Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Fleming, Hans Friedrich von: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 1. Leipzig, 1719.

Bild:
<< vorherige Seite

Von der Erden.
[Spaltenumbruch] len in sein eigen Guth gehen solle, und
werden dahero zu solchem Ende Creutz-
Bäume, Mahl-Hauffen und Steine
gefunden, damit anzuzeigen, wie weit
eines jeden Gebieth sich erstrecke. Jn
dem alten Testament wurden die Hebrä-
er, welche eine Gräntze verrücket hatten,
nach Göttlicher Ordnung verfluchet und
von der Gemeine gesteiniget: Auch wur-
den bey denen Römern solche Verbrecher
fustigiret, oder angebunden und mit
Ruthen gestrichen: ja es sollen auch gar
einige barbarische Völcker wegen der
Gräntze solche scharffe Observanz halten,
daß sie die Ubertreter auf solcher Gräntze
hängen, die Augen ausstechen, oder wohl
gar lebendig schinden. Die Alten haben
nicht unbillig solche Gräntze eine Schei-
de, Marck,
oder Mahl genennet, weiln
da an selbigem Ort ein Feld von dem an-
dern geschieden wird, oder auch die jun-
gen Leute solchen Ort wohl mercken und
sich dessen gleichsam stets erinnern sollen:
dahero sie die Verbrecher, welche Marck-
Steine ausgegraben oder verrücket, in
die Erde biß an den Halß verscharret, und
durch einen neuen Pflug mit vier fri-
schen Pferden den Halß andern zum Ab-
scheu abgerissen haben. Man solte aber
eigentlich, umb besserer Richtigkeit wil-
len, wo nicht jährlich, doch alle drey Jahr
des Früh-Jahrs umb die Fasten-Zeit
die Benachbarten und Angräntzenden auf
die Gräntze zu einer gewissen Zeit beschei-
den, die Gräntze beziehen und in Augen-
schein nehmen, auch vermittelst alter Leu-
te guten Bericht und Aussage in Gegen-
wart junger Leute zu deren fernern Nach-
richt die Gräntze besichtigen, was daran
unkenntlich oder verwachsen, wiederumb
renoviren und verbessern, und sich nichts
entziehen oder schmählern lassen, auch zu
deren Verbesserung die Gräntze verordnen
und zu unvergänglicher Beständigkeit et-
wan an starcke Flüsse, oder Wasser-Bäche,
Teich-Tämme, Graben, Zäune, junge
Obst-Bäume oder Eichen, Mahl-Steine
oder Säulen, Auffwürffe und Mahlhauf-
fen, darunter Steine mit Wappen, Ei-
sen-Schlacken, Kohlen oder geschmoltzen
Glaß und dergleichen Sachen mehr ver-
setzet, und sich vergleichen, auch alles
durch einen Notarium und Zeugen regi-
strir
en lassen, zu welcher Zeit es gesche-
hen, wer solche Gräntze bezogen, was je-
desmahl darbey vorgegangen, und wie-
viel Schritt, Ellen, oder Ruthen ein
Mahl-Stein oder Hauffen von dem
[Spaltenumbruch] andern gelegen, und solche Gräntz-Regi-
stratur
zur sicheren Nachricht und unver-
brüchlicher Festhaltung von ihren Nach-
bahren unterschreiben und besiegeln las-
sen, auch zu deren rechtmäßigen Posses-
sion
durch lange Gewohnheit praescribiret
und bey Menschen-Gedencken erhalten,
andern von dem Jhrigen verbothen und
abgehalten werden. Jnsgemein pfleget
man bey Erneuerung oder Renovirung
der Gräntze zum Merckmahl und Denck-
zeichen der stetswährenden Erinnerung
junger Leute, umb der Nachkommen wil-
len, eine merckwürdige Geschicht daselbst
vorzunehmen und hierzu etliche kleine
Knaben zu Zeugen zu beruffen, damit
