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Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848.

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Dieses zu sehen und zu hören betrübte mich tief;
denn ich hatte mich mit Vielen darauf gefreut, in Wei¬
mar ein Theater entstehen zu sehen, das nach Goethe's
praktischer Ansicht von einer zweckmäßigen innern Ein¬
richtung ausgeführt und hinsichtlich der Schönheit seinem
hochgebildeten Geschmack gemäß seyn würde.

Aber auch wegen Goethe und Coudray betrübte es
mich, die durch dieses Weimar'sche Ereigniß sich Beide
mehr oder weniger verletzt fühlen mußten.


Bei Goethe zu Tisch. Es ist zu denken, daß der
veränderte Theaterbau das Erste war, das zwischen uns
zur Sprache kam. Ich hatte, wie gesagt, gefürchtet,
daß die höchst unerwartete Maßregel Goethe tief ver¬
letzen würde. Allein keine Spur! -- Ich fand ihn in
der mildesten, heitersten Stimmung, durchaus über jede
kleine Empfindlichkeit erhaben.

"Man hat, sagte er, dem Großherzog von Seiten
des Kosten-Punktes und großer Ersparungen, die bei
dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen
gesucht, und es ist ihnen gelungen. Mir kann es ganz
recht seyn. Ein neues Theater ist am Ende doch immer
nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgend ein Ungefähr
über kurz oder lang wieder in Brand steckt. Damit
tröste ich mich. Uebrigens ein Bißchen mehr oder

Dieſes zu ſehen und zu hören betrübte mich tief;
denn ich hatte mich mit Vielen darauf gefreut, in Wei¬
mar ein Theater entſtehen zu ſehen, das nach Goethe's
praktiſcher Anſicht von einer zweckmäßigen innern Ein¬
richtung ausgeführt und hinſichtlich der Schönheit ſeinem
hochgebildeten Geſchmack gemäß ſeyn würde.

Aber auch wegen Goethe und Coudray betrübte es
mich, die durch dieſes Weimar'ſche Ereigniß ſich Beide
mehr oder weniger verletzt fühlen mußten.


Bei Goethe zu Tiſch. Es iſt zu denken, daß der
veränderte Theaterbau das Erſte war, das zwiſchen uns
zur Sprache kam. Ich hatte, wie geſagt, gefürchtet,
daß die höchſt unerwartete Maßregel Goethe tief ver¬
letzen würde. Allein keine Spur! — Ich fand ihn in
der mildeſten, heiterſten Stimmung, durchaus über jede
kleine Empfindlichkeit erhaben.

„Man hat, ſagte er, dem Großherzog von Seiten
des Koſten-Punktes und großer Erſparungen, die bei
dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen
geſucht, und es iſt ihnen gelungen. Mir kann es ganz
recht ſeyn. Ein neues Theater iſt am Ende doch immer
nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgend ein Ungefähr
über kurz oder lang wieder in Brand ſteckt. Damit
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[89/0111] Dieſes zu ſehen und zu hören betrübte mich tief; denn ich hatte mich mit Vielen darauf gefreut, in Wei¬ mar ein Theater entſtehen zu ſehen, das nach Goethe's praktiſcher Anſicht von einer zweckmäßigen innern Ein¬ richtung ausgeführt und hinſichtlich der Schönheit ſeinem hochgebildeten Geſchmack gemäß ſeyn würde. Aber auch wegen Goethe und Coudray betrübte es mich, die durch dieſes Weimar'ſche Ereigniß ſich Beide mehr oder weniger verletzt fühlen mußten. Sonntag, den 1. Mai 1825. Bei Goethe zu Tiſch. Es iſt zu denken, daß der veränderte Theaterbau das Erſte war, das zwiſchen uns zur Sprache kam. Ich hatte, wie geſagt, gefürchtet, daß die höchſt unerwartete Maßregel Goethe tief ver¬ letzen würde. Allein keine Spur! — Ich fand ihn in der mildeſten, heiterſten Stimmung, durchaus über jede kleine Empfindlichkeit erhaben. „Man hat, ſagte er, dem Großherzog von Seiten des Koſten-Punktes und großer Erſparungen, die bei dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen geſucht, und es iſt ihnen gelungen. Mir kann es ganz recht ſeyn. Ein neues Theater iſt am Ende doch immer nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgend ein Ungefähr über kurz oder lang wieder in Brand ſteckt. Damit tröſte ich mich. Uebrigens ein Bißchen mehr oder

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Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848, S. 89. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848/111>, abgerufen am 19.12.2018.