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Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836.

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Ich ging diesen Mittag um ein Uhr zu Goethe, der
mich vor Tisch zu einer Spazierfahrt hatte einladen
lassen. Wir fuhren die Straße nach Erfurt. Das
Wetter war sehr schön, die Kornfelder zu beyden Sei¬
ten des Weges erquickten das Auge mit dem lebhaftesten
Grün; Goethe schien in seinen Empfindungen heiter
und jung wie der beginnende Lenz; in seinen Worten
aber alt an Weisheit.

"Ich sage immer und wiederhole es, begann er, die
Welt könnte nicht bestehen, wenn sie nicht so einfach
wäre. Dieser elende Boden wird nun schon tausend
Jahre bebaut und seine Kräfte sind immer dieselbigen.
Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, und es wird
jeden Frühling wieder grün, und so fort." Ich fand
auf diese Worte nichts zu erwiedern und hinzuzusetzen.
Goethe ließ seine Blicke über die grünenden Felder
schweifen, sodann aber, wieder zu mir gewendet, fuhr
er über andere Dinge folgendermaßen fort.

"Ich habe in diesen Tagen eine wunderliche Lectüre
gehabt, nämlich die Briefe Jacobi's und seiner Freunde.
Dieß ist ein höchst merkwürdiges Buch und Sie müssen
es lesen, nicht um etwas daraus zu lernen, sondern um
in den Zustand damaliger Cultur und Literatur hinein¬
zublicken, von dem man keinen Begriff hat. Man sieht

Ich ging dieſen Mittag um ein Uhr zu Goethe, der
mich vor Tiſch zu einer Spazierfahrt hatte einladen
laſſen. Wir fuhren die Straße nach Erfurt. Das
Wetter war ſehr ſchoͤn, die Kornfelder zu beyden Sei¬
ten des Weges erquickten das Auge mit dem lebhafteſten
Gruͤn; Goethe ſchien in ſeinen Empfindungen heiter
und jung wie der beginnende Lenz; in ſeinen Worten
aber alt an Weisheit.

„Ich ſage immer und wiederhole es, begann er, die
Welt koͤnnte nicht beſtehen, wenn ſie nicht ſo einfach
waͤre. Dieſer elende Boden wird nun ſchon tauſend
Jahre bebaut und ſeine Kraͤfte ſind immer dieſelbigen.
Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, und es wird
jeden Fruͤhling wieder gruͤn, und ſo fort.“ Ich fand
auf dieſe Worte nichts zu erwiedern und hinzuzuſetzen.
Goethe ließ ſeine Blicke uͤber die gruͤnenden Felder
ſchweifen, ſodann aber, wieder zu mir gewendet, fuhr
er uͤber andere Dinge folgendermaßen fort.

„Ich habe in dieſen Tagen eine wunderliche Lectuͤre
gehabt, naͤmlich die Briefe Jacobi's und ſeiner Freunde.
Dieß iſt ein hoͤchſt merkwuͤrdiges Buch und Sie muͤſſen
es leſen, nicht um etwas daraus zu lernen, ſondern um
in den Zuſtand damaliger Cultur und Literatur hinein¬
zublicken, von dem man keinen Begriff hat. Man ſieht

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[342/0362] Mittwoch den 11. April 1827. Ich ging dieſen Mittag um ein Uhr zu Goethe, der mich vor Tiſch zu einer Spazierfahrt hatte einladen laſſen. Wir fuhren die Straße nach Erfurt. Das Wetter war ſehr ſchoͤn, die Kornfelder zu beyden Sei¬ ten des Weges erquickten das Auge mit dem lebhafteſten Gruͤn; Goethe ſchien in ſeinen Empfindungen heiter und jung wie der beginnende Lenz; in ſeinen Worten aber alt an Weisheit. „Ich ſage immer und wiederhole es, begann er, die Welt koͤnnte nicht beſtehen, wenn ſie nicht ſo einfach waͤre. Dieſer elende Boden wird nun ſchon tauſend Jahre bebaut und ſeine Kraͤfte ſind immer dieſelbigen. Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, und es wird jeden Fruͤhling wieder gruͤn, und ſo fort.“ Ich fand auf dieſe Worte nichts zu erwiedern und hinzuzuſetzen. Goethe ließ ſeine Blicke uͤber die gruͤnenden Felder ſchweifen, ſodann aber, wieder zu mir gewendet, fuhr er uͤber andere Dinge folgendermaßen fort. „Ich habe in dieſen Tagen eine wunderliche Lectuͤre gehabt, naͤmlich die Briefe Jacobi's und ſeiner Freunde. Dieß iſt ein hoͤchſt merkwuͤrdiges Buch und Sie muͤſſen es leſen, nicht um etwas daraus zu lernen, ſondern um in den Zuſtand damaliger Cultur und Literatur hinein¬ zublicken, von dem man keinen Begriff hat. Man ſieht

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Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 342. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/362>, abgerufen am 19.12.2018.