es nachgehends beständig in stetswäh-
rendem Andencken verbleiben, und gleich-
sam verewigen möge, wobey man ihnen
ein NB. oder Mercksmahl mit Haar-
zopffen, mit einem und anderm Pritzscher,
Auffheben in die Höhe, Ritteln, und in
die Grube des Marck-Steins unschädlich
einlassen macht; Man leget auch bißwei-
len ein Stück Geld in die Grube, dahin
die Marck kommen soll, und überlässet
es einem Jungen, daferne er es mit dem
Munde auffhebet, im Auffheben aber
stösset man denselben mit dem Maule
leidlich auff die Erde, saget ihm dabey ei-
nige Merck-Sprüche für, und giebet ihm
solche zu lernen, zu dem Ende man ihm
solche hernach zum Andencken auff ein
Pergament oder groß Pappier schreiben
und auffzeichnen lässet, mit dem Befehl,
daß er dieses wohl verwahren solte, es
wäre ihm ehrlich und löblich, dienete zu-
förderst zur Ehre GOttes und Liebes
und Friedens Unterhaltung; Man bin-
det es auch seinem Vater, Freunden,
Vormunden und andern Anwesenden
ein, daß sie solche Merck-Zettul wohl ver-
wahrlich halten sollen, zumahl wann al-
le Namen der Anwesenden mit in den
Brief einverleibet worden. Nicht un-
dienlich wäre es auch, wann nach denen
gelegten Grund-Steinen die Anwesende
sowohl denen Parteyen, wann sie ihres
gleichen sind, die Hand böthen und allen
Seegen anwünschten. Die Jungen kön-
ten zum besondern Zeichen die Hände ü-
bers Creutz gegen einander schliessen, al-
so, daß des einen rechte Hand des an-
dern lincke fassete, das müste aber alles
ohne Schertz, Gespötte und Gelächter,
und mit Ernst und Manier ohn alles
Fluchen und Gotteslästern, nüchtern und
mit gutem Verstande vollzogen werden.

Von
G

Von der Erden.
[Spaltenumbruch] len in ſein eigen Guth gehen ſolle, und
werden dahero zu ſolchem Ende Creutz-
Baͤume, Mahl-Hauffen und Steine
gefunden, damit anzuzeigen, wie weit
eines jeden Gebieth ſich erſtrecke. Jn
dem alten Teſtament wurden die Hebraͤ-
er, welche eine Graͤntze verruͤcket hatten,
nach Goͤttlicher Ordnung verfluchet und
von der Gemeine geſteiniget: Auch wur-
den bey denen Roͤmern ſolche Verbrecher
fuſtigiret, oder angebunden und mit
Ruthen geſtrichen: ja es ſollen auch gar
einige barbariſche Voͤlcker wegen der
Graͤntze ſolche ſcharffe Obſervanz halten,
daß ſie die Ubertreter auf ſolcher Graͤntze
haͤngen, die Augen ausſtechen, oder wohl
gar lebendig ſchinden. Die Alten haben
nicht unbillig ſolche Graͤntze eine Schei-
de, Marck,
oder Mahl genennet, weiln
da an ſelbigem Ort ein Feld von dem an-
dern geſchieden wird, oder auch die jun-
gen Leute ſolchen Ort wohl mercken und
ſich deſſen gleichſam ſtets erinnern ſollen:
dahero ſie die Verbrecher, welche Marck-
Steine ausgegraben oder verruͤcket, in
die Erde biß an den Halß verſcharret, und
durch einen neuen Pflug mit vier fri-
ſchen Pferden den Halß andern zum Ab-
ſcheu abgeriſſen haben. Man ſolte aber
eigentlich, umb beſſerer Richtigkeit wil-
len, wo nicht jaͤhrlich, doch alle drey Jahr
des Fruͤh-Jahrs umb die Faſten-Zeit
die Benachbarten und Angraͤntzenden auf
die Graͤntze zu einer gewiſſen Zeit beſchei-
den, die Graͤntze beziehen und in Augen-
ſchein nehmen, auch vermittelſt alter Leu-
te guten Bericht und Auſſage in Gegen-
