Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
Der Brief aus der Heimath.
Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht,
Und starrte in das aufgeschlagne Buch,
Die Zeilen zählte sie und wußt es nicht,
Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!
Was sind so ängstlich ihre nächt'gen Träume?
Was scheint die Sonne durch so öde Räume?
-- Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.
Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein,
Hat bebend an der Stiege sie gelauscht;
Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein,
Ein Fensterladen auf im Winde rauscht, --
Es kömmt, es naht, die Sorgen sind geendet:
Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet,
Und schloß sich dann in ihre Kammer ein.
Kein Lebenszeichen von der liebsten Hand,
Von jener, die sie sorglich hat gelenkt,
Als sie zum ersten Mal zu festem Stand
Die zarten Kinderfüßchen hat gesenkt;
Versprengter Tropfen von der Quelle Rande,
Harrt sie vergebens in dem fremden Lande;
Die Tage schleichen hin, die Woche schwand.
Was ihre rege Phantasie geweckt?
Ach, Eine Leiche sah die Heimath schon,
Der Brief aus der Heimath.
Sie ſaß am Fenſterrand im Morgenlicht,
Und ſtarrte in das aufgeſchlagne Buch,
Die Zeilen zählte ſie und wußt es nicht,
Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!
Was ſind ſo ängſtlich ihre nächt'gen Träume?
Was ſcheint die Sonne durch ſo öde Räume?
— Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.
Seit Wochen weckte ſie der Lampe Schein,
Hat bebend an der Stiege ſie gelauſcht;
Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein,
Ein Fenſterladen auf im Winde rauſcht, —
Es kömmt, es naht, die Sorgen ſind geendet:
Sie hat gefragt, ſie hat ſich abgewendet,
Und ſchloß ſich dann in ihre Kammer ein.
Kein Lebenszeichen von der liebſten Hand,
Von jener, die ſie ſorglich hat gelenkt,
Als ſie zum erſten Mal zu feſtem Stand
Die zarten Kinderfüßchen hat geſenkt;
Verſprengter Tropfen von der Quelle Rande,
Harrt ſie vergebens in dem fremden Lande;
Die Tage ſchleichen hin, die Woche ſchwand.
Was ihre rege Phantaſie geweckt?
Ach, Eine Leiche ſah die Heimath ſchon,
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0148" n="134"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Der Brief aus der Heimath.</hi><lb/>
          </head>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Sie &#x017F;aß am Fen&#x017F;terrand im Morgenlicht,</l><lb/>
              <l>Und &#x017F;tarrte in das aufge&#x017F;chlagne Buch,</l><lb/>
              <l>Die Zeilen zählte &#x017F;ie und wußt es nicht,</l><lb/>
              <l>Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!</l><lb/>
              <l>Was &#x017F;ind &#x017F;o äng&#x017F;tlich ihre nächt'gen Träume?</l><lb/>
              <l>Was &#x017F;cheint die Sonne durch &#x017F;o öde Räume?</l><lb/>
              <l>&#x2014; Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="2">
              <l>Seit Wochen weckte &#x017F;ie der Lampe Schein,</l><lb/>
              <l>Hat bebend an der Stiege &#x017F;ie gelau&#x017F;cht;</l><lb/>
              <l>Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein,</l><lb/>
              <l>Ein Fen&#x017F;terladen auf im Winde rau&#x017F;cht, &#x2014;</l><lb/>
              <l>Es kömmt, es naht, die Sorgen &#x017F;ind geendet:</l><lb/>
              <l>Sie hat gefragt, &#x017F;ie hat &#x017F;ich abgewendet,</l><lb/>
              <l>Und &#x017F;chloß &#x017F;ich dann in ihre Kammer ein.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="3">
              <l>Kein Lebenszeichen von der lieb&#x017F;ten Hand,</l><lb/>
              <l>Von jener, die &#x017F;ie &#x017F;orglich hat gelenkt,</l><lb/>
              <l>Als &#x017F;ie zum er&#x017F;ten Mal zu fe&#x017F;tem Stand</l><lb/>
              <l>Die zarten Kinderfüßchen hat ge&#x017F;enkt;</l><lb/>
              <l>Ver&#x017F;prengter Tropfen von der Quelle Rande,</l><lb/>
              <l>Harrt &#x017F;ie vergebens in dem fremden Lande;</l><lb/>
              <l>Die Tage &#x017F;chleichen hin, die Woche &#x017F;chwand.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="4">
              <l>Was ihre rege Phanta&#x017F;ie geweckt?</l><lb/>
              <l>Ach, Eine Leiche &#x017F;ah die Heimath &#x017F;chon,</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[134/0148] Der Brief aus der Heimath. Sie ſaß am Fenſterrand im Morgenlicht, Und ſtarrte in das aufgeſchlagne Buch, Die Zeilen zählte ſie und wußt es nicht, Ach weithin, weithin der Gedanken Flug! Was ſind ſo ängſtlich ihre nächt'gen Träume? Was ſcheint die Sonne durch ſo öde Räume? — Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht. Seit Wochen weckte ſie der Lampe Schein, Hat bebend an der Stiege ſie gelauſcht; Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein, Ein Fenſterladen auf im Winde rauſcht, — Es kömmt, es naht, die Sorgen ſind geendet: Sie hat gefragt, ſie hat ſich abgewendet, Und ſchloß ſich dann in ihre Kammer ein. Kein Lebenszeichen von der liebſten Hand, Von jener, die ſie ſorglich hat gelenkt, Als ſie zum erſten Mal zu feſtem Stand Die zarten Kinderfüßchen hat geſenkt; Verſprengter Tropfen von der Quelle Rande, Harrt ſie vergebens in dem fremden Lande; Die Tage ſchleichen hin, die Woche ſchwand. Was ihre rege Phantaſie geweckt? Ach, Eine Leiche ſah die Heimath ſchon,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/148
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 134. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/148>, abgerufen am 19.03.2019.