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Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze. München u. a., 1914.

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Viktor Hehn.

Zum hundertsten Geburtstag, 8. Oktober 1913.

Viktor Hehn gehört als Schriftsteller der deutschen Literatur,
als Gelehrter der Welt. Von Geburt aber war er Livländer. Wir
haben ein Recht, mit Freude und Stolz ihn den Unsrigen zu
nennen. Denn dieser sein Geburtsstand ist bei ihm kein in-
differenter Nebenumstand. Daß hinter dem Schriftsteller und Ge-
lehrten Hehn eine ausgeprägte Persönlichkeit steht und daß wesent-
lich auf dieser die Tiefe und Dauer der von seinen Büchern aus-
gehenden Wirkungen beruht, ist längst bemerkt worden. Aber nur
wir, seine Landsleute, vermögen herauszufühlen, wieviel bedingtes,
und zwar baltisch bedingtes, in seinem Wesen war. Er hat sich
als junger Mensch heftig aus unserem Lande weggesehnt, er hat
wirklich auch nur den kürzeren Teil seines Lebens in ihm verbracht
und wissenschaftlich mit den Heimatproblemen nur vorübergehend
sich beschäftigt: und doch kann man sagen, bis in die Wahl seiner
wissenschaftlichen Lieblingsthemata, wie in seinem ganzen Urteil
über Welt und Menschen blieb dieser wurzelechte Sohn seiner
Heimat zeitlebens von dem unzerstörbaren Etwas abhängig, das
dieselbe ihm in Saft und Blut mitgegeben hatte.

Die baltischen Deutschen, die in das alte Mutterland zurück-
wandern, sind regelmäßig erstaunt durch die Beobachtung, wie
wenig man dort für die baltische Art in ihrer Besonderheit ein
Verständnis hat. Auch Hehn hat dies an sich erfahren. Als er nach
Quittierung seines Petersburger Amtes als Oberbibliothekar der
kaiserlichen Bibliothek nach Berlin übersiedelte (1873), erfüllte sich
ihm ein Lebenswunsch. Aber er wurde dessen nie ganz froh. Berlin,
wo er noch 17 Jahre gelebt hat und wo man ihm mit auszeich-
nendster Liebenswürdigkeit entgegengekommen war, wurde ihm
keine zweite Heimat. Diese Erscheinung, durch die ja viele von uns
zu schmerzlicher Enttäuschung geführt worden sind, hat nach
beiden Seiten ihren guten Grund. Wir Deutschlivländer, obschon
unsere Geschichte schon länger als 700 Jahre währt, sind immer-
dar im Zustande des Kolonistentums verblieben; das einst so
kolonialstarke deutsche Volk aber wurde jahrhundertelang in

Viktor Hehn.

Zum hundertsten Geburtstag, 8. Oktober 1913.

Viktor Hehn gehört als Schriftsteller der deutschen Literatur,
als Gelehrter der Welt. Von Geburt aber war er Livländer. Wir
haben ein Recht, mit Freude und Stolz ihn den Unsrigen zu
nennen. Denn dieser sein Geburtsstand ist bei ihm kein in-
differenter Nebenumstand. Daß hinter dem Schriftsteller und Ge-
lehrten Hehn eine ausgeprägte Persönlichkeit steht und daß wesent-
lich auf dieser die Tiefe und Dauer der von seinen Büchern aus-
gehenden Wirkungen beruht, ist längst bemerkt worden. Aber nur
wir, seine Landsleute, vermögen herauszufühlen, wieviel bedingtes,
und zwar baltisch bedingtes, in seinem Wesen war. Er hat sich
als junger Mensch heftig aus unserem Lande weggesehnt, er hat
wirklich auch nur den kürzeren Teil seines Lebens in ihm verbracht
und wissenschaftlich mit den Heimatproblemen nur vorübergehend
sich beschäftigt: und doch kann man sagen, bis in die Wahl seiner
wissenschaftlichen Lieblingsthemata, wie in seinem ganzen Urteil
über Welt und Menschen blieb dieser wurzelechte Sohn seiner
Heimat zeitlebens von dem unzerstörbaren Etwas abhängig, das
dieselbe ihm in Saft und Blut mitgegeben hatte.

