Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

Bild:
<< vorherige Seite

opferte; sein Beispiel wirkte in weiten und weiteren Kreisen, man
begann Götter der Fremde heimisch zu machen und fand heimath-
liche Götter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkreise
und Theogonien der verschiedenen Völker mit einander zu verglei-
chen und in Einklang zu bringen, man begann sich zu überzeugen,
daß alle Völker mehr oder minder dieselben Gottheiten verehrten,
und daß die Unterschiede ihrer Namen, Attribute und Dienste
nur zufällig und äußerlich seien. So offenbarte es sich, daß die
Zeit nationeller, das heißt heidnischer Religionen vorüber, daß die
Menschheit einer einigen und allgemeinen Religion bedürftig sei;
die Theokrasie war selbst nichts als ein Versuch, durch Vermi-
schung aller jener nationaler Religionssysteme eine Einheit hervor-
zubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es
war die Arbeit der Hellenistischen Jahrhunderte, die Elemente ei-
ner höheren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Ge-
fühl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Bedürfniß der Buße und
des Trostes, die Kraft der tiefsten Demuth und der Erhebung zur
Freiheit in Gott zu erwecken; es sind die Jahrhunderte der Gott-
losigkeit, der tiefsten Zerknirschung, des immer lauteren Rufes nach
dem Erlösenden. In Alexander hatte sich der Anthropomorphismus
des Griechischen Heidenthums erfüllt, der Mensch war Gott, Göt-
ter nicht mehr; sein, des Gottes, war das Reich dieser Welt, in
ihm der Mensch erhöht zu der letzten Höhe der Endlichkeit, durch
ihn die Menschheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der
Sterblichgeborenen einer war.


