Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
Neujahrsnacht.
Im grauen Schneegestöber blassen
Die Formen, es zerfließt der Raum,
Laternen schwimmen durch die Gassen,
Und leise knistert es im Flaum;
Schon naht des Jahres letzte Stunde,
Und drüben, wo der matte Schein
Haucht aus den Fenstern der Rotunde,
Dort ziehn die frommen Beter ein.
Wie zu dem Richter der Bedrängte,
Ob dessen Haupt die Wage neigt,
Noch einmal schleicht eh der verhängte,
Der schwere Tag im Osten steigt,
Noch einmal faltet seine Hände
Um milden Spruch, so knien sie dort,
Still gläubig, daß ihr Flehen wende
Des Jahres ernstes Losungswort.
Ich sehe unter meinem Fenster
Sie gleiten durch den Nebelrauch,
Verhüllt und lautlos wie Gespenster,
Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;
Ein blasser Kreis zu ihren Füßen
Zieht über den verschneiten Grund,
Lichtfunken blitzen auf und schießen
Um der Laterne dunstig Rund.
Neujahrsnacht.
Im grauen Schneegeſtöber blaſſen
Die Formen, es zerfließt der Raum,
Laternen ſchwimmen durch die Gaſſen,
Und leiſe kniſtert es im Flaum;
Schon naht des Jahres letzte Stunde,
Und drüben, wo der matte Schein
Haucht aus den Fenſtern der Rotunde,
Dort ziehn die frommen Beter ein.
Wie zu dem Richter der Bedrängte,
Ob deſſen Haupt die Wage neigt,
Noch einmal ſchleicht eh der verhängte,
Der ſchwere Tag im Oſten ſteigt,
Noch einmal faltet ſeine Hände
Um milden Spruch, ſo knien ſie dort,
Still gläubig, daß ihr Flehen wende
Des Jahres ernſtes Loſungswort.
Ich ſehe unter meinem Fenſter
Sie gleiten durch den Nebelrauch,
Verhüllt und lautlos wie Geſpenſter,
Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;
Ein blaſſer Kreis zu ihren Füßen
Zieht über den verſchneiten Grund,
Lichtfunken blitzen auf und ſchießen
Um der Laterne dunſtig Rund.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0215" n="201"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Neujahrsnacht.</hi><lb/>
          </head>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Im grauen Schneege&#x017F;töber bla&#x017F;&#x017F;en</l><lb/>
              <l>Die Formen, es zerfließt der Raum,</l><lb/>
              <l>Laternen &#x017F;chwimmen durch die Ga&#x017F;&#x017F;en,</l><lb/>
              <l>Und lei&#x017F;e kni&#x017F;tert es im Flaum;</l><lb/>
              <l>Schon naht des Jahres letzte Stunde,</l><lb/>
              <l>Und drüben, wo der matte Schein</l><lb/>
              <l>Haucht aus den Fen&#x017F;tern der Rotunde,</l><lb/>
              <l>Dort ziehn die frommen Beter ein.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="2">
              <l>Wie zu dem Richter der Bedrängte,</l><lb/>
              <l>Ob de&#x017F;&#x017F;en Haupt die Wage neigt,</l><lb/>
              <l>Noch einmal &#x017F;chleicht eh der verhängte,</l><lb/>
              <l>Der &#x017F;chwere Tag im O&#x017F;ten &#x017F;teigt,</l><lb/>
              <l>Noch einmal faltet &#x017F;eine Hände</l><lb/>
              <l>Um milden Spruch, &#x017F;o knien &#x017F;ie dort,</l><lb/>
              <l>Still gläubig, daß ihr Flehen wende</l><lb/>
              <l>Des Jahres ern&#x017F;tes Lo&#x017F;ungswort.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="3">
              <l>Ich &#x017F;ehe unter meinem Fen&#x017F;ter</l><lb/>
              <l>Sie gleiten durch den Nebelrauch,</l><lb/>
              <l>Verhüllt und lautlos wie Ge&#x017F;pen&#x017F;ter,</l><lb/>
              <l>Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;</l><lb/>
              <l>Ein bla&#x017F;&#x017F;er Kreis zu ihren Füßen</l><lb/>
              <l>Zieht über den ver&#x017F;chneiten Grund,</l><lb/>
              <l>Lichtfunken blitzen auf und &#x017F;chießen</l><lb/>
              <l>Um der Laterne dun&#x017F;tig Rund.</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[201/0215] Neujahrsnacht. Im grauen Schneegeſtöber blaſſen Die Formen, es zerfließt der Raum, Laternen ſchwimmen durch die Gaſſen, Und leiſe kniſtert es im Flaum; Schon naht des Jahres letzte Stunde, Und drüben, wo der matte Schein Haucht aus den Fenſtern der Rotunde, Dort ziehn die frommen Beter ein. Wie zu dem Richter der Bedrängte, Ob deſſen Haupt die Wage neigt, Noch einmal ſchleicht eh der verhängte, Der ſchwere Tag im Oſten ſteigt, Noch einmal faltet ſeine Hände Um milden Spruch, ſo knien ſie dort, Still gläubig, daß ihr Flehen wende Des Jahres ernſtes Loſungswort. Ich ſehe unter meinem Fenſter Sie gleiten durch den Nebelrauch, Verhüllt und lautlos wie Geſpenſter, Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch; Ein blaſſer Kreis zu ihren Füßen Zieht über den verſchneiten Grund, Lichtfunken blitzen auf und ſchießen Um der Laterne dunſtig Rund.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/215
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 201. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/215>, abgerufen am 20.03.2019.