Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 2. Leipzig, 1836.

Bild:
<< vorherige Seite

lesen. "Der mythologischen Figuren, die sich hiebey
zudrängen, sagte er, sind eine Unzahl; aber ich hüte
mich und nehme bloß solche, die bildlich den gehörigen
Eindruck machen. Faust ist jetzt mit dem Chiron zu¬
sammen und ich hoffe die Scene soll mir gelingen.
Wenn ich mich fleißig dazu halte, kann ich in ein paar
Monaten mit der Walpurgisnacht fertig seyn. Es soll
mich nun aber auch nichts wieder vom Faust abbringen;
denn es wäre doch toll genug, wenn ich es erlebte ihn
zu vollenden! Und möglich ist es; -- der fünfte Act
ist so gut wie fertig, und der vierte wird sich sodann
wie von selber machen."

Goethe sprach darauf über seine Gesundheit, und
pries sich glücklich, sich fortwährend vollkommen wohl
zu befinden. "Daß ich mich jetzt so gut halte, sagte
er, verdanke ich Vogel; ohne ihn wäre ich längst
abgefahren. Vogel ist zum Arzt wie geboren, und über¬
haupt einer der genialsten Menschen, die mir je vorge¬
kommen sind. Doch wir wollen nicht sagen wie gut er
ist, damit er uns nicht genommen werde."


Bey Goethe zu Tisch. Wir sprachen über Mil¬
ton
. "Ich habe vor nicht langer Zeit seinen Simson

12 *

leſen. „Der mythologiſchen Figuren, die ſich hiebey
zudraͤngen, ſagte er, ſind eine Unzahl; aber ich huͤte
mich und nehme bloß ſolche, die bildlich den gehoͤrigen
Eindruck machen. Fauſt iſt jetzt mit dem Chiron zu¬
ſammen und ich hoffe die Scene ſoll mir gelingen.
Wenn ich mich fleißig dazu halte, kann ich in ein paar
Monaten mit der Walpurgisnacht fertig ſeyn. Es ſoll
mich nun aber auch nichts wieder vom Fauſt abbringen;
denn es waͤre doch toll genug, wenn ich es erlebte ihn
zu vollenden! Und moͤglich iſt es; — der fuͤnfte Act
iſt ſo gut wie fertig, und der vierte wird ſich ſodann
wie von ſelber machen.“

Goethe ſprach darauf uͤber ſeine Geſundheit, und
pries ſich gluͤcklich, ſich fortwaͤhrend vollkommen wohl
zu befinden. „Daß ich mich jetzt ſo gut halte, ſagte
er, verdanke ich Vogel; ohne ihn waͤre ich laͤngſt
abgefahren. Vogel iſt zum Arzt wie geboren, und uͤber¬
haupt einer der genialſten Menſchen, die mir je vorge¬
kommen ſind. Doch wir wollen nicht ſagen wie gut er
iſt, damit er uns nicht genommen werde.“


Bey Goethe zu Tiſch. Wir ſprachen uͤber Mil¬
ton
. „Ich habe vor nicht langer Zeit ſeinen Simſon

12 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="3">
        <div n="4">
          <p><pb facs="#f0189" n="179"/>
le&#x017F;en. &#x201E;Der mythologi&#x017F;chen Figuren, die &#x017F;ich hiebey<lb/>
zudra&#x0364;ngen, &#x017F;agte er, &#x017F;ind eine Unzahl; aber ich hu&#x0364;te<lb/>
mich und nehme bloß &#x017F;olche, die bildlich den geho&#x0364;rigen<lb/>
Eindruck machen. Fau&#x017F;t i&#x017F;t jetzt mit dem Chiron zu¬<lb/>
&#x017F;ammen und ich hoffe die Scene &#x017F;oll mir gelingen.<lb/>
Wenn ich mich fleißig dazu halte, kann ich in ein paar<lb/>
Monaten mit der Walpurgisnacht fertig &#x017F;eyn. Es &#x017F;oll<lb/>
mich nun aber auch nichts wieder vom Fau&#x017F;t abbringen;<lb/>
denn es wa&#x0364;re doch toll genug, wenn ich es erlebte ihn<lb/>
zu vollenden! Und mo&#x0364;glich i&#x017F;t es; &#x2014; der fu&#x0364;nfte Act<lb/>
i&#x017F;t &#x017F;o gut wie fertig, und der vierte wird &#x017F;ich &#x017F;odann<lb/>
wie von &#x017F;elber machen.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Goethe &#x017F;prach darauf u&#x0364;ber &#x017F;eine Ge&#x017F;undheit, und<lb/>
pries &#x017F;ich glu&#x0364;cklich, &#x017F;ich fortwa&#x0364;hrend vollkommen wohl<lb/>
zu befinden. &#x201E;Daß ich mich jetzt &#x017F;o gut halte, &#x017F;agte<lb/>
er, verdanke ich <hi rendition="#g">Vogel</hi>; ohne ihn wa&#x0364;re ich la&#x0364;ng&#x017F;t<lb/>
abgefahren. Vogel i&#x017F;t zum Arzt wie geboren, und u&#x0364;ber¬<lb/>
haupt einer der genial&#x017F;ten Men&#x017F;chen, die mir je vorge¬<lb/>
kommen &#x017F;ind. Doch wir wollen nicht &#x017F;agen wie gut er<lb/>
i&#x017F;t, damit er uns nicht genommen werde.&#x201C;</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
        <div n="4">
          <dateline rendition="#right">Sonntag, den 31. Januar 1830.<lb/></dateline>
          <p>Bey Goethe zu Ti&#x017F;ch. Wir &#x017F;prachen u&#x0364;ber <hi rendition="#g">Mil¬<lb/>
ton</hi>. &#x201E;Ich habe vor nicht langer Zeit &#x017F;einen Sim&#x017F;on<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">12 *<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[179/0189] leſen. „Der mythologiſchen Figuren, die ſich hiebey zudraͤngen, ſagte er, ſind eine Unzahl; aber ich huͤte mich und nehme bloß ſolche, die bildlich den gehoͤrigen Eindruck machen. Fauſt iſt jetzt mit dem Chiron zu¬ ſammen und ich hoffe die Scene ſoll mir gelingen. Wenn ich mich fleißig dazu halte, kann ich in ein paar Monaten mit der Walpurgisnacht fertig ſeyn. Es ſoll mich nun aber auch nichts wieder vom Fauſt abbringen; denn es waͤre doch toll genug, wenn ich es erlebte ihn zu vollenden! Und moͤglich iſt es; — der fuͤnfte Act iſt ſo gut wie fertig, und der vierte wird ſich ſodann wie von ſelber machen.“ Goethe ſprach darauf uͤber ſeine Geſundheit, und pries ſich gluͤcklich, ſich fortwaͤhrend vollkommen wohl zu befinden. „Daß ich mich jetzt ſo gut halte, ſagte er, verdanke ich Vogel; ohne ihn waͤre ich laͤngſt abgefahren. Vogel iſt zum Arzt wie geboren, und uͤber¬ haupt einer der genialſten Menſchen, die mir je vorge¬ kommen ſind. Doch wir wollen nicht ſagen wie gut er iſt, damit er uns nicht genommen werde.“ Sonntag, den 31. Januar 1830. Bey Goethe zu Tiſch. Wir ſprachen uͤber Mil¬ ton. „Ich habe vor nicht langer Zeit ſeinen Simſon 12 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe02_1836
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe02_1836/189
Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 2. Leipzig, 1836, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe02_1836/189>, abgerufen am 21.03.2019.