Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848.

Bild:
<< vorherige Seite

Die höchst gelungene Uebersetzung der dramatischen
Werke Goethe's von Stapfer hat in dem zu Paris er¬
scheinenden Globe des vorigen Jahres durch Herrn
J. J. Amp e re eine Beurtheilung gefunden, die nicht
weniger vortrefflich ist, und die Göthen so angenehm
berührte, daß er sehr oft darauf zurückkam und sich
sehr oft mit großer Anerkennung darüber ausließ.

"Der Standpunkt des Herrn Ampere, sagte er, ist
ein sehr hoher. Wenn deutsche Recensenten bei ähn¬
lichen Anlässen gern von der Philosophie ausgehen und
bei Betrachtung und Besprechung eines dichterischen
Erzeugnisses auf eine Weise verfahren, daß dasjenige,
was sie zu dessen Aufklärung beibringen, nur Philo¬
sophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere
Leute aber weit dunkler ist als das Werk, das sie er¬
läutern wollen, selber, so benimmt sich dagegen Herr
Ampere durchaus praktisch und menschlich. -- Als Einer,
der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die
Verwandtschaft des Erzeugten mit dem Erzeuger, und
beurtheilt die verschiedenen poetischen Productionen als
verschiedene Früchte verschiedener Lebensepochen des
Dichters."

"Er hat den abwechselnden Gang meiner irdischen
Laufbahn und meiner Seelenzustände im Tiefsten studirt
und sogar die Fähigkeit gehabt, das zu sehen, was ich
nicht ausgesprochen und was, so zu sagen, nur zwischen

Die höchſt gelungene Ueberſetzung der dramatiſchen
Werke Goethe's von Stapfer hat in dem zu Paris er¬
ſcheinenden Globe des vorigen Jahres durch Herrn
J. J. Amp è re eine Beurtheilung gefunden, die nicht
weniger vortrefflich iſt, und die Göthen ſo angenehm
berührte, daß er ſehr oft darauf zurückkam und ſich
ſehr oft mit großer Anerkennung darüber ausließ.

„Der Standpunkt des Herrn Ampère, ſagte er, iſt
ein ſehr hoher. Wenn deutſche Recenſenten bei ähn¬
lichen Anläſſen gern von der Philoſophie ausgehen und
bei Betrachtung und Beſprechung eines dichteriſchen
Erzeugniſſes auf eine Weiſe verfahren, daß dasjenige,
was ſie zu deſſen Aufklärung beibringen, nur Philo¬
ſophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere
Leute aber weit dunkler iſt als das Werk, das ſie er¬
läutern wollen, ſelber, ſo benimmt ſich dagegen Herr
Ampère durchaus praktiſch und menſchlich. — Als Einer,
der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die
Verwandtſchaft des Erzeugten mit dem Erzeuger, und
beurtheilt die verſchiedenen poetiſchen Productionen als
verſchiedene Früchte verſchiedener Lebensepochen des
Dichters.“

