Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Leipzig, 1841.

Bild:
<< vorherige Seite

nicht um der Erscheinung, sondern um des Wesens willen;
denn uns ist nur geblieben -- die Anschauung der Liebe.

Der klarste, unwidersprechlichste Beweis, daß der Mensch
in der Religion sich als göttlicher Gegenstand, als gött-
licher Zweck Object
ist, daß er also in der Religion nur zu
seinem eignen Wesen, nur zu Sich selbst sich verhält --
ist die Liebe Gottes zum Menschen: der Grund und Mit-
telpunkt
der Religion. Gott entäußert sich um des Menschen
willen selbst seiner Gottheit. Hierin liegt der erhebende Ein-
druck der Incarnation: das höchste, das bedürfnißlose Wesen
demüthigt, erniedrigt sich um meinetwillen. In Gott kommt
daher mein eignes Wesen mir zur Anschauung; ich habe
für Gott Werth; die göttliche Bedeutung meines Wesens
wird mir offenbar. Wie kann denn der Werth des Menschen
höher ausgedrückt werden, als wenn Gott um des Menschen
willen Mensch wird, wenn der Mensch der Endzweck, der Ge-
genstand der göttlichen Liebe ist? Die Liebe Gottes zum Men-
schen ist eine wesentliche Bestimmung des göttlichen We-
sens: Gott ist ein mich, den Menschen überhaupt, lieben-
der
Gott. Darauf ruht der Accent, darin liegt der Grundaf-
fect der Religion. Gottes Demuth macht mich demüthig, seine
Liebe liebend. Nur die Liebe ist der Gegenstand der Liebe:
nur was liebt, wird wieder geliebt. Die Liebe Gottes zum
Menschen ist der Grund der Liebe des Menschen zu Gott: die
göttliche Liebe verursacht, erweckt die menschliche Liebe. "Las-
set uns ihn lieben, denn Er hat uns erst geliebet
."*)
Was liebe ich also in und an Gott? Die Liebe und zwar
die Liebe zum Menschen. Wenn ich aber die Liebe liebe
und anbete, mit welcher Gott den Menschen liebt, liebe ich

*) 1. Johannes 4, 19.

nicht um der Erſcheinung, ſondern um des Weſens willen;
denn uns iſt nur geblieben — die Anſchauung der Liebe.

Der klarſte, unwiderſprechlichſte Beweis, daß der Menſch
in der Religion ſich als göttlicher Gegenſtand, als gött-
licher Zweck Object
iſt, daß er alſo in der Religion nur zu
ſeinem eignen Weſen, nur zu Sich ſelbſt ſich verhält —
iſt die Liebe Gottes zum Menſchen: der Grund und Mit-
telpunkt
der Religion. Gott entäußert ſich um des Menſchen
willen ſelbſt ſeiner Gottheit. Hierin liegt der erhebende Ein-
druck der Incarnation: das höchſte, das bedürfnißloſe Weſen
demüthigt, erniedrigt ſich um meinetwillen. In Gott kommt
daher mein eignes Weſen mir zur Anſchauung; ich habe
für Gott Werth; die göttliche Bedeutung meines Weſens
wird mir offenbar. Wie kann denn der Werth des Menſchen
höher ausgedrückt werden, als wenn Gott um des Menſchen
willen Menſch wird, wenn der Menſch der Endzweck, der Ge-
genſtand der göttlichen Liebe iſt? Die Liebe Gottes zum Men-
ſchen iſt eine weſentliche Beſtimmung des göttlichen We-
ſens: Gott iſt ein mich, den Menſchen überhaupt, lieben-
der
Gott. Darauf ruht der Accent, darin liegt der Grundaf-
fect der Religion. Gottes Demuth macht mich demüthig, ſeine
Liebe liebend. Nur die Liebe iſt der Gegenſtand der Liebe:
nur was liebt, wird wieder geliebt. Die Liebe Gottes zum
Menſchen iſt der Grund der Liebe des Menſchen zu Gott: die
göttliche Liebe verurſacht, erweckt die menſchliche Liebe. „Laſ-
ſet uns ihn lieben, denn Er hat uns erſt geliebet
.“*)
Was liebe ich alſo in und an Gott? Die Liebe und zwar
die Liebe zum Menſchen. Wenn ich aber die Liebe liebe
und anbete, mit welcher Gott den Menſchen liebt, liebe ich

