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Eichendorff, Joseph von: Dichter und ihre Gesellen. Berlin, 1834.

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mit Erstaunen, daß es doch eigentlich gar nicht so
übel leben sey unter diesen Leuten.

Es war noch zu früh zum Schlafengehen, die
Fürstin schlug vor, Geschichten zu erzählen, jeder was
ihm eben einfiele. Der Prediger räusperte sich, eine
Novelle, die er neulich für ein Taschenbuch geschrie¬
ben, steckte ihm schon im Halse. Aber zu aller Ver¬
wunderung bat der lange Lord vorweg um das Wort,
der Baron brachte alten Ungarwein, wovon er ein
Glas der Fürstin zierlich auf einem silbernen Teller
präsentirte, alles setzte sich um das Kaminfeuer zu¬
recht, und der Lord begann ohne weiteres folgende

Geschichte der wilden Spanierin.

In dem Kriege Napoleons gegen Spanien diente
ich in der Englischen Armee, welche damals den Spa¬
niern zu Hülfe zog. Ich war Husaren-Offizier, da
hatt' ich vielen Aerger mit der unvernünftigen hohen
Bärenmütze, die alle Augenblick das Gleichgewicht
verlor, während ich mich täglich ein Paarmal in dem
sarmatischen Gehänge und Gebommel von Säbeltasche,
Dolmann und Fangschnüren mit meinen langen Bei¬
nen verwickelte. Einmal waren wir versprengt und
rasteten im Freien. Es regnete in einem fort, ich
stand melankolisch mitten im Felde unter meinem Re¬
genschirm, in jeder Hand, wie ich aus Vorsicht immer
zu thun pflegte, eine Pistole mit gespanntem Hahn.

mit Erſtaunen, daß es doch eigentlich gar nicht ſo
uͤbel leben ſey unter dieſen Leuten.

Es war noch zu fruͤh zum Schlafengehen, die
Fuͤrſtin ſchlug vor, Geſchichten zu erzaͤhlen, jeder was
ihm eben einfiele. Der Prediger raͤusperte ſich, eine
Novelle, die er neulich fuͤr ein Taſchenbuch geſchrie¬
ben, ſteckte ihm ſchon im Halſe. Aber zu aller Ver¬
wunderung bat der lange Lord vorweg um das Wort,
der Baron brachte alten Ungarwein, wovon er ein
Glas der Fuͤrſtin zierlich auf einem ſilbernen Teller
praͤſentirte, alles ſetzte ſich um das Kaminfeuer zu¬
recht, und der Lord begann ohne weiteres folgende

Geſchichte der wilden Spanierin.

In dem Kriege Napoleons gegen Spanien diente
ich in der Engliſchen Armee, welche damals den Spa¬
niern zu Huͤlfe zog. Ich war Huſaren-Offizier, da
hatt' ich vielen Aerger mit der unvernuͤnftigen hohen
Baͤrenmuͤtze, die alle Augenblick das Gleichgewicht
verlor, waͤhrend ich mich taͤglich ein Paarmal in dem
ſarmatiſchen Gehaͤnge und Gebommel von Saͤbeltaſche,
Dolmann und Fangſchnuͤren mit meinen langen Bei¬
nen verwickelte. Einmal waren wir verſprengt und
raſteten im Freien. Es regnete in einem fort, ich
ſtand melankoliſch mitten im Felde unter meinem Re¬
genſchirm, in jeder Hand, wie ich aus Vorſicht immer
zu thun pflegte, eine Piſtole mit geſpanntem Hahn.

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[122/0129] mit Erſtaunen, daß es doch eigentlich gar nicht ſo uͤbel leben ſey unter dieſen Leuten. Es war noch zu fruͤh zum Schlafengehen, die Fuͤrſtin ſchlug vor, Geſchichten zu erzaͤhlen, jeder was ihm eben einfiele. Der Prediger raͤusperte ſich, eine Novelle, die er neulich fuͤr ein Taſchenbuch geſchrie¬ ben, ſteckte ihm ſchon im Halſe. Aber zu aller Ver¬ wunderung bat der lange Lord vorweg um das Wort, der Baron brachte alten Ungarwein, wovon er ein Glas der Fuͤrſtin zierlich auf einem ſilbernen Teller praͤſentirte, alles ſetzte ſich um das Kaminfeuer zu¬ recht, und der Lord begann ohne weiteres folgende Geſchichte der wilden Spanierin. In dem Kriege Napoleons gegen Spanien diente ich in der Engliſchen Armee, welche damals den Spa¬ niern zu Huͤlfe zog. Ich war Huſaren-Offizier, da hatt' ich vielen Aerger mit der unvernuͤnftigen hohen Baͤrenmuͤtze, die alle Augenblick das Gleichgewicht verlor, waͤhrend ich mich taͤglich ein Paarmal in dem ſarmatiſchen Gehaͤnge und Gebommel von Saͤbeltaſche, Dolmann und Fangſchnuͤren mit meinen langen Bei¬ nen verwickelte. Einmal waren wir verſprengt und raſteten im Freien. Es regnete in einem fort, ich ſtand melankoliſch mitten im Felde unter meinem Re¬ genſchirm, in jeder Hand, wie ich aus Vorſicht immer zu thun pflegte, eine Piſtole mit geſpanntem Hahn.

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Zitationshilfe: Eichendorff, Joseph von: Dichter und ihre Gesellen. Berlin, 1834, S. 122. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_dichter_1834/129>, abgerufen am 20.02.2019.