wart junger Leute zu deren fernern Nach-
richt die Graͤntze beſichtigen, was daran
unkenntlich oder verwachſen, wiederumb
renoviren und verbeſſern, und ſich nichts
entziehen oder ſchmaͤhlern laſſen, auch zu
deren Verbeſſerung die Graͤntze verordnẽ
und zu unvergaͤnglicher Beſtaͤndigkeit et-
wan an ſtarcke Fluͤſſe, oder Waſſer-Baͤche,
Teich-Taͤmme, Graben, Zaͤune, junge
Obſt-Baͤume oder Eichen, Mahl-Steine
oder Saͤulen, Auffwuͤrffe und Mahlhauf-
fen, darunter Steine mit Wappen, Ei-
ſen-Schlacken, Kohlen oder geſchmoltzen
Glaß und dergleichen Sachen mehr ver-
ſetzet, und ſich vergleichen, auch alles
durch einen Notarium und Zeugen regi-
ſtrir
en laſſen, zu welcher Zeit es geſche-
hen, wer ſolche Graͤntze bezogen, was je-
desmahl darbey vorgegangen, und wie-
viel Schritt, Ellen, oder Ruthen ein
Mahl-Stein oder Hauffen von dem
[Spaltenumbruch] andern gelegen, und ſolche Graͤntz-Regi-
ſtratur
zur ſicheren Nachricht und unver-
bruͤchlicher Feſthaltung von ihren Nach-
bahren unterſchreiben und beſiegeln laſ-
ſen, auch zu deren rechtmaͤßigen Poſſes-
ſion
durch lange Gewohnheit præſcribiret
und bey Menſchen-Gedencken erhalten,
andern von dem Jhrigen verbothen und
abgehalten werden. Jnsgemein pfleget
man bey Erneuerung oder Renovirung
der Graͤntze zum Merckmahl und Denck-
zeichen der ſtetswaͤhrenden Erinnerung
junger Leute, umb der Nachkommen wil-
len, eine merckwuͤrdige Geſchicht daſelbſt
vorzunehmen und hierzu etliche kleine
Knaben zu Zeugen zu beruffen, damit
es nachgehends beſtaͤndig in ſtetswaͤh-
rendem Andencken verbleiben, und gleich-
ſam verewigen moͤge, wobey man ihnen
ein NB. oder Mercksmahl mit Haar-
zopffen, mit einem und anderm Pꝛitzſcher,
Auffheben in die Hoͤhe, Ritteln, und in
die Grube des Marck-Steins unſchaͤdlich
einlaſſen macht; Man leget auch bißwei-
len ein Stuͤck Geld in die Grube, dahin
die Marck kommen ſoll, und uͤberlaͤſſet
es einem Jungen, daferne er es mit dem
Munde auffhebet, im Auffheben aber
ſtoͤſſet man denſelben mit dem Maule
leidlich auff die Erde, ſaget ihm dabey ei-
nige Merck-Spruͤche fuͤr, und giebet ihm
ſolche zu lernen, zu dem Ende man ihm
ſolche hernach zum Andencken auff ein
Pergament oder groß Pappier ſchreiben
und auffzeichnen laͤſſet, mit dem Befehl,
daß er dieſes wohl verwahren ſolte, es
waͤre ihm ehrlich und loͤblich, dienete zu-
foͤrderſt zur Ehre GOttes und Liebes
und Friedens Unterhaltung; Man bin-
det es auch ſeinem Vater, Freunden,
Vormunden und andern Anweſenden
ein, daß ſie ſolche Merck-Zettul wohl ver-
wahrlich halten ſollen, zumahl wann al-
le Namen der Anweſenden mit in den
Brief einverleibet worden. Nicht un-
dienlich waͤre es auch, wann nach denen
gelegten Grund-Steinen die Anweſende
ſowohl denen Parteyen, wann ſie ihres
gleichen ſind, die Hand boͤthen und allen
Seegen anwuͤnſchten. Die Jungen koͤn-
ten zum beſondern Zeichen die Haͤnde uͤ-
bers Creutz gegen einander ſchlieſſen, al-
ſo, daß des einen rechte Hand des an-
dern lincke faſſete, das muͤſte aber alles
ohne Schertz, Geſpoͤtte und Gelaͤchter,
und mit Ernſt und Manier ohn alles
Fluchen und Gotteslaͤſtern, nuͤchtern und
mit gutem Verſtande vollzogen werden.

Von
G
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0129" n="49"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Von der Erden.</hi></fw><lb/><cb/>
len in &#x017F;ein eigen Guth gehen &#x017F;olle, und<lb/>
werden dahero zu &#x017F;olchem Ende Creutz-<lb/>
Ba&#x0364;ume, Mahl-Hauffen und Steine<lb/>
gefunden, damit anzuzeigen, wie weit<lb/>
eines jeden Gebieth &#x017F;ich er&#x017F;trecke. Jn<lb/>
dem alten Te&#x017F;tament wurden die Hebra&#x0364;-<lb/>
er, welche eine Gra&#x0364;ntze verru&#x0364;cket hatten,<lb/>
nach Go&#x0364;ttlicher Ordnung verfluchet und<lb/>
von der Gemeine ge&#x017F;teiniget: Auch wur-<lb/>
den bey denen Ro&#x0364;mern &#x017F;olche Verbrecher<lb/><hi rendition="#aq">fu&#x017F;tigir</hi>et, oder angebunden und mit<lb/>
Ruthen ge&#x017F;trichen: ja es &#x017F;ollen auch gar<lb/>
einige barbari&#x017F;che Vo&#x0364;lcker wegen der<lb/>
Gra&#x0364;ntze &#x017F;olche &#x017F;charffe <hi rendition="#aq">Ob&#x017F;ervanz</hi> halten,<lb/>
daß &#x017F;ie die Ubertreter auf &#x017F;olcher Gra&#x0364;ntze<lb/>
ha&#x0364;ngen, die Augen aus&#x017F;techen, oder wohl<lb/>
gar lebendig &#x017F;chinden. Die Alten haben<lb/>
nicht unbillig &#x017F;olche Gra&#x0364;ntze eine <hi rendition="#fr">Schei-<lb/>
de, Marck,</hi> oder <hi rendition="#fr">Mahl</hi> genennet, weiln<lb/>
da an &#x017F;elbigem Ort ein Feld von dem an-<lb/>
dern ge&#x017F;chieden wird, oder auch die jun-<lb/>
gen Leute &#x017F;olchen Ort wohl mercken und<lb/>
&#x017F;ich de&#x017F;&#x017F;en gleich&#x017F;am &#x017F;tets erinnern &#x017F;ollen:<lb/>
dahero &#x017F;ie die Verbrecher, welche Marck-<lb/>
Steine ausgegraben oder verru&#x0364;cket, in<lb/>
die Erde biß an den Halß ver&#x017F;charret, und<lb/>
durch einen neuen Pflug mit vier fri-<lb/>
&#x017F;chen Pferden den Halß andern zum Ab-<lb/>
&#x017F;cheu abgeri&#x017F;&#x017F;en haben. Man &#x017F;olte aber<lb/>
eigentlich, umb be&#x017F;&#x017F;erer Richtigkeit wil-<lb/>
len, wo nicht ja&#x0364;hrlich, doch alle drey Jahr<lb/>
des Fru&#x0364;h-Jahrs umb die Fa&#x017F;ten-Zeit<lb/>
die Benachbarten und Angra&#x0364;ntzenden auf<lb/>
die Gra&#x0364;ntze zu einer gewi&#x017F;&#x017F;en Zeit be&#x017F;chei-<lb/>
den, die Gra&#x0364;ntze beziehen und in Augen-<lb/>
&#x017F;chein nehmen, auch vermittel&#x017F;t alter Leu-<lb/>
te guten Bericht und Au&#x017F;&#x017F;age in Gegen-<lb/>
wart junger Leute zu deren fernern Nach-<lb/>
richt die Gra&#x0364;ntze be&#x017F;ichtigen, was daran<lb/>
unkenntlich oder verwach&#x017F;en, wiederumb<lb/><hi rendition="#aq">renovir</hi>en und verbe&#x017F;&#x017F;ern, und &#x017F;ich nichts<lb/>
entziehen oder &#x017F;chma&#x0364;hlern la&#x017F;&#x017F;en, auch zu<lb/>
deren Verbe&#x017F;&#x017F;erung die Gra&#x0364;ntze verordne&#x0303;<lb/>
und zu unverga&#x0364;nglicher Be&#x017F;ta&#x0364;ndigkeit et-<lb/>
wan an &#x017F;tarcke Flu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, oder Wa&#x017F;&#x017F;er-Ba&#x0364;che,<lb/>
Teich-Ta&#x0364;mme, Graben, Za&#x0364;une, junge<lb/>
Ob&#x017F;t-Ba&#x0364;ume oder Eichen, Mahl-Steine<lb/>
oder Sa&#x0364;ulen, Auffwu&#x0364;rffe und Mahlhauf-<lb/>
fen, darunter Steine mit Wappen, Ei-<lb/>
&#x017F;en-Schlacken, Kohlen oder ge&#x017F;chmoltzen<lb/>
Glaß und dergleichen Sachen mehr ver-<lb/>
&#x017F;etzet, und &#x017F;ich vergleichen, auch alles<lb/>
durch einen <hi rendition="#aq">Notarium</hi> und Zeugen <hi rendition="#aq">regi-<lb/>
&#x017F;trir</hi>en la&#x017F;&#x017F;en, zu welcher Zeit es ge&#x017F;che-<lb/>
hen, wer &#x017F;olche Gra&#x0364;ntze bezogen, was je-<lb/>
desmahl darbey vorgegangen, und wie-<lb/>
viel Schritt, Ellen, oder Ruthen ein<lb/>
Mahl-Stein oder Hauffen von dem<lb/><cb/>
andern gelegen, und &#x017F;olche Gra&#x0364;ntz-<hi rendition="#aq">Regi-<lb/>
&#x017F;tratur</hi> zur &#x017F;icheren Nachricht und unver-<lb/>
bru&#x0364;chlicher Fe&#x017F;thaltung von ihren Nach-<lb/>
bahren unter&#x017F;chreiben und be&#x017F;iegeln la&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en, auch zu deren rechtma&#x0364;ßigen <hi rendition="#aq">Po&#x017F;&#x017F;es-<lb/>
&#x017F;ion</hi> durch lange Gewohnheit <hi rendition="#aq">præ&#x017F;cribi</hi>ret<lb/>
und bey Men&#x017F;chen-Gedencken erhalten,<lb/>
andern von dem Jhrigen verbothen und<lb/>
abgehalten werden. Jnsgemein pfleget<lb/>
man bey Erneuerung oder <hi rendition="#aq">Renovi</hi>rung<lb/>
der Gra&#x0364;ntze zum Merckmahl und Denck-<lb/>
zeichen der &#x017F;tetswa&#x0364;hrenden Erinnerung<lb/>
junger Leute, umb der Nachkommen wil-<lb/>
len, eine merckwu&#x0364;rdige Ge&#x017F;chicht da&#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
vorzunehmen und hierzu etliche kleine<lb/>
Knaben zu Zeugen zu beruffen, damit<lb/>
es nachgehends be&#x017F;ta&#x0364;ndig in &#x017F;tetswa&#x0364;h-<lb/>
rendem Andencken verbleiben, und gleich-<lb/>
&#x017F;am verewigen mo&#x0364;ge, wobey man ihnen<lb/>
ein <hi rendition="#aq">NB.</hi> oder Mercksmahl mit Haar-<lb/>
zopffen, mit einem und anderm P&#xA75B;itz&#x017F;cher,<lb/>
Auffheben in die Ho&#x0364;he, Ritteln, und in<lb/>
die Grube des Marck-Steins un&#x017F;cha&#x0364;dlich<lb/>
einla&#x017F;&#x017F;en macht; Man leget auch bißwei-<lb/>
len ein Stu&#x0364;ck Geld in die Grube, dahin<lb/>
die Marck kommen &#x017F;oll, und u&#x0364;berla&#x0364;&#x017F;&#x017F;et<lb/>
es einem Jungen, daferne er es mit dem<lb/>
Munde auffhebet, im Auffheben aber<lb/>
&#x017F;to&#x0364;&#x017F;&#x017F;et man den&#x017F;elben mit dem Maule<lb/>
leidlich auff die Erde, &#x017F;aget ihm dabey ei-<lb/>
nige Merck-Spru&#x0364;che fu&#x0364;r, und giebet ihm<lb/>
&#x017F;olche zu lernen, zu dem Ende man ihm<lb/>
&#x017F;olche hernach zum Andencken auff ein<lb/>
Pergament oder groß Pappier &#x017F;chreiben<lb/>
und auffzeichnen la&#x0364;&#x017F;&#x017F;et, mit dem Befehl,<lb/>
daß er die&#x017F;es wohl verwahren &#x017F;olte, es<lb/>
wa&#x0364;re ihm ehrlich und lo&#x0364;blich, dienete zu-<lb/>
fo&#x0364;rder&#x017F;t zur Ehre GOttes und Liebes<lb/>
und Friedens Unterhaltung; Man bin-<lb/>
det es auch &#x017F;einem Vater, Freunden,<lb/>
Vormunden und andern Anwe&#x017F;enden<lb/>
ein, daß &#x017F;ie &#x017F;olche Merck-Zettul wohl ver-<lb/>
wahrlich halten &#x017F;ollen, zumahl wann al-<lb/>
le Namen der Anwe&#x017F;enden mit in den<lb/>
Brief einverleibet worden. Nicht un-<lb/>
dienlich wa&#x0364;re es auch, wann nach denen<lb/>
gelegten Grund-Steinen die Anwe&#x017F;ende<lb/>
&#x017F;owohl denen Parteyen, wann &#x017F;ie ihres<lb/>
gleichen &#x017F;ind, die Hand bo&#x0364;then und allen<lb/>
Seegen anwu&#x0364;n&#x017F;chten. Die Jungen ko&#x0364;n-<lb/>
ten zum be&#x017F;ondern Zeichen die Ha&#x0364;nde u&#x0364;-<lb/>
bers Creutz gegen einander &#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;en, al-<lb/>
&#x017F;o, daß des einen rechte Hand des an-<lb/>
dern lincke fa&#x017F;&#x017F;ete, das mu&#x0364;&#x017F;te aber alles<lb/>
ohne Schertz, Ge&#x017F;po&#x0364;tte und Gela&#x0364;chter,<lb/>
und mit Ern&#x017F;t und Manier ohn alles<lb/>
Fluchen und Gottesla&#x0364;&#x017F;tern, nu&#x0364;chtern und<lb/>
mit gutem Ver&#x017F;tande vollzogen werden.</p>
        </div><lb/>
        <fw place="bottom" type="sig">G</fw>
        <fw place="bottom" type="catch">Von</fw><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[49/0129] Von der Erden. len in ſein eigen Guth gehen ſolle, und werden dahero zu ſolchem Ende Creutz- Baͤume, Mahl-Hauffen und Steine gefunden, damit anzuzeigen, wie weit eines jeden Gebieth ſich erſtrecke. Jn dem alten Teſtament wurden die Hebraͤ- er, welche eine Graͤntze verruͤcket hