Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848.

Bild:
<< vorherige Seite

Hofrath Rehbein. Goethe war heute besonders lebhaft.
Er zeigte mir prächtige Lithographien aus Stuttgart,
etwas so Vollkommenes in dieser Art, wie ich noch
nicht gesehen. Darauf sprachen wir über wissenschaft¬
liche Dinge, besonders über die Fortschritte der Chemie.
Das Jod und das Chlor beschäftigten Goethe vorzugs¬
weise; er sprach über diese Substanzen mit einem
Erstaunen, als ob ihn die neuen Entdeckungen der
Chemie ganz unvermuthet überrascht hätten. Er ließ
sich etwas Jod hereinbringen und verflüchtigte es vor
unsern Augen an der Flamme einer Wachskerze, wobei
er nicht verfehlte, uns den violetten Dunst bewundern
zu lassen, als freudige Bestätigung eines Gesetzes seiner
Theorie der Farben.


Bei Goethe zu einer Abendgesellschaft. Ich fand
unter den Anwesenden auch Herrn Canzler v. Müller,
Präsidenten Peucer, Dr. Stephan Schütze, und Regie¬
rungsrath Schmidt, welcher letztere einige Sonaten
von Beethoven mit einer seltenen Vollkommenheit
vortrug. Hohen Genuß gewährte mir auch die Unter¬
haltung Goethes und seiner Schwiegertochter, die, jugend¬
lich heiter, mit einem liebenswürdigen Naturell unendlich
viel Geist verbindet.


Hofrath Rehbein. Goethe war heute beſonders lebhaft.
Er zeigte mir prächtige Lithographien aus Stuttgart,
etwas ſo Vollkommenes in dieſer Art, wie ich noch
nicht geſehen. Darauf ſprachen wir über wiſſenſchaft¬
liche Dinge, beſonders über die Fortſchritte der Chemie.
Das Jod und das Chlor beſchäftigten Goethe vorzugs¬
weiſe; er ſprach über dieſe Subſtanzen mit einem
Erſtaunen, als ob ihn die neuen Entdeckungen der
Chemie ganz unvermuthet überraſcht hätten. Er ließ
ſich etwas Jod hereinbringen und verflüchtigte es vor
unſern Augen an der Flamme einer Wachskerze, wobei
er nicht verfehlte, uns den violetten Dunſt bewundern
zu laſſen, als freudige Beſtätigung eines Geſetzes ſeiner
Theorie der Farben.


Bei Goethe zu einer Abendgeſellſchaft. Ich fand
unter den Anweſenden auch Herrn Canzler v. Müller,
Präſidenten Peucer, Dr. Stephan Schütze, und Regie¬
rungsrath Schmidt, welcher letztere einige Sonaten
von Beethoven mit einer ſeltenen Vollkommenheit
vortrug. Hohen Genuß gewährte mir auch die Unter¬
haltung Goethes und ſeiner Schwiegertochter, die, jugend¬
lich heiter, mit einem liebenswürdigen Naturell unendlich
viel Geiſt verbindet.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="3">
        <div n="4">
          <p><pb facs="#f0026" n="4"/>
Hofrath Rehbein. Goethe war heute be&#x017F;onders lebhaft.<lb/>
Er zeigte mir prächtige Lithographien aus Stuttgart,<lb/>
etwas &#x017F;o Vollkommenes in die&#x017F;er Art, wie ich noch<lb/>
nicht ge&#x017F;ehen. Darauf &#x017F;prachen wir über wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft¬<lb/>
liche Dinge, be&#x017F;onders über die Fort&#x017F;chritte der Chemie.<lb/>
Das <hi rendition="#g">Jod</hi> und das <hi rendition="#g">Chlor</hi> be&#x017F;chäftigten Goethe vorzugs¬<lb/>
wei&#x017F;e; er &#x017F;prach über die&#x017F;e Sub&#x017F;tanzen mit einem<lb/>
Er&#x017F;taunen, als ob ihn die neuen Entdeckungen der<lb/>
Chemie ganz unvermuthet überra&#x017F;cht hätten. Er ließ<lb/>
&#x017F;ich etwas Jod hereinbringen und verflüchtigte es vor<lb/>
un&#x017F;ern Augen an der Flamme einer Wachskerze, wobei<lb/>
er nicht verfehlte, uns den violetten Dun&#x017F;t bewundern<lb/>
zu la&#x017F;&#x017F;en, als freudige Be&#x017F;tätigung eines Ge&#x017F;etzes &#x017F;einer<lb/>
Theorie der Farben.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
        <div n="4">
          <dateline rendition="#right">Dienstag, den 1. October 1822*.<lb/></dateline>
          <p>Bei Goethe zu einer Abendge&#x017F;ell&#x017F;chaft. Ich fand<lb/>
unter den Anwe&#x017F;enden auch Herrn Canzler v. Müller,<lb/>
Prä&#x017F;identen Peucer, <hi rendition="#aq">Dr</hi>. Stephan Schütze, und Regie¬<lb/>
rungsrath Schmidt, welcher letztere einige Sonaten<lb/>
von Beethoven mit einer &#x017F;eltenen Vollkommenheit<lb/>
vortrug. Hohen Genuß gewährte mir auch die Unter¬<lb/>
haltung Goethes und &#x017F;einer Schwiegertochter, die, jugend¬<lb/>
lich heiter, mit einem liebenswürdigen Naturell unendlich<lb/>
viel Gei&#x017F;t verbindet.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[4/0026] Hofrath Rehbein. Goethe war heute beſonders lebhaft. Er zeigte mir prächtige Lithographien aus Stuttgart, etwas ſo Vollkommenes in dieſer Art, wie ich noch nicht geſehen. Darauf ſprachen wir über wiſſenſchaft¬ liche Dinge, beſonders über die Fortſchritte der Chemie. Das Jod und das Chlor beſchäftigten Goethe vorzugs¬ weiſe; er ſprach über dieſe Subſtanzen mit einem Erſtaunen, als ob ihn die neuen Entdeckungen der Chemie ganz unvermuthet überraſcht hätten. Er ließ ſich etwas Jod hereinbringen und verflüchtigte es vor unſern Augen an der Flamme einer Wachskerze, wobei er nicht verfehlte, uns den violetten Dunſt bewundern zu laſſen, als freudige Beſtätigung eines Geſetzes ſeiner Theorie der Farben. Dienstag, den 1. October 1822*. Bei Goethe zu einer Abendgeſellſchaft. Ich fand unter den Anweſenden auch Herrn Canzler v. Müller, Präſidenten Peucer, Dr. Stephan Schütze, und Regie¬ rungsrath Schmidt, welcher letztere einige Sonaten von Beethoven mit einer ſeltenen Vollkommenheit vortrug. Hohen Genuß gewährte mir auch die Unter¬ haltung Goethes und ſeiner Schwiegertochter, die, jugend¬ lich heiter, mit einem liebenswürdigen Naturell unendlich viel Geiſt verbindet.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848/26
Zitationshilfe: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 3. Leipzig, 1848, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe03_1848/26>, abgerufen am 14.12.2018.