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Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

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Hebrus aufwärts, zu den Pässen zu gelangen, während der Lynke-
stier Alexander, mit einem Theile des Heeres die andern Thraci-
schen Landschaften zu durchziehen, ostwärts ging 70). Nach einem Mar-
sche von zehn Tagen kam Alexander vor denselben an; der Weg, der
sich hier eng und steil zwischen den Höhen der Rhodope und des
Hämus hindurchdrängt 70b), war von den Feinden besetzt, die mit
aller Macht den Urbergang hindern zu wollen schienen, theils Ge-
birgsbewohnern dieser Gegend 71), theils freien Thraciern, die hier
den Macedoniern mit besserem Glücke zu widerstehen hofften, als
im Thalbette des Nessus. Nur mit Dolch und Jagdspieß bewaff-
net, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes bedeckt 72), so daß
sie gegen die schwerbewaffneten Macedonier nicht das Feld halten
konnten, wollten sie die feindlichen Phalangen, wenn sie gegen die
Höhen anrückten, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit
denen sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung
bringen, um über die aufgelös'ten Reihen mit gewohnter Heftigkeit
herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah, und sich überzeugte,
daß der Uebergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab seinen
Phalangen die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall,
wo es das Terrain gestattete, die Reihen zu öffnen, und die Wa-
gen durch diese Lücken hinfahren zu lassen; wo sie aber sich nicht
nach den Seiten hin ausbreiten könnten, sollten sie, das Knie gegen
den Boden gestemmt, die Schilde über ihre Häupter fest an einan-
der schließen, damit die niederfahrenden Wagen über sie wegrollten.
Die Wagen kamen und jagten theils durch die Oeffnungen, theils
über die Schilddächer hinweg, ohne den geringsten Schaden zu
thun. Mit lautem Geschrei drangen jetzt die Macedonier auf die

70) Arrian I. 25. 4.
70b) Ammian. Marcell. XXI. 20.
71) Die schlechte Lesart bei Arrian ton de emporon polloi hat
Mitford zu einer eben so gelehrten als gedankenlosen Auseinander-
setzung über antike Schleichhändler benutzt. Eine genauere Prüfung
des Zusammenhanges und der Lokalität macht die Emendation ton
ek ton oron polloi unwiderleglich; es sind wohl die Bessier ge-
meint, die Vorsteher des Dionysosheiligthumes in den Bergen. Dio
Cass. LI. 25. LIV. 34. Herod. VII.
110.
72) Herod. VII. 75.
Thuc. II. 98. Arrian. I.
1.

Hebrus aufwärts, zu den Päſſen zu gelangen, während der Lynke-
ſtier Alexander, mit einem Theile des Heeres die andern Thraci-
ſchen Landſchaften zu durchziehen, oſtwärts ging 70). Nach einem Mar-
ſche von zehn Tagen kam Alexander vor denſelben an; der Weg, der
ſich hier eng und ſteil zwiſchen den Höhen der Rhodope und des
Hämus hindurchdrängt 70b), war von den Feinden beſetzt, die mit
aller Macht den Urbergang hindern zu wollen ſchienen, theils Ge-
birgsbewohnern dieſer Gegend 71), theils freien Thraciern, die hier
den Macedoniern mit beſſerem Glücke zu widerſtehen hofften, als
im Thalbette des Neſſus. Nur mit Dolch und Jagdſpieß bewaff-
net, mit einem Fuchsbalg ſtatt des Helmes bedeckt 72), ſo daß
ſie gegen die ſchwerbewaffneten Macedonier nicht das Feld halten
konnten, wollten ſie die feindlichen Phalangen, wenn ſie gegen die
Höhen anrückten, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit
denen ſie die Höhen beſetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung
bringen, um über die aufgelöſ’ten Reihen mit gewohnter Heftigkeit
herzufallen. Alexander, der die Gefahr ſah, und ſich überzeugte,
daß der Uebergang an keiner anderen Stelle möglich ſei, gab ſeinen
Phalangen die Weiſung, ſobald die Wagen herabrollten, überall,
wo es das Terrain geſtattete, die Reihen zu öffnen, und die Wa-
gen durch dieſe Lücken hinfahren zu laſſen; wo ſie aber ſich nicht
nach den Seiten hin ausbreiten könnten, ſollten ſie, das Knie gegen
den Boden geſtemmt, die Schilde über ihre Häupter feſt an einan-
der ſchließen, damit die niederfahrenden Wagen über ſie wegrollten.
Die Wagen kamen und jagten theils durch die Oeffnungen, theils
über die Schilddächer hinweg, ohne den geringſten Schaden zu
thun. Mit lautem Geſchrei drangen jetzt die Macedonier auf die

