Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Leipzig, 1841.

Bild:
<< vorherige Seite
Der Widerspruch in dem Begriffe der Existenz Gottes.

Die Anschauung des menschlichen Wesens als eines an-
dern, für sich existirenden Wesens ist als identisch mit dem
Begriffe der Religion ursprünglich eine unwillkührliche, kind-
liche, unbefangne. Aber, wenn die Religion an Jahren und
mit den Jahren an Verstande zunimmt, wenn innerhalb der
Religion die Reflexion über die Religion erwacht, das Be-
wußtsein von der Identität des göttlichen Wesens mit dem
menschlichen zu dämmern beginnt; so wird die ursprünglich
unwillkührliche und harmlose Scheidung Gottes vom Men-
schen zu einer absichtlichen, ausstudirten Unterscheidung, welche
keinen andern Zweck hat, als diese bereits in das Bewußtsein
eingetretne Identität wieder aus dem Bewußtsein wegzu-
räumen.

Gott, das objective Wesen der Religion, ist das sich selbst
gegenständliche Wesen des Menschen. Die Religion ist das
kindliche Wesen der Menschheit. Das Kind sieht sein Wesen,
den Menschen außer sich -- als Kind ist der Mensch sich als
ein andrer Mensch Gegenstand. Die Religion bejaht, heiligt,
vergöttert, d. i. vergegenständlicht das menschliche Wesen. Dieß
ist das allgemeine Wesen der Religion. Die bestimmte Reli-
gion, den Unterschied der Religionen begründet nur, was vom
menschlichen Wesen oder wie dieses Was erfaßt und verge-
genständlicht wird, z. B. ob in unmittelbarer Einheit mit der
Natur oder im Unterschiede von ihr. Je näher daher die Re-
ligion ihrem Ursprunge nach steht, je wahrhafter, je aufrichtiger
sie ist, desto weniger verheimlicht sie dieses ihr Wesen. Das
heißt: im Ursprunge der Religion ist gar kein qualitativer
oder wesentlicher Unterschied zwischen Gott und dem Men-

Der Widerſpruch in dem Begriffe der Exiſtenz Gottes.

Die Anſchauung des menſchlichen Weſens als eines an-
dern, für ſich exiſtirenden Weſens iſt als identiſch mit dem
Begriffe der Religion urſprünglich eine unwillkührliche, kind-
liche, unbefangne. Aber, wenn die Religion an Jahren und
mit den Jahren an Verſtande zunimmt, wenn innerhalb der
Religion die Reflexion über die Religion erwacht, das Be-
wußtſein von der Identität des göttlichen Weſens mit dem
menſchlichen zu dämmern beginnt; ſo wird die urſprünglich
unwillkührliche und harmloſe Scheidung Gottes vom Men-
ſchen zu einer abſichtlichen, ausſtudirten Unterſcheidung, welche
keinen andern Zweck hat, als dieſe bereits in das Bewußtſein
eingetretne Identität wieder aus dem Bewußtſein wegzu-
räumen.

