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Feuerbach, Paul Johann Anselm von: Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden Peinlichen Rechts. Giessen, 1801.

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II. Buch. I. Theil. I Titel. II. Abschnitt.
fängnisse befreyt, so findet 1) die Todesstrafe
statt, wenn er sich entweder durch Gewalt oder
durch ein Complott seiner Mitgefangenen; al-
lein 2) blos eine willkührliche Strafe, wenn er
auf andere Weise sich befreyt hat *). II. Bey
der Flucht aus dem Strafgefängnisse soll ent-
weder dieselbe Strafe geschärft oder in eine
härtere Strafe verschiedener Art verwandelt
werden, dass erste, wenn der Verbrecher zu
zeitiger, das letzte, wenn er zu ewiger
Beraubung seiner Freyheit verdammt wor-
den ist **).

§. 231.

C. Die Befreyung eines Gefangenen von
einem Dritten
, wenn sie nicht wegen der Art der

Befrey-
§. 5. ad Carpzov Q. 111. obs. 10. Koch l. c.
§. 618. Klein P. R. §. 519.) Dass sie deutliche
Gesetze für nichts achten, ist schon arg; die Gründe,
aus welchen sie dieses thun, sind aber noch ärger.
Weil der Mensch hier seinem Trieb zur Freyheit folgr,
so soll die Handlung straflos seyn. Allein 1) wenn
die Obrigkeit zur Incarceration berechtigt ist, so
ist auch der Gefangene dazu verpflichtet, sich durch
die Flucht der Untersuchung oder der verdienten
Strafe nicht zu entziehen. 2) Man generalisirt die-
sen Grund wie man thun muss, um consequent
zu seyn, und es fällt alle Strafbarkeit, aller Verbrechen
dahin. Denn alle geschehen auf Antrieb der Natur.
*) L. 1. D. de effractoribus. L. 13. D. de custodia reor.
L. 38. §. 11. D. poenis.
**) L. 8. §. 6 et 7. D. de poenis. L. 28. §. 14. eod. In
custodiis gradum servandum esse, idem imperator rescrip-
sit: id est, ut
qui ad tempus damnati crant, in
perpetuum damnarentur: qui in perpe-
tuum damnati erant
. in metallum damna-
remur: qui in
metallum damnati id admiserint,
summo supplicio adsice-rentur.

II. Buch. I. Theil. I Titel. II. Abſchnitt.
fängniſſe befreyt, ſo findet 1) die Todesſtrafe
ſtatt, wenn er ſich entweder durch Gewalt oder
durch ein Complott ſeiner Mitgefangenen; al-
lein 2) blos eine willkührliche Strafe, wenn er
auf andere Weiſe ſich befreyt hat *). II. Bey
der Flucht aus dem Strafgefängniſſe ſoll ent-
weder dieſelbe Strafe geſchärft oder in eine
härtere Strafe verſchiedener Art verwandelt
werden, daſs erſte, wenn der Verbrecher zu
zeitiger, das letzte, wenn er zu ewiger
Beraubung ſeiner Freyheit verdammt wor-
den iſt **).

§. 231.

C. Die Befreyung eines Gefangenen von
einem Dritten
, wenn ſie nicht wegen der Art der

Befrey-
§. 5. ad Carpzov Q. 111. obſ. 10. Koch l. c.
§. 618. Klein P. R. §. 519.) Daſs ſie deutliche
Geſetze für nichts achten, iſt ſchon arg; die Gründe,
aus welchen ſie dieſes thun, ſind aber noch ärger.
Weil der Menſch hier ſeinem Trieb zur Freyheit folgr,
ſo ſoll die Handlung ſtraflos ſeyn. Allein 1) wenn
die Obrigkeit zur Incarceration berechtigt iſt, ſo
iſt auch der Gefangene dazu verpflichtet, ſich durch
die Flucht der Unterſuchung oder der verdienten
Strafe nicht zu entziehen. 2) Man generaliſirt die-
ſen Grund wie man thun muſs, um conſequent
zu ſeyn, und es fällt alle Strafbarkeit, aller Verbrechen
dahin. Denn alle geſchehen auf Antrieb der Natur.
*) L. 1. D. de effractoribus. L. 13. D. de cuſtodia reor.
L. 38. §. 11. D. poenis.
**) L. 8. §. 6 et 7. D. de poenis. L. 28. §. 14. eod. In
cuſtodiis gradum ſervandum eſſe, idem imperator reſcrip-
ſit: id eſt, ut
qui ad tempus damnati crant, in
perpetuum damnarentur: qui in perpe-
tuum damnati erant
. in metallum damna-
remur: qui in
metallum damnati id admiſerint,
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[178/0206] II. Buch. I. Theil. I Titel. II. Abſchnitt. fängniſſe befreyt, ſo findet 1) die Todesſtrafe ſtatt, wenn er ſich entweder durch Gewalt oder durch ein Complott ſeiner Mitgefangenen; al- lein 2) blos eine willkührliche Strafe, wenn er auf andere Weiſe ſich befreyt hat *). II. Bey der Flucht aus dem Strafgefängniſſe ſoll ent- weder dieſelbe Strafe geſchärft oder in eine härtere Strafe verſchiedener Art verwandelt werden, daſs erſte, wenn der Verbrecher zu zeitiger, das letzte, wenn er zu ewiger Beraubung ſeiner Freyheit verdammt wor- den iſt **). §. 231. C. Die Befreyung eines Gefangenen von einem Dritten, wenn ſie nicht wegen der Art der Befrey- ****) *) L. 1. D. de effractoribus. L. 13. D. de cuſtodia reor. L. 38. §. 11. D. poenis. **) L. 8. §. 6 et 7. D. de poenis. L. 28. §. 14. eod. In cuſtodiis gradum ſervandum eſſe, idem imperator reſcrip- ſit: id eſt, ut qui ad tempus damnati crant, in perpetuum damnarentur: qui in perpe- tuum damnati erant. in metallum damna- remur: qui in metallum damnati id admiſerint, ſummo ſupplicio adſice-rentur. ****) §. 5. ad Carpzov Q. 111. obſ. 10. Koch l. c. §. 618. Klein P. R. §. 519.) Daſs ſie deutliche Geſetze für nichts achten, iſt ſchon arg; die Gründe, aus welchen ſie dieſes thun, ſind aber noch ärger. Weil der Menſch hier ſeinem Trieb zur Freyheit folgr, ſo ſoll die Handlung ſtraflos ſeyn. Allein 1) wenn die Obrigkeit zur Incarceration berechtigt iſt, ſo iſt auch der Gefangene dazu verpflichtet, ſich durch die Flucht der Unterſuchung oder der verdienten Strafe nicht zu entziehen. 2) Man generaliſirt die- ſen Grund wie man thun muſs, um conſequent zu ſeyn, und es fällt alle Strafbarkeit, aller Verbrechen dahin. Denn alle geſchehen auf Antrieb der Natur.

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Zitationshilfe: Feuerbach, Paul Johann Anselm von: Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden Peinlichen Rechts. Giessen, 1801, S. 178. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_recht_1801/206>, abgerufen am 18.10.2019.