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Feuerbach, Paul Johann Anselm von: Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden Peinlichen Rechts. Giessen, 1801.

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II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abschnitt.
§. 322.

Da jede Injurie eine an sich die Ehre ver-
letzende Handlung voraussetzt, bey einer
rechtswidrigen Handlung aber Dolus zu prä-
sumiren ist (§. 68., so ist auch bey einer
bewiesenen äusserlich injuriösen Handlung der
animus injuriandi so lange als vorhanden anzu-
nehmen, bis der Beleidiger das Gegentheil
bewiesen hat *)

§. 323.

Die Injurie steht unter den Bedingungen
eines Verbrechens überhaupt. Eine Handlung
ist daher nicht Injurie I, wenn sie dem Subjekt
nicht zugerechnet werden kann **); II, wenn
die Person zu der Handlung berechtigt war,
entweder 1) weil ihr die Handlung von dem-
jenigen, gegen den sie gerichtet ist, ausdrück-

lich
Scherz einen Schurken nenne? Aber wenn ich dies
öffentlich (also durch eine Beschimpfung) thue oder
wenn ich z. E. privatim ein Frauenzimmer wider
ihren Willen küsse, dann injuriire ich. Denn diese
Handlung ist zugleich, ohne Rücksicht auf Ehren-
kränkung, unerlaubt. Das Bewusstseyn ist hinrei-
chend, dass die Handlung des andern Ehre wider-
spreche; der Endzweck dabey ist gleichgültig.
*) Weber a. a. O. 1. Abthl. S. 69. ff. Ueber die alte
und von Klein p. R. §. 219. wieder aufgenomme-
ne Rücksicht auf an sich beleidigende Handlungen und
solche, die es nicht sind, mündlich.
**) L. 3. §. 1. D. de injuriis. L. 111. pr. D. de R. I.
II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
§. 322.

Da jede Injurie eine an ſich die Ehre ver-
letzende Handlung vorausſetzt, bey einer
rechtswidrigen Handlung aber Dolus zu prä-
ſumiren iſt (§. 68., ſo iſt auch bey einer
bewieſenen äuſſerlich injuriöſen Handlung der
animus injuriandi ſo lange als vorhanden anzu-
nehmen, bis der Beleidiger das Gegentheil
bewieſen hat *)

§. 323.

Die Injurie ſteht unter den Bedingungen
eines Verbrechens überhaupt. Eine Handlung
iſt daher nicht Injurie I, wenn ſie dem Subjekt
nicht zugerechnet werden kann **); II, wenn
die Perſon zu der Handlung berechtigt war,
entweder 1) weil ihr die Handlung von dem-
jenigen, gegen den ſie gerichtet iſt, ausdrück-

lich
Scherz einen Schurken nenne? Aber wenn ich dies
öffentlich (alſo durch eine Beſchimpfung) thue oder
wenn ich z. E. privatim ein Frauenzimmer wider
ihren Willen küſſe, dann injuriire ich. Denn dieſe
Handlung iſt zugleich, ohne Rückſicht auf Ehren-
kränkung, unerlaubt. Das Bewuſstſeyn iſt hinrei-
chend, daſs die Handlung des andern Ehre wider-
ſpreche; der Endzweck dabey iſt gleichgültig.
*) Weber a. a. O. 1. Abthl. S. 69. ff. Ueber die alte
und von Klein p. R. §. 219. wieder aufgenomme-
ne Rückſicht auf an ſich beleidigende Handlungen und
ſolche, die es nicht ſind, mündlich.
**) L. 3. §. 1. D. de injuriis. L. 111. pr. D. de R. I.
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[250/0278] II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt. §. 322. Da jede Injurie eine an ſich die Ehre ver- letzende Handlung vorausſetzt, bey einer rechtswidrigen Handlung aber Dolus zu prä- ſumiren iſt (§. 68., ſo iſt auch bey einer bewieſenen äuſſerlich injuriöſen Handlung der animus injuriandi ſo lange als vorhanden anzu- nehmen, bis der Beleidiger das Gegentheil bewieſen hat *) §. 323. Die Injurie ſteht unter den Bedingungen eines Verbrechens überhaupt. Eine Handlung iſt daher nicht Injurie I, wenn ſie dem Subjekt nicht zugerechnet werden kann **); II, wenn die Perſon zu der Handlung berechtigt war, entweder 1) weil ihr die Handlung von dem- jenigen, gegen den ſie gerichtet iſt, ausdrück- lich ***) *) Weber a. a. O. 1. Abthl. S. 69. ff. Ueber die alte und von Klein p. R. §. 219. wieder aufgenomme- ne Rückſicht auf an ſich beleidigende Handlungen und ſolche, die es nicht ſind, mündlich. **) L. 3. §. 1. D. de injuriis. L. 111. pr. D. de R. I. ***) Scherz einen Schurken nenne? Aber wenn ich dies öffentlich (alſo durch eine Beſchimpfung) thue oder wenn ich z. E. privatim ein Frauenzimmer wider ihren Willen küſſe, dann injuriire ich. Denn dieſe Handlung iſt zugleich, ohne Rückſicht auf Ehren- kränkung, unerlaubt. Das Bewuſstſeyn iſt hinrei- chend, daſs die Handlung des andern Ehre wider- ſpreche; der Endzweck dabey iſt gleichgültig.

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Zitationshilfe: Feuerbach, Paul Johann Anselm von: Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden Peinlichen Rechts. Giessen, 1801, S. 250. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/feuerbach_recht_1801/278>, abgerufen am 21.10.2019.