesen. Der Öffentlichkeit bekannt wurde
es zuerst im Jahre 1895 durch die Ausstellung elsässischer Kunst-
altertümer im Orangeriegebäude. Die Kenner standen vor ihm
in Verwunderung und Ratlosigkeit. Einige dachten an einen
holländischen, andere an einen tirolischen Meister, alle aber
schätzten die Entstehung um ein Menschenalter zu spät ein.
Die Lösung des Rätsels erfolgte jedoch schon bald — ich
weiß nicht mit Sicherheit anzugeben, durch wen zuerst — mit
der Entdeckung, daß das Straßburger Bild offenbar von derselben
Hand herrühre, wie die bis dahin wenig beachteten Reste eines
Altaraufsatzes aus der Makkabäerkapelle des Domes von Genf
(jetzt im Kellergeschoß der dortigen Universität schlecht aufge-
stellt). Nun konnte auch der gleiche Ursprung der Baseler Tafeln,
die zuletzt als Werke des Gerrit von St. Jans gegolten hatten,
nicht mehr zweifelhaft sein. Auf dem Genfer Altar aber fand
sich die Inschrift: »hoc opus pinxit magister conradus sapientis
de basilea MOCCCCO X LIIO

Die Aufgabe, dem neuentdeckten Meister weiter nachzugehen,
fiel wie von selbst dem auf sie trefflichst vorbereiteten Baseler
Forscher Dr. Daniel Burckhardt zu. Das Ergebnis liegt jetzt der
Öffentlichkeit vor als Teil der »Festschrift zum vierhundertsten
Jahrestage des ewigen Bundes zwischen Basel und den Eidgenossen.
13. Juli 1901«. Es ist in Kürze das folgende:

Der Conradus Sapientis der Genfer Tafel hieß zu deutsch
Konrad Witz. Er stammte aus Rottweil in Oberschwaben. Dort
ist eine direkte Spur von ihm zwar nicht aufgefunden worden,
vielleicht aber dürfen wir ihn als ein Glied des seit dem 14. Jahr-
hundert nachweisbaren Bürgergeschlechts der Witzmann ansehen
(vgl. auch die Genitivform sapientis). Im Jahre 1434 wurde er

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[[121]/0143] Konrad Witz Das Altarbild mit den Heiligen Katharina und Maria Magdalena, dessen Nachbildung beigegeben ist (Taf. 5), kam aus dem Nachlaß des Kanonikus Straub in die städtische Gemäldesammlung zu Straßburg. Woher der Vorbesitzer es erworben hat, ist nicht zu ermitteln gewesen. Der Öffentlichkeit bekannt wurde es zuerst im Jahre 1895 durch die Ausstellung elsässischer Kunst- altertümer im Orangeriegebäude. Die Kenner standen vor ihm in Verwunderung und Ratlosigkeit. Einige dachten an einen holländischen, andere an einen tirolischen Meister, alle aber schätzten die Entstehung um ein Menschenalter zu spät ein. Die Lösung des Rätsels erfolgte jedoch schon bald — ich weiß nicht mit Sicherheit anzugeben, durch wen zuerst — mit der Entdeckung, daß das Straßburger Bild offenbar von derselben Hand herrühre, wie die bis dahin wenig beachteten Reste eines Altaraufsatzes aus der Makkabäerkapelle des Domes von Genf (jetzt im Kellergeschoß der dortigen Universität schlecht aufge- stellt). Nun konnte auch der gleiche Ursprung der Baseler Tafeln, die zuletzt als Werke des Gerrit von St. Jans gegolten hatten, nicht mehr zweifelhaft sein. Auf dem Genfer Altar aber fand sich die Inschrift: »hoc opus pinxit magister conradus sapientis de basilea MOCCCCO X LIIO.« Die Aufgabe, dem neuentdeckten Meister weiter nachzugehen, fiel wie von selbst dem auf sie trefflichst vorbereiteten Baseler Forscher Dr. Daniel Burckhardt zu. Das Ergebnis liegt jetzt der Öffentlichkeit vor als Teil der »Festschrift zum vierhundertsten Jahrestage des ewigen Bundes zwischen Basel und den Eidgenossen. 13. Juli 1901«. Es ist in Kürze das folgende: Der Conradus Sapientis der Genfer Tafel hieß zu deutsch Konrad Witz. Er stammte aus Rottweil in Oberschwaben. Dort ist eine direkte Spur von ihm zwar nicht aufgefunden worden, vielleicht aber dürfen wir ihn als ein Glied des seit dem 14. Jahr- hundert nachweisbaren Bürgergeschlechts der Witzmann ansehen (vgl. auch die Genitivform sapientis). Im Jahre 1434 wurde er

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Zitationshilfe: Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze. München u. a., 1914, S. [121]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/dehio_aufsaetze_1914/143>, abgerufen am 22.03.2019.