Die baltischen Deutschen, die in das alte Mutterland zurück-
wandern, sind regelmäßig erstaunt durch die Beobachtung, wie
wenig man dort für die baltische Art in ihrer Besonderheit ein
Verständnis hat. Auch Hehn hat dies an sich erfahren. Als er nach
Quittierung seines Petersburger Amtes als Oberbibliothekar der
kaiserlichen Bibliothek nach Berlin übersiedelte (1873), erfüllte sich
ihm ein Lebenswunsch. Aber er wurde dessen nie ganz froh. Berlin,
wo er noch 17 Jahre gelebt hat und wo man ihm mit auszeich-
nendster Liebenswürdigkeit entgegengekommen war, wurde ihm
keine zweite Heimat. Diese Erscheinung, durch die ja viele von uns
zu schmerzlicher Enttäuschung geführt worden sind, hat nach
beiden Seiten ihren guten Grund. Wir Deutschlivländer, obschon
unsere Geschichte schon länger als 700 Jahre währt, sind immer-
dar im Zustande des Kolonistentums verblieben; das einst so
kolonialstarke deutsche Volk aber wurde jahrhundertelang in

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[[299]/0361] Viktor Hehn. Zum hundertsten Geburtstag, 8. Oktober 1913. Viktor Hehn gehört als Schriftsteller der deutschen Literatur, als Gelehrter der Welt. Von Geburt aber war er Livländer. Wir haben ein Recht, mit Freude und Stolz ihn den Unsrigen zu nennen. Denn dieser sein Geburtsstand ist bei ihm kein in- differenter Nebenumstand. Daß hinter dem Schriftsteller und Ge- lehrten Hehn eine ausgeprägte Persönlichkeit steht und daß wesent- lich auf dieser die Tiefe und Dauer der von seinen Büchern aus- gehenden Wirkungen beruht, ist längst bemerkt worden. Aber nur wir, seine Landsleute, vermögen herauszufühlen, wieviel bedingtes, und zwar baltisch bedingtes, in seinem Wesen war. Er hat sich als junger Mensch heftig aus unserem Lande weggesehnt, er hat wirklich auch nur den kürzeren Teil seines Lebens in ihm verbracht und wissenschaftlich mit den Heimatproblemen nur vorübergehend sich beschäftigt: und doch kann man sagen, bis in die Wahl seiner wissenschaftlichen Lieblingsthemata, wie in seinem ganzen Urteil über Welt und Menschen blieb dieser wurzelechte Sohn seiner Heimat zeitlebens von dem unzerstörbaren Etwas abhängig, das dieselbe ihm in Saft und Blut mitgegeben hatte. Die baltischen Deutschen, die in das alte Mutterland zurück- wandern, sind regelmäßig erstaunt durch die Beobachtung, wie wenig man dort für die baltische Art in ihrer Besonderheit ein Verständnis hat. Auch Hehn hat dies an sich erfahren. Als er nach Quittierung seines Petersburger Amtes als Oberbibliothekar der kaiserlichen Bibliothek nach Berlin übersiedelte (1873), erfüllte sich ihm ein Lebenswunsch. Aber er wurde dessen nie ganz froh. Berlin, wo er noch 17 Jahre gelebt hat und wo man ihm mit auszeich- nendster Liebenswürdigkeit entgegengekommen war, wurde ihm keine zweite Heimat. Diese Erscheinung, durch die ja viele von uns zu schmerzlicher Enttäuschung geführt worden sind, hat nach beiden Seiten ihren guten Grund. Wir Deutschlivländer, obschon unsere Geschichte schon länger als 700 Jahre währt, sind immer- dar im Zustande des Kolonistentums verblieben; das einst so kolonialstarke deutsche Volk aber wurde jahrhundertelang in

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Zitationshilfe: Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze. München u. a., 1914, S. [299]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/dehio_aufsaetze_1914/361>, abgerufen am 24.03.2019.