Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 1. Hildesheim, 1747.

Bild:
<< vorherige Seite
Eine Uhr im Todtenkopfe.
Eine Uhr im Todtenkopfe.
Ein Mensch der plözlich starb, von jähen
Schlag gerührt,
Ward neulich unvermerkt, aus dieser
Zeit entführt;
Jndem er eine Uhr ins Nachbars Haus getragen
Must seine Lebens-Uhr die lezte Stunde schlagen.
Jndem er jenes Werk, hatt in den Gang gebracht,
Ward seine Lebens-Uhr ihm selbst zu nicht gemacht:
Ein ängstlich banges Weh durchkroch die schlaffen
Glieder,
Er sang, als wie entseelt, auf einen Sessel nieder.
Man rief mich zu ihn hin, als Lehrer beizustehn,
Die Augen sahen starr; doch konnt er nicht mehr
sehn;
Sein Geist erhohlte sich, doch in sehr wenig Stun-
den,
War Sprache, Othem, Geist, gleich wiederum
verschwunden.
O! plözlich schneller Todt! dacht ich in meinen Sin,
Wer also selig stirbt, dem ist er ein Gewin:
Wer aber an das End, nie eh es kömmt, gedenket,
Dem ist er solch ein Weh, das ihm auf ewig krän-
ket.
Man sagte mir hernach, ein schönes Sinnenbild,
Daß dieser Selige, der seine Tag erfüllt,
Zu Todts-Erinnerung, in seines Lebens Tagen,
Als eine Taschen-Uhr, bei sich umher getragen.
Sie war also gemacht, daß dieses Räderwerk,
Jm Todtenkopf verstekt. O! schönes Augenmerk
Wolt
Eine Uhr im Todtenkopfe.
Eine Uhr im Todtenkopfe.
Ein Menſch der ploͤzlich ſtarb, von jaͤhen
Schlag geruͤhrt,
Ward neulich unvermerkt, aus dieſer
Zeit entfuͤhrt;
Jndem er eine Uhr ins Nachbars Haus getragen
Muſt ſeine Lebens-Uhr die lezte Stunde ſchlagen.
Jndem er jenes Werk, hatt in den Gang gebracht,
Ward ſeine Lebens-Uhr ihm ſelbſt zu nicht gemacht:
Ein aͤngſtlich banges Weh durchkroch die ſchlaffen
Glieder,
Er ſang, als wie entſeelt, auf einen Seſſel nieder.
Man rief mich zu ihn hin, als Lehrer beizuſtehn,
Die Augen ſahen ſtarr; doch konnt er nicht mehr
ſehn;
Sein Geiſt erhohlte ſich, doch in ſehr wenig Stun-
den,
War Sprache, Othem, Geiſt, gleich wiederum
verſchwunden.
O! ploͤzlich ſchneller Todt! dacht ich in meinen Sin,
Wer alſo ſelig ſtirbt, dem iſt er ein Gewin:
Wer aber an das End, nie eh es koͤmmt, gedenket,
Dem iſt er ſolch ein Weh, das ihm auf ewig kraͤn-
ket.
Man ſagte mir hernach, ein ſchoͤnes Sinnenbild,
Daß dieſer Selige, der ſeine Tag erfuͤllt,
Zu Todts-Erinnerung, in ſeines Lebens Tagen,
Als eine Taſchen-Uhr, bei ſich umher getragen.