70) Arrian I. 25. 4.
70b) Ammian. Marcell. XXI. 20.
71) Die ſchlechte Lesart bei Arrian τῶν δὲ ἐμπόϱων πολλοὶ hat
Mitford zu einer eben ſo gelehrten als gedankenloſen Auseinander-
ſetzung über antike Schleichhändler benutzt. Eine genauere Prüfung
des Zuſammenhanges und der Lokalität macht die Emendation τῶν
ἐκ τῶν ὄϱων πολλοί unwiderleglich; es ſind wohl die Beſſier ge-
meint, die Vorſteher des Dionyſosheiligthumes in den Bergen. Dio
Cass. LI. 25. LIV. 34. Herod. VII.
110.
72) Herod. VII. 75.
Thuc. II. 98. Arrian. I.
1.
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[68/0082] Hebrus aufwärts, zu den Päſſen zu gelangen, während der Lynke- ſtier Alexander, mit einem Theile des Heeres die andern Thraci- ſchen Landſchaften zu durchziehen, oſtwärts ging 70). Nach einem Mar- ſche von zehn Tagen kam Alexander vor denſelben an; der Weg, der ſich hier eng und ſteil zwiſchen den Höhen der Rhodope und des Hämus hindurchdrängt 70b), war von den Feinden beſetzt, die mit aller Macht den Urbergang hindern zu wollen ſchienen, theils Ge- birgsbewohnern dieſer Gegend 71), theils freien Thraciern, die hier den Macedoniern mit beſſerem Glücke zu widerſtehen hofften, als im Thalbette des Neſſus. Nur mit Dolch und Jagdſpieß bewaff- net, mit einem Fuchsbalg ſtatt des Helmes bedeckt 72), ſo daß ſie gegen die ſchwerbewaffneten Macedonier nicht das Feld halten konnten, wollten ſie die feindlichen Phalangen, wenn ſie gegen die Höhen anrückten, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen ſie die Höhen beſetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über die aufgelöſ’ten Reihen mit gewohnter Heftigkeit herzufallen. Alexander, der die Gefahr ſah, und ſich überzeugte, daß der Uebergang an keiner anderen Stelle möglich ſei, gab ſeinen Phalangen die Weiſung, ſobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das Terrain geſtattete, die Reihen zu öffnen, und die Wa- gen durch dieſe Lücken hinfahren zu laſſen; wo ſie aber ſich nicht nach den Seiten hin ausbreiten könnten, ſollten ſie, das Knie gegen den Boden geſtemmt, die Schilde über ihre Häupter feſt an einan- der ſchließen, damit die niederfahrenden Wagen über ſie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten theils durch die Oeffnungen, theils über die Schilddächer hinweg, ohne den geringſten Schaden zu thun. Mit lautem Geſchrei drangen jetzt die Macedonier auf die 70) Arrian I. 25. 4. 70b) Ammian. Marcell. XXI. 20. 71) Die ſchlechte Lesart bei Arrian τῶν δὲ ἐμπόϱων πολλοὶ hat Mitford zu einer eben ſo gelehrten als gedankenloſen Auseinander- ſetzung über antike Schleichhändler benutzt. Eine genauere Prüfung des Zuſammenhanges und der Lokalität macht die Emendation τῶν ἐκ τῶν ὄϱων πολλοί unwiderleglich; es ſind wohl die Beſſier ge- meint, die Vorſteher des Dionyſosheiligthumes in den Bergen. Dio Cass. LI. 25. LIV. 34. Herod. VII. 110. 72) Herod. VII. 75. Thuc. II. 98. Arrian. I. 1.

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Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/82>, abgerufen am 21.09.2020.