*) 1. Johannes 4, 19.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0077" n="59"/>
nicht um der Er&#x017F;cheinung, &#x017F;ondern um des We&#x017F;ens willen;<lb/>
denn uns i&#x017F;t nur geblieben &#x2014; die An&#x017F;chauung der Liebe.</p><lb/>
          <p>Der klar&#x017F;te, unwider&#x017F;prechlich&#x017F;te Beweis, daß der Men&#x017F;ch<lb/>
in der Religion <hi rendition="#g">&#x017F;ich als göttlicher Gegen&#x017F;tand</hi>, als <hi rendition="#g">gött-<lb/>
licher Zweck Object</hi> i&#x017F;t, daß er al&#x017F;o in der Religion nur zu<lb/><hi rendition="#g">&#x017F;einem eignen We&#x017F;en</hi>, nur zu <hi rendition="#g">Sich &#x017F;elb&#x017F;t</hi> &#x017F;ich verhält &#x2014;<lb/>
i&#x017F;t die <hi rendition="#g">Liebe Gottes zum Men&#x017F;chen</hi>: der <hi rendition="#g">Grund</hi> und <hi rendition="#g">Mit-<lb/>
telpunkt</hi> der Religion. Gott entäußert &#x017F;ich um des Men&#x017F;chen<lb/>
willen &#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;einer Gottheit. Hierin liegt der erhebende Ein-<lb/>
druck der Incarnation: das höch&#x017F;te, das bedürfnißlo&#x017F;e We&#x017F;en<lb/>
demüthigt, erniedrigt &#x017F;ich um meinetwillen. In Gott kommt<lb/>
daher mein <hi rendition="#g">eignes We&#x017F;en</hi> mir zur <hi rendition="#g">An&#x017F;chauung</hi>; ich habe<lb/>
für Gott Werth; die <hi rendition="#g">göttliche Bedeutung</hi> meines We&#x017F;ens<lb/>
wird mir offenbar. Wie kann denn der Werth des Men&#x017F;chen<lb/>
höher ausgedrückt werden, als wenn Gott um des Men&#x017F;chen<lb/>
willen Men&#x017F;ch wird, wenn der Men&#x017F;ch der Endzweck, der Ge-<lb/>
gen&#x017F;tand der göttlichen Liebe i&#x017F;t? Die Liebe Gottes zum Men-<lb/>
&#x017F;chen i&#x017F;t eine <hi rendition="#g">we&#x017F;entliche Be&#x017F;timmung</hi> des göttlichen We-<lb/>
&#x017F;ens: Gott i&#x017F;t ein <hi rendition="#g">mich</hi>, den <hi rendition="#g">Men&#x017F;chen überhaupt, lieben-<lb/>
der</hi> Gott. Darauf ruht der Accent, darin liegt der Grundaf-<lb/>
fect der Religion. Gottes Demuth macht mich demüthig, &#x017F;eine<lb/>
Liebe liebend. Nur die Liebe i&#x017F;t der Gegen&#x017F;tand der Liebe:<lb/>
nur was liebt, wird wieder geliebt. Die Liebe Gottes zum<lb/>
Men&#x017F;chen i&#x017F;t der <hi rendition="#g">Grund</hi> der Liebe des Men&#x017F;chen zu Gott: die<lb/>
göttliche Liebe verur&#x017F;acht, erweckt die men&#x017F;chliche Liebe. &#x201E;<hi rendition="#g">La&#x017F;-<lb/>
&#x017F;et uns ihn lieben, denn Er hat uns er&#x017F;t geliebet</hi>.&#x201C;<note place="foot" n="*)">1. Johannes 4, 19.</note><lb/>
Was liebe ich al&#x017F;o in und an Gott? <hi rendition="#g">Die Liebe</hi> und zwar<lb/>
die <hi rendition="#g">Liebe zum Men&#x017F;chen</hi>. Wenn ich aber die Liebe liebe<lb/>
und anbete, mit welcher Gott den Men&#x017F;chen liebt, liebe ich<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[59/0077] nicht um der Erſcheinung, ſondern um des Weſens willen; denn uns iſt nur geblieben — die Anſchauung der Liebe. Der klarſte, unwiderſprechlichſte Beweis, daß der Menſch in der Religion ſich als göttlicher Gegenſtand, als gött- licher Zweck Object iſt, daß er alſo in der Religion nur zu ſeinem eignen Weſen, nur zu Sich ſelbſt ſich verhält — iſt die Liebe Gottes zum Menſchen: der Grund und Mit- telpunkt der Religion. Gott entäußert ſich um des Menſchen willen ſelbſt ſeiner Gottheit. Hierin liegt der erhebende Ein- druck der Incarnation: das höchſte, das bedürfnißloſe Weſen demüthigt, erniedrigt ſich um meinetwillen. In Gott kommt daher mein eignes Weſen mir zur Anſchauung; ich habe für Gott Werth; die göttliche Bedeutung meines Weſens wird mir offenbar. Wie kann denn der Werth des Menſchen höher ausgedrückt werden, als wenn Gott um des Menſchen willen Menſch wird, wenn der Menſch der Endzweck, der Ge- genſtand der göttlichen Liebe iſt? Die Liebe Gottes zum Men- ſchen iſt eine weſentliche Beſtimmung des göttlichen We- ſens: Gott iſt ein mich, den Menſchen überhaupt, lieben- der Gott. Darauf ruht der Accent, darin liegt der Grundaf- fect der Religion. Gottes Demuth macht mich demüthig, ſeine Liebe liebend. Nur die Liebe iſt der Gegenſtand der Liebe: nur was liebt, wird wieder geliebt. Die Liebe Gottes zum Menſchen iſt der Grund der Liebe des Menſchen zu Gott: die göttliche Liebe verurſacht, erweckt die menſchliche Liebe. „Laſ- ſet uns ihn lieben, denn Er hat uns erſt geliebet.“ *) Was liebe ich alſo in und an Gott? Die Liebe und zwar die Liebe zum Menſchen. Wenn ich aber die Liebe liebe und anbete, mit welcher Gott den Menſchen liebt, liebe ich *) 1. Johannes 4, 19.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841/77
Zitationshilfe: Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Leipzig, 1841, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_christentum_1841/77>, abgerufen am 26.05.2019.