Sie war alſo gemacht, daß dieſes Raͤderwerk,
Jm Todtenkopf verſtekt. O! ſchoͤnes Augenmerk
Wolt
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0314" n="298"/>
      <fw place="top" type="header">Eine Uhr im Todtenkopfe.</fw><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Eine Uhr im Todtenkopfe.</hi> </head><lb/>
        <lg type="poem">
          <l><hi rendition="#in">E</hi>in Men&#x017F;ch der plo&#x0364;zlich &#x017F;tarb, von ja&#x0364;hen</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">Schlag geru&#x0364;hrt,</hi> </l><lb/>
          <l>Ward neulich unvermerkt, aus die&#x017F;er</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">Zeit entfu&#x0364;hrt;</hi> </l><lb/>
          <l>Jndem er eine Uhr ins Nachbars Haus getragen</l><lb/>
          <l>Mu&#x017F;t &#x017F;eine Lebens-Uhr die lezte Stunde &#x017F;chlagen.</l><lb/>
          <l>Jndem er jenes Werk, hatt in den Gang gebracht,</l><lb/>
          <l>Ward &#x017F;eine Lebens-Uhr ihm &#x017F;elb&#x017F;t zu nicht gemacht:</l><lb/>
          <l>Ein a&#x0364;ng&#x017F;tlich banges Weh durchkroch die &#x017F;chlaffen</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">Glieder,</hi> </l><lb/>
          <l>Er &#x017F;ang, als wie ent&#x017F;eelt, auf einen Se&#x017F;&#x017F;el nieder.</l><lb/>
          <l>Man rief mich zu ihn hin, als Lehrer beizu&#x017F;tehn,</l><lb/>
          <l>Die Augen &#x017F;ahen &#x017F;tarr; doch konnt er nicht mehr</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">&#x017F;ehn;</hi> </l><lb/>
          <l>Sein Gei&#x017F;t erhohlte &#x017F;ich, doch in &#x017F;ehr wenig Stun-</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">den,</hi> </l><lb/>
          <l>War Sprache, Othem, Gei&#x017F;t, gleich wiederum</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">ver&#x017F;chwunden.</hi> </l><lb/>
          <l>O! plo&#x0364;zlich &#x017F;chneller Todt! dacht ich in meinen Sin,</l><lb/>
          <l>Wer al&#x017F;o &#x017F;elig &#x017F;tirbt, dem i&#x017F;t er ein Gewin:</l><lb/>
          <l>Wer aber an das End, nie eh es ko&#x0364;mmt, gedenket,</l><lb/>
          <l>Dem i&#x017F;t er &#x017F;olch ein Weh, das ihm auf ewig kra&#x0364;n-</l><lb/>
          <l> <hi rendition="#et">ket.</hi> </l><lb/>
          <l>Man &#x017F;agte mir hernach, ein &#x017F;cho&#x0364;nes Sinnenbild,</l><lb/>
          <l>Daß die&#x017F;er Selige, der &#x017F;eine Tag erfu&#x0364;llt,</l><lb/>
          <l>Zu Todts-Erinnerung, in &#x017F;eines Lebens Tagen,</l><lb/>
          <l>Als eine Ta&#x017F;chen-Uhr, bei &#x017F;ich umher getragen.</l><lb/>
          <l>Sie war al&#x017F;o gemacht, daß die&#x017F;es Ra&#x0364;derwerk,</l><lb/>
          <l>Jm Todtenkopf ver&#x017F;tekt. O! &#x017F;cho&#x0364;nes Augenmerk</l><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Wolt</fw><lb/>
        </lg>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[298/0314] Eine Uhr im Todtenkopfe. Eine Uhr im Todtenkopfe. Ein Menſch der ploͤzlich ſtarb, von jaͤhen Schlag geruͤhrt, Ward neulich unvermerkt, aus dieſer Zeit entfuͤhrt; Jndem er eine Uhr ins Nachbars Haus getragen Muſt ſeine Lebens-Uhr die lezte Stunde ſchlagen. Jndem er jenes Werk, hatt in den Gang gebracht, Ward ſeine Lebens-Uhr ihm ſelbſt zu nicht gemacht: Ein aͤngſtlich banges Weh durchkroch die ſchlaffen Glieder, Er ſang, als wie entſeelt, auf einen Seſſel nieder. Man rief mich zu ihn hin, als Lehrer beizuſtehn, Die Augen ſahen ſtarr; doch konnt er nicht mehr ſehn; Sein Geiſt erhohlte ſich, doch in ſehr wenig Stun- den, War Sprache, Othem, Geiſt, gleich wiederum verſchwunden. O! ploͤzlich ſchneller Todt! dacht ich in meinen Sin, Wer alſo ſelig ſtirbt, dem iſt er ein Gewin: Wer aber an das End, nie eh es koͤmmt, gedenket, Dem iſt er ſolch ein Weh, das ihm auf ewig kraͤn- ket. Man ſagte mir hernach, ein ſchoͤnes Sinnenbild, Daß dieſer Selige, der ſeine Tag erfuͤllt, Zu Todts-Erinnerung, in ſeines Lebens Tagen, Als eine Taſchen-Uhr, bei ſich umher getragen. Sie war alſo gemacht, daß dieſes Raͤderwerk, Jm Todtenkopf verſtekt. O! ſchoͤnes Augenmerk Wolt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen01_1747
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen01_1747/314
Zitationshilfe: Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 1. Hildesheim, 1747, S. 298. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen01_1747/314>, abgerufen am 03.08.2020.