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Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836.

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dieß der wahre Probierstein ihres Talentes seyn würde.
Goethe stimmte mir bey und fügte hinzu, daß die Verse
den poetischen Sinn steigerten oder wohl gar hervor¬
lockten.

Wir sprachen darauf dieß und jenes über vorhabende
Arbeiten. Es war die Rede von seiner Reise über Frank¬
furt und Stuttgart nach der Schweiz, die er in drey
Heften liegen hat und die er mir zusenden will, damit
ich die Einzelnheiten lese und Vorschläge thue, wie dar¬
aus ein Ganzes zu machen. "Sie werden sehen, sagte
er, es ist alles nur so hingeschrieben, wie es der Augen¬
blick gab; an einen Plan und eine künstlerische Ründung
ist dabey gar nicht gedacht, es ist als wenn man
einen Eimer Wasser ausgießt
."

Ich[ ]freute mich dieses Gleichnisses, welches mir
sehr geeignet schien, um etwas durchaus Planloses zu
bezeichnen.


Heute früh wurde ich bey Goethe auf diesen Abend
zum Thee und Conzert eingeladen. Der Bediente zeigte
mir die Liste der zu invitirenden Personen, woraus ich
sah, daß die Gesellschaft sehr zahlreich und glänzend
seyn würde. Er sagte, es sey eine junge Polin ange¬
kommen, die etwas auf dem Flügel spielen werde. Ich
nahm die Einladung mit Freuden an.

dieß der wahre Probierſtein ihres Talentes ſeyn wuͤrde.
Goethe ſtimmte mir bey und fuͤgte hinzu, daß die Verſe
den poetiſchen Sinn ſteigerten oder wohl gar hervor¬
lockten.

Wir ſprachen darauf dieß und jenes uͤber vorhabende
Arbeiten. Es war die Rede von ſeiner Reiſe uͤber Frank¬
furt und Stuttgart nach der Schweiz, die er in drey
Heften liegen hat und die er mir zuſenden will, damit
ich die Einzelnheiten leſe und Vorſchlaͤge thue, wie dar¬
aus ein Ganzes zu machen. „Sie werden ſehen, ſagte
er, es iſt alles nur ſo hingeſchrieben, wie es der Augen¬
blick gab; an einen Plan und eine kuͤnſtleriſche Ruͤndung
iſt dabey gar nicht gedacht, es iſt als wenn man
einen Eimer Waſſer ausgießt
.“

Ich[ ]freute mich dieſes Gleichniſſes, welches mir
ſehr geeignet ſchien, um etwas durchaus Planloſes zu
bezeichnen.


Heute fruͤh wurde ich bey Goethe auf dieſen Abend
zum Thee und Conzert eingeladen. Der Bediente zeigte
mir die Liſte der zu invitirenden Perſonen, woraus ich
ſah, daß die Geſellſchaft ſehr zahlreich und glaͤnzend
ſeyn wuͤrde. Er ſagte, es ſey eine junge Polin ange¬
kommen, die etwas auf dem Fluͤgel ſpielen werde. Ich
nahm die Einladung mit Freuden an.

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[68/0088] dieß der wahre Probierſtein ihres Talentes ſeyn wuͤrde. Goethe ſtimmte mir bey und fuͤgte hinzu, daß die Verſe den poetiſchen Sinn ſteigerten oder wohl gar hervor¬ lockten. Wir ſprachen darauf dieß und jenes uͤber vorhabende Arbeiten. Es war die Rede von ſeiner Reiſe uͤber Frank¬ furt und Stuttgart nach der Schweiz, die er in drey Heften liegen hat und die er mir zuſenden will, damit ich die Einzelnheiten leſe und Vorſchlaͤge thue, wie dar¬ aus ein Ganzes zu machen. „Sie werden ſehen, ſagte er, es iſt alles nur ſo hingeſchrieben, wie es der Augen¬ blick gab; an einen Plan und eine kuͤnſtleriſche Ruͤndung iſt dabey gar nicht gedacht, es iſt als wenn man einen Eimer Waſſer ausgießt.“ Ich freute mich dieſes Gleichniſſes, welches mir ſehr geeignet ſchien, um etwas durchaus Planloſes zu bezeichnen. Montag den 27. October 1823. Heute fruͤh wurde ich bey Goethe auf dieſen Abend zum Thee und Conzert eingeladen. Der Bediente zeigte mir die Liſte der zu invitirenden Perſonen, woraus ich ſah, daß die Geſellſchaft ſehr zahlreich und glaͤnzend ſeyn wuͤrde. Er ſagte, es ſey eine junge Polin ange¬ kommen, die etwas auf dem Fluͤgel ſpielen werde. Ich nahm die Einladung mit Freuden an.

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Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/88>, abgerufen am 14.12.2018.