Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Fichte, Johann Gottlieb: Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie. Weimar, 1794.

Bild:
<< vorherige Seite

müsste. Ihr Wirkungskreis ist demnach unendlich. --
Man hat also von einer erschöpfenden Wissenschaftslehre
keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehenden Per-
fektibilität des menschlichen Geistes zu besorgen; sie
wird dadurch gar nicht aufgehoben, sondern vielmehr
völlig sicher und ausser Zweifel gesetzt, und es wird ihr
eine Aufgabe angewiesen, die sie in Ewigkeit nicht
endigen kann.

§. 6. Wie verhält sich die allgemeine Wissen-
schaftslehre insbesondre zur Logik
?

Die Wissenschaftslehre soll für alle möglichen Wis-
senschaften die Form aufstellen: nach der gewöhnlichen
Meinung, an der wohl auch etwas Wahres seyn mag,
thut die Logik das gleiche. Wie verhalten sich diese
beiden Wissenschaften, und wie verhalten sie sich ins-
besondere in Absicht jenes Geschäfts, das beide sich an-
maassen? So bald man sich erinnert, dass die Logik
allen möglichen Wissenschaften blos und allein die Form,
die Wissenschaftslehre aber nicht die Form allein, son-
dern auch den Gehalt geben solle, so ist ein leichter
Weg eröffnet, um in diese höchstwichtige Untersuchung
einzudringen. In der Wissenschaftslehre ist die Form
vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie ge-
trennt; in jedem ihrer Sätze ist beides auf das innigste
vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die blosse Form
der möglichen Wissenschaften, nicht aber der Gehalt
liegen, so sind sie nicht zugleich Sätze der Wissenschafts-
lehre; sondern sie sind von ihnen verschieden; und
folglich ist auch die ganze Wissenschaft, weder die Wis-
senschaftslehre selbst, noch etwa ein Theil von ihr; sie
ist, so sonderbar dies auch bei der gegenwärtigen Ver-

fas-

müſste. Ihr Wirkungskreis iſt demnach unendlich. —
Man hat alſo von einer erſchöpfenden Wiſſenſchaftslehre
keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehenden Per-
fektibilität des menſchlichen Geiſtes zu beſorgen; ſie
wird dadurch gar nicht aufgehoben, ſondern vielmehr
völlig ſicher und auſſer Zweifel geſetzt, und es wird ihr
eine Aufgabe angewieſen, die ſie in Ewigkeit nicht
endigen kann.

§. 6. Wie verhält ſich die allgemeine Wiſſen-
ſchaftslehre insbeſondre zur Logik
?

Die Wiſſenſchaftslehre ſoll für alle möglichen Wiſ-
ſenſchaften die Form aufſtellen: nach der gewöhnlichen
Meinung, an der wohl auch etwas Wahres ſeyn mag,
thut die Logik das gleiche. Wie verhalten ſich dieſe
beiden Wiſſenſchaften, und wie verhalten ſie ſich ins-
beſondere in Abſicht jenes Geſchäfts, das beide ſich an-
maaſsen? So bald man ſich erinnert, daſs die Logik
allen möglichen Wiſſenſchaften blos und allein die Form,
die Wiſſenſchaftslehre aber nicht die Form allein, ſon-
dern auch den Gehalt geben ſolle, ſo iſt ein leichter
Weg eröffnet, um in dieſe höchſtwichtige Unterſuchung
einzudringen. In der Wiſſenſchaftslehre iſt die Form
vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie ge-
trennt; in jedem ihrer Sätze iſt beides auf das innigſte
vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die bloſse Form
der möglichen Wiſſenſchaften, nicht aber der Gehalt
liegen, ſo ſind ſie nicht zugleich Sätze der Wiſſenſchafts-
lehre; ſondern ſie ſind von ihnen verſchieden; und
folglich iſt auch die ganze Wiſſenſchaft, weder die Wiſ-
ſenſchaftslehre ſelbſt, noch etwa ein Theil von ihr; ſie
iſt, ſo ſonderbar dies auch bei der gegenwärtigen Ver-

