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[Fessler, Ignaz Aurelius]: Eleusinien des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. Berlin, 1803.

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Nun macht aber Wissen noch nicht Thun; dazu
muß jeder sich selbst durch sich selbst ent-
schließen
. Um ihn auch dazu zu bringen, bleibt
uns nichts übrig, als (das zweite Mittel) das
gute Beispiel
, wodurch man ihm theils die
Ausführbarkeit der Vorschrift, theils die Liebens-
würdigkeit der Ausführung zeige.

Ich für meine Person, wiederhohle ich, kenne
nur diese zwei Arten. Doch, ich erinnere mich,
Du kennst noch eine dritte, die Du vertheidigst;
Du willst auch noch durch Rührung und Erschüt-
terung, durch das, was Du Herz nennst, und
durch die Phantasie, die Menschen bessern; eine
Meinung, der alle öffentliche Redner zugethan
sind. -- Glaube mir, Konstant! so gewiß nur
daurende Verbesserung des Willens Bes-
serung
genannt zu werden verdient: so gewiß
ist durch die angegebnen Mittel nichts auszurich-
ten, ja der häufige Gebrauch derselben ist sogar
schädlich. Dadurch, daß einer erweicht wird, und
eine Fluth von Thränen vergießt, oder in erhab-
nen Gefühlen berauscht wird, kann er zwar wohl
zu einer vorübergehenden guten That gebracht,
von einer Unthat abgehalten werden: aber wenn
der geistige Rausch vorüber ist, ist er wiederum
der vorige Mensch und wir haben nichts, als die
äußere That gewonnen, auf welche es uns nie
ankommen muß, wenn wir den wahren Zweck
beabsichtigen. Wohl aber kann es sehr leicht ge-
schehen, daß jemand, der oft und leicht weint,
meinet, er sei darum ein guter Mensch, und die

Nun macht aber Wiſſen noch nicht Thun; dazu
muß jeder ſich ſelbſt durch ſich ſelbſt ent-
ſchließen
. Um ihn auch dazu zu bringen, bleibt
uns nichts uͤbrig, als (das zweite Mittel) das
gute Beiſpiel
, wodurch man ihm theils die
Ausfuͤhrbarkeit der Vorſchrift, theils die Liebens-
wuͤrdigkeit der Ausfuͤhrung zeige.

Ich fuͤr meine Perſon, wiederhohle ich, kenne
nur dieſe zwei Arten. Doch, ich erinnere mich,
Du kennſt noch eine dritte, die Du vertheidigſt;
Du willſt auch noch durch Ruͤhrung und Erſchuͤt-
terung, durch das, was Du Herz nennſt, und
durch die Phantaſie, die Menſchen beſſern; eine
Meinung, der alle oͤffentliche Redner zugethan
ſind. — Glaube mir, Konſtant! ſo gewiß nur
daurende Verbeſſerung des Willens Beſ-
ſerung
genannt zu werden verdient: ſo gewiß
iſt durch die angegebnen Mittel nichts auszurich-
ten, ja der haͤufige Gebrauch derſelben iſt ſogar
ſchaͤdlich. Dadurch, daß einer erweicht wird, und
eine Fluth von Thraͤnen vergießt, oder in erhab-
nen Gefuͤhlen berauſcht wird, kann er zwar wohl
zu einer voruͤbergehenden guten That gebracht,
von einer Unthat abgehalten werden: aber wenn
der geiſtige Rauſch voruͤber iſt, iſt er wiederum
der vorige Menſch und wir haben nichts, als die
aͤußere That gewonnen, auf welche es uns nie
ankommen muß, wenn wir den wahren Zweck
beabſichtigen. Wohl aber kann es ſehr leicht ge-
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[24/0046] Nun macht aber Wiſſen noch nicht Thun; dazu muß jeder ſich ſelbſt durch ſich ſelbſt ent- ſchließen. Um ihn auch dazu zu bringen, bleibt uns nichts uͤbrig, als (das zweite Mittel) das gute Beiſpiel, wodurch man ihm theils die Ausfuͤhrbarkeit der Vorſchrift, theils die Liebens- wuͤrdigkeit der Ausfuͤhrung zeige. Ich fuͤr meine Perſon, wiederhohle ich, kenne nur dieſe zwei Arten. Doch, ich erinnere mich, Du kennſt noch eine dritte, die Du vertheidigſt; Du willſt auch noch durch Ruͤhrung und Erſchuͤt- terung, durch das, was Du Herz nennſt, und durch die Phantaſie, die Menſchen beſſern; eine Meinung, der alle oͤffentliche Redner zugethan ſind. — Glaube mir, Konſtant! ſo gewiß nur daurende Verbeſſerung des Willens Beſ- ſerung genannt zu werden verdient: ſo gewiß iſt durch die angegebnen Mittel nichts auszurich- ten, ja der haͤufige Gebrauch derſelben iſt ſogar ſchaͤdlich. Dadurch, daß einer erweicht wird, und eine Fluth von Thraͤnen vergießt, oder in erhab- nen Gefuͤhlen berauſcht wird, kann er zwar wohl zu einer voruͤbergehenden guten That gebracht, von einer Unthat abgehalten werden: aber wenn der geiſtige Rauſch voruͤber iſt, iſt er wiederum der vorige Menſch und wir haben nichts, als die aͤußere That gewonnen, auf welche es uns nie ankommen muß, wenn wir den wahren Zweck beabſichtigen. Wohl aber kann es ſehr leicht ge- ſchehen, daß jemand, der oft und leicht weint, meinet, er ſei darum ein guter Menſch, und die

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Zitationshilfe: [Fessler, Ignaz Aurelius]: Eleusinien des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. Berlin, 1803, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fessler_eleusinien02_1803/46>, abgerufen am 21.05.2019.