Gott, das objective Weſen der Religion, iſt das ſich ſelbſt
gegenſtändliche Weſen des Menſchen. Die Religion iſt das
kindliche Weſen der Menſchheit. Das Kind ſieht ſein Weſen,
den Menſchen außer ſich — als Kind iſt der Menſch ſich als
ein andrer Menſch Gegenſtand. Die Religion bejaht, heiligt,
vergöttert, d. i. vergegenſtändlicht das menſchliche Weſen. Dieß
iſt das allgemeine Weſen der Religion. Die beſtimmte Reli-
gion, den Unterſchied der Religionen begründet nur, was vom
menſchlichen Weſen oder wie dieſes Was erfaßt und verge-
genſtändlicht wird, z. B. ob in unmittelbarer Einheit mit der
Natur oder im Unterſchiede von ihr. Je näher daher die Re-
ligion ihrem Urſprunge nach ſteht, je wahrhafter, je aufrichtiger
ſie iſt, deſto weniger verheimlicht ſie dieſes ihr Weſen. Das
heißt: im Urſprunge der Religion iſt gar kein qualitativer
oder weſentlicher Unterſchied zwiſchen Gott und dem Men-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0284" n="266"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Der Wider&#x017F;pruch in dem Begriffe der Exi&#x017F;tenz Gottes.</hi> </head><lb/>
          <p>Die An&#x017F;chauung des men&#x017F;chlichen We&#x017F;ens als eines an-<lb/>
dern, für &#x017F;ich exi&#x017F;tirenden We&#x017F;ens i&#x017F;t als identi&#x017F;ch mit dem<lb/>
Begriffe der Religion ur&#x017F;prünglich eine unwillkührliche, kind-<lb/>
liche, unbefangne. Aber, wenn die Religion an Jahren und<lb/>
mit den Jahren an Ver&#x017F;tande zunimmt, wenn innerhalb der<lb/>
Religion die Reflexion über die Religion erwacht, das Be-<lb/>
wußt&#x017F;ein von der Identität des göttlichen We&#x017F;ens mit dem<lb/>
men&#x017F;chlichen zu dämmern beginnt; &#x017F;o wird die ur&#x017F;prünglich<lb/>
unwillkührliche und harmlo&#x017F;e Scheidung Gottes vom Men-<lb/>
&#x017F;chen zu einer ab&#x017F;ichtlichen, aus&#x017F;tudirten Unter&#x017F;cheidung, welche<lb/>
keinen andern Zweck hat, als die&#x017F;e bereits in das Bewußt&#x017F;ein<lb/>
eingetretne Identität wieder aus dem Bewußt&#x017F;ein wegzu-<lb/>
räumen.</p><lb/>
          <p>Gott, das objective We&#x017F;en der Religion, i&#x017F;t das &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
gegen&#x017F;tändliche We&#x017F;en des Men&#x017F;chen. Die Religion i&#x017F;t das<lb/>
kindliche We&#x017F;en der Men&#x017F;chheit. Das Kind &#x017F;ieht &#x017F;ein We&#x017F;en,<lb/>
den Men&#x017F;chen außer &#x017F;ich &#x2014; als Kind i&#x017F;t der Men&#x017F;ch &#x017F;ich als<lb/>
ein andrer Men&#x017F;ch Gegen&#x017F;tand. Die Religion bejaht, heiligt,<lb/>
vergöttert, d. i. vergegen&#x017F;tändlicht das men&#x017F;chliche We&#x017F;en. Dieß<lb/>
i&#x017F;t das allgemeine We&#x017F;en der Religion. Die be&#x017F;timmte Reli-<lb/>
gion, den Unter&#x017F;chied der Religionen begründet nur, <hi rendition="#g">was</hi> vom<lb/>
men&#x017F;chlichen We&#x017F;en oder <hi rendition="#g">wie</hi> die&#x017F;es Was erfaßt und verge-<lb/>
gen&#x017F;tändlicht wird, z. B. ob in unmittelbarer Einheit mit der<lb/>
Natur oder im Unter&#x017F;chiede von ihr. Je näher daher die Re-<lb/>
ligion ihrem Ur&#x017F;prunge nach &#x017F;teht, je wahrhafter, je aufrichtiger<lb/>
&#x017F;ie i&#x017F;t, de&#x017F;to weniger verheimlicht &#x017F;ie die&#x017F;es ihr We&#x017F;en. Das<lb/>
heißt: im Ur&#x017F;prunge der Religion i&#x017F;t gar kein <hi rendition="#g">qualitativer</hi><lb/>
oder <hi rendition="#g">we&#x017F;entlicher</hi> Unter&#x017F;chied zwi&#x017F;chen Gott und dem Men-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[266/0284] Der Widerſpruch in dem Begriffe der Exiſtenz Gottes. Die Anſchauung des menſchlichen Weſens als eines an- dern, für ſich exiſtirenden Weſens iſt als identiſch mit dem Begriffe der Religion urſprünglich eine unwillkührliche, kind- liche, unbefangne. Aber, wenn die Religion an Jahren und mit den Jahren an Verſtande zunimmt, wenn innerhalb der Religion die Reflexion über die Religion erwacht, das Be- wußtſein von der Identität des göttlichen Weſens mit dem menſchlichen zu dämmern beginnt; ſo wird die urſprünglich unwillkührliche und harmloſe Scheidung Gottes vom Men- ſchen zu einer abſichtlichen, ausſtudirten Unterſcheidung, welche keinen andern Zweck hat, als dieſe bereits in das Bewußtſein eingetretne Identität wieder aus dem Bewußtſein wegzu- räumen. Gott, das objective Weſen der Religion, iſt das ſich ſelbſt gegenſtändliche Weſen des Menſchen. Die Religion iſt das kindliche Weſen der Menſchheit. Das Kind ſieht ſein Weſen, den Menſchen außer ſich — als Kind iſt der Menſch ſich als ein andrer Menſch Gegenſtand. Die Religion bejaht, heiligt, vergöttert, d. i. vergegenſtändlicht das menſchliche Weſen. Dieß iſt das allgemeine Weſen der Religion. Die beſtimmte Reli- gion, den Unterſchied der Religionen begründet nur, was vom menſchlichen Weſen oder wie dieſes Was erfaßt und verge- genſtändlicht wird, z. B. ob in unmittelbarer Einheit mit der Natur oder im Unterſchiede von ihr. Je näher daher die Re- ligion ihrem Urſprunge nach ſteht, je wahrhafter, je aufrichtiger ſie iſt, deſto weniger verheimlicht ſie dieſes ihr Weſen. Das heißt: im Urſprunge der Religion iſt gar kein qualitativer oder weſentlicher Unterſchied zwiſchen Gott und dem Men-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841/284
Zitationshilfe: Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Leipzig, 1841, S. 266. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841/284>, abgerufen am 20.04.2019.