faſ-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0053" n="45"/>&#x017F;ste. Ihr Wirkungskreis i&#x017F;t demnach unendlich. &#x2014;<lb/>
Man hat al&#x017F;o von einer er&#x017F;chöpfenden Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftslehre<lb/>
keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehenden Per-<lb/>
fektibilität des men&#x017F;chlichen Gei&#x017F;tes zu be&#x017F;orgen; &#x017F;ie<lb/>
wird dadurch gar nicht aufgehoben, &#x017F;ondern vielmehr<lb/>
völlig &#x017F;icher und au&#x017F;&#x017F;er Zweifel ge&#x017F;etzt, und es wird ihr<lb/>
eine Aufgabe angewie&#x017F;en, die &#x017F;ie in Ewigkeit nicht<lb/>
endigen kann.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 6. <hi rendition="#i">Wie verhält &#x017F;ich die allgemeine Wi&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
&#x017F;chaftslehre insbe&#x017F;ondre zur Logik</hi>?</head><lb/>
          <p>Die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftslehre &#x017F;oll für alle möglichen Wi&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en&#x017F;chaften die Form auf&#x017F;tellen: nach der gewöhnlichen<lb/>
Meinung, an der wohl auch etwas Wahres &#x017F;eyn mag,<lb/>
thut die Logik das gleiche. Wie verhalten &#x017F;ich die&#x017F;e<lb/>
beiden Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften, und wie verhalten &#x017F;ie &#x017F;ich ins-<lb/>
be&#x017F;ondere in Ab&#x017F;icht jenes Ge&#x017F;chäfts, das beide &#x017F;ich an-<lb/>
maa&#x017F;sen? So bald man &#x017F;ich erinnert, da&#x017F;s die Logik<lb/>
allen möglichen Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften blos und allein die Form,<lb/>
die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftslehre aber nicht die Form allein, &#x017F;on-<lb/>
dern auch den Gehalt geben &#x017F;olle, &#x017F;o i&#x017F;t ein leichter<lb/>
Weg eröffnet, um in die&#x017F;e höch&#x017F;twichtige Unter&#x017F;uchung<lb/>
einzudringen. In der Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftslehre i&#x017F;t die Form<lb/>
vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie ge-<lb/>
trennt; in jedem ihrer Sätze i&#x017F;t beides auf das innig&#x017F;te<lb/>
vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die blo&#x017F;se Form<lb/>
der möglichen Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften, nicht aber der Gehalt<lb/>
liegen, &#x017F;o &#x017F;ind &#x017F;ie nicht zugleich Sätze der Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chafts-<lb/>
lehre; &#x017F;ondern &#x017F;ie &#x017F;ind von ihnen ver&#x017F;chieden; und<lb/>
folglich i&#x017F;t auch die ganze Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft, weder die Wi&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en&#x017F;chaftslehre &#x017F;elb&#x017F;t, noch etwa ein Theil von ihr; &#x017F;ie<lb/>
i&#x017F;t, &#x017F;o &#x017F;onderbar dies auch bei der gegenwärtigen Ver-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">fa&#x017F;-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[45/0053] müſste. Ihr Wirkungskreis iſt demnach unendlich. — Man hat alſo von einer erſchöpfenden Wiſſenſchaftslehre keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehenden Per- fektibilität des menſchlichen Geiſtes zu beſorgen; ſie wird dadurch gar nicht aufgehoben, ſondern vielmehr völlig ſicher und auſſer Zweifel geſetzt, und es wird ihr eine Aufgabe angewieſen, die ſie in Ewigkeit nicht endigen kann. §. 6. Wie verhält ſich die allgemeine Wiſſen- ſchaftslehre insbeſondre zur Logik? Die Wiſſenſchaftslehre ſoll für alle möglichen Wiſ- ſenſchaften die Form aufſtellen: nach der gewöhnlichen Meinung, an der wohl auch etwas Wahres ſeyn mag, thut die Logik das gleiche. Wie verhalten ſich dieſe beiden Wiſſenſchaften, und wie verhalten ſie ſich ins- beſondere in Abſicht jenes Geſchäfts, das beide ſich an- maaſsen? So bald man ſich erinnert, daſs die Logik allen möglichen Wiſſenſchaften blos und allein die Form, die Wiſſenſchaftslehre aber nicht die Form allein, ſon- dern auch den Gehalt geben ſolle, ſo iſt ein leichter Weg eröffnet, um in dieſe höchſtwichtige Unterſuchung einzudringen. In der Wiſſenſchaftslehre iſt die Form vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie ge- trennt; in jedem ihrer Sätze iſt beides auf das innigſte vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die bloſse Form der möglichen Wiſſenſchaften, nicht aber der Gehalt liegen, ſo ſind ſie nicht zugleich Sätze der Wiſſenſchafts- lehre; ſondern ſie ſind von ihnen verſchieden; und folglich iſt auch die ganze Wiſſenſchaft, weder die Wiſ- ſenſchaftslehre ſelbſt, noch etwa ein Theil von ihr; ſie iſt, ſo ſonderbar dies auch bei der gegenwärtigen Ver- faſ-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/fichte_wissenschaftslehre_1794
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/fichte_wissenschaftslehre_1794/53
Zitationshilfe: Fichte, Johann Gottlieb: Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie. Weimar, 1794, S. 45. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fichte_wissenschaftslehre_1794/53>, abgerufen am 19.07.2019.