opferte; ſein Beiſpiel wirkte in weiten und weiteren Kreiſen, man
begann Goͤtter der Fremde heimiſch zu machen und fand heimath-
liche Goͤtter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkreiſe
und Theogonien der verſchiedenen Voͤlker mit einander zu verglei-
chen und in Einklang zu bringen, man begann ſich zu uͤberzeugen,
daß alle Voͤlker mehr oder minder dieſelben Gottheiten verehrten,
und daß die Unterſchiede ihrer Namen, Attribute und Dienſte
nur zufaͤllig und aͤußerlich ſeien. So offenbarte es ſich, daß die
Zeit nationeller, das heißt heidniſcher Religionen voruͤber, daß die
Menſchheit einer einigen und allgemeinen Religion beduͤrftig ſei;
die Theokraſie war ſelbſt nichts als ein Verſuch, durch Vermi-
ſchung aller jener nationaler Religionsſyſteme eine Einheit hervor-
zubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es
war die Arbeit der Helleniſtiſchen Jahrhunderte, die Elemente ei-
ner hoͤheren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Ge-
fuͤhl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Beduͤrfniß der Buße und
des Troſtes, die Kraft der tiefſten Demuth und der Erhebung zur
Freiheit in Gott zu erwecken; es ſind die Jahrhunderte der Gott-
loſigkeit, der tiefſten Zerknirſchung, des immer lauteren Rufes nach
dem Erloͤſenden. In Alexander hatte ſich der Anthropomorphismus
des Griechiſchen Heidenthums erfuͤllt, der Menſch war Gott, Goͤt-
ter nicht mehr; ſein, des Gottes, war das Reich dieſer Welt, in
ihm der Menſch erhoͤht zu der letzten Hoͤhe der Endlichkeit, durch
ihn die Menſchheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der
Sterblichgeborenen einer war.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0565" n="551"/>
opferte; &#x017F;ein Bei&#x017F;piel wirkte in weiten und weiteren Krei&#x017F;en, man<lb/>
begann Go&#x0364;tter der Fremde heimi&#x017F;ch zu machen und fand heimath-<lb/>
liche Go&#x0364;tter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkrei&#x017F;e<lb/>
und Theogonien der ver&#x017F;chiedenen Vo&#x0364;lker mit einander zu verglei-<lb/>
chen und in Einklang zu bringen, man begann &#x017F;ich zu u&#x0364;berzeugen,<lb/>
daß alle Vo&#x0364;lker mehr oder minder die&#x017F;elben Gottheiten verehrten,<lb/>
und daß die Unter&#x017F;chiede ihrer Namen, Attribute und Dien&#x017F;te<lb/>
nur zufa&#x0364;llig und a&#x0364;ußerlich &#x017F;eien. So offenbarte es &#x017F;ich, daß die<lb/>
Zeit nationeller, das heißt heidni&#x017F;cher Religionen voru&#x0364;ber, daß die<lb/>
Men&#x017F;chheit einer einigen und allgemeinen Religion bedu&#x0364;rftig &#x017F;ei;<lb/>
die Theokra&#x017F;ie war &#x017F;elb&#x017F;t nichts als ein Ver&#x017F;uch, durch Vermi-<lb/>
&#x017F;chung aller jener nationaler Religions&#x017F;y&#x017F;teme eine Einheit hervor-<lb/>
zubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es<lb/>
war die Arbeit der Helleni&#x017F;ti&#x017F;chen Jahrhunderte, die Elemente ei-<lb/>
ner ho&#x0364;heren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Ge-<lb/>
fu&#x0364;hl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Bedu&#x0364;rfniß der Buße und<lb/>
des Tro&#x017F;tes, die Kraft der tief&#x017F;ten Demuth und der Erhebung zur<lb/>
Freiheit in Gott zu erwecken; es &#x017F;ind die Jahrhunderte der Gott-<lb/>
lo&#x017F;igkeit, der tief&#x017F;ten Zerknir&#x017F;chung, des immer lauteren Rufes nach<lb/>
dem Erlo&#x0364;&#x017F;enden. In Alexander hatte &#x017F;ich der Anthropomorphismus<lb/>
des Griechi&#x017F;chen Heidenthums erfu&#x0364;llt, der Men&#x017F;ch war Gott, Go&#x0364;t-<lb/>
ter nicht mehr; &#x017F;ein, des Gottes, war das Reich die&#x017F;er Welt, in<lb/>
ihm der Men&#x017F;ch erho&#x0364;ht zu der letzten Ho&#x0364;he der Endlichkeit, durch<lb/>
ihn die Men&#x017F;chheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der<lb/>
Sterblichgeborenen einer war.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[551/0565] opferte; ſein Beiſpiel wirkte in weiten und weiteren Kreiſen, man begann Goͤtter der Fremde heimiſch zu machen und fand heimath- liche Goͤtter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkreiſe und Theogonien der verſchiedenen Voͤlker mit einander zu verglei- chen und in Einklang zu bringen, man begann ſich zu uͤberzeugen, daß alle Voͤlker mehr oder minder dieſelben Gottheiten verehrten, und daß die Unterſchiede ihrer Namen, Attribute und Dienſte nur zufaͤllig und aͤußerlich ſeien. So offenbarte es ſich, daß die Zeit nationeller, das heißt heidniſcher Religionen voruͤber, daß die Menſchheit einer einigen und allgemeinen Religion beduͤrftig ſei; die Theokraſie war ſelbſt nichts als ein Verſuch, durch Vermi- ſchung aller jener nationaler Religionsſyſteme eine Einheit hervor- zubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es war die Arbeit der Helleniſtiſchen Jahrhunderte, die Elemente ei- ner hoͤheren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Ge- fuͤhl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Beduͤrfniß der Buße und des Troſtes, die Kraft der tiefſten Demuth und der Erhebung zur Freiheit in Gott zu erwecken; es ſind die Jahrhunderte der Gott- loſigkeit, der tiefſten Zerknirſchung, des immer lauteren Rufes nach dem Erloͤſenden. In Alexander hatte ſich der Anthropomorphismus des Griechiſchen Heidenthums erfuͤllt, der Menſch war Gott, Goͤt- ter nicht mehr; ſein, des Gottes, war das Reich dieſer Welt, in ihm der Menſch erhoͤht zu der letzten Hoͤhe der Endlichkeit, durch ihn die Menſchheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der Sterblichgeborenen einer war.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/565
Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 551. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/565>, abgerufen am 15.07.2020.