„Er hat den abwechſelnden Gang meiner irdiſchen
Laufbahn und meiner Seelenzuſtände im Tiefſten ſtudirt
und ſogar die Fähigkeit gehabt, das zu ſehen, was ich
nicht ausgeſprochen und was, ſo zu ſagen, nur zwiſchen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="3">
        <div n="4">
          <pb facs="#f0181" n="159"/>
        </div>
        <div n="4">
          <dateline rendition="#right">Donner&#x017F;tag, den 3. Mai 1827.<lb/></dateline>
          <p>Die höch&#x017F;t gelungene Ueber&#x017F;etzung der dramati&#x017F;chen<lb/>
Werke Goethe's von Stapfer hat in dem zu Paris er¬<lb/>
&#x017F;cheinenden Globe des vorigen Jahres durch Herrn<lb/><hi rendition="#g">J</hi>. <hi rendition="#g">J</hi>. <hi rendition="#g">Amp</hi> <hi rendition="#aq #g">è</hi> <hi rendition="#g">re</hi> eine Beurtheilung gefunden, die nicht<lb/>
weniger vortrefflich i&#x017F;t, und die Göthen &#x017F;o angenehm<lb/>
berührte, daß er &#x017F;ehr oft darauf zurückkam und &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;ehr oft mit großer Anerkennung darüber ausließ.</p><lb/>
          <p>&#x201E;Der Standpunkt des Herrn Amp<hi rendition="#aq">è</hi>re, &#x017F;agte er, i&#x017F;t<lb/>
ein &#x017F;ehr hoher. Wenn deut&#x017F;che Recen&#x017F;enten bei ähn¬<lb/>
lichen Anlä&#x017F;&#x017F;en gern von der Philo&#x017F;ophie ausgehen und<lb/>
bei Betrachtung und Be&#x017F;prechung eines dichteri&#x017F;chen<lb/>
Erzeugni&#x017F;&#x017F;es auf eine Wei&#x017F;e verfahren, daß dasjenige,<lb/>
was &#x017F;ie zu de&#x017F;&#x017F;en Aufklärung beibringen, nur Philo¬<lb/>
&#x017F;ophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere<lb/>
Leute aber weit dunkler i&#x017F;t als das Werk, das &#x017F;ie er¬<lb/>
läutern wollen, &#x017F;elber, &#x017F;o benimmt &#x017F;ich dagegen Herr<lb/>
Amp<hi rendition="#aq">è</hi>re durchaus prakti&#x017F;ch und men&#x017F;chlich. &#x2014; Als Einer,<lb/>
der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die<lb/>
Verwandt&#x017F;chaft des Erzeugten mit dem Erzeuger, und<lb/>
beurtheilt die ver&#x017F;chiedenen poeti&#x017F;chen Productionen als<lb/>
ver&#x017F;chiedene Früchte ver&#x017F;chiedener Lebensepochen des<lb/>
Dichters.&#x201C;</p><lb/>
          <p>&#x201E;Er hat den abwech&#x017F;elnden Gang meiner irdi&#x017F;chen<lb/>
Laufbahn und meiner Seelenzu&#x017F;tände im Tief&#x017F;ten &#x017F;tudirt<lb/>
und &#x017F;ogar die Fähigkeit gehabt, das zu &#x017F;ehen, was ich<lb/>
nicht ausge&#x017F;prochen und was, &#x017F;o zu &#x017F;agen, nur zwi&#x017F;chen<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[159/0181] Donnerſtag, den 3. Mai 1827. Die höchſt gelungene Ueberſetzung der dramatiſchen Werke Goethe's von Stapfer hat in dem zu Paris er¬ ſcheinenden Globe des vorigen Jahres durch Herrn J. J. Amp è re eine Beurtheilung gefunden, die nicht weniger vortrefflich iſt, und die Göthen ſo angenehm berührte, daß er ſehr oft darauf zurückkam und ſich ſehr oft mit großer Anerkennung darüber ausließ. „Der Standpunkt des Herrn Ampère, ſagte er, iſt ein ſehr hoher. Wenn deutſche Recenſenten bei ähn¬ lichen Anläſſen gern von der Philoſophie ausgehen und bei Betrachtung und Beſprechung eines dichteriſchen Erzeugniſſes auf eine Weiſe verfahren, daß dasjenige, was ſie zu deſſen Aufklärung beibringen, nur Philo¬ ſophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere Leute aber weit dunkler iſt als das Werk, das ſie er¬ läutern wollen, ſelber, ſo benimmt ſich dagegen Herr Ampère durchaus praktiſch und menſchlich. — Als Einer, der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die Verwandtſchaft des Erzeugten mit dem Erzeuger, und beurtheilt die verſchiedenen poetiſchen Productionen als verſchiedene Früchte verſchiedener Lebensepochen des Dichters.“ „Er hat den abwechſelnden Gang meiner irdiſchen Laufbahn und meiner Seelenzuſtände im Tiefſten ſtudirt und ſogar die Fähigkeit gehabt, das zu ſehen, was ich nicht ausgeſprochen und was, ſo zu ſagen, nur zwiſchen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848/181
Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848, S. 159. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848/181>, abgerufen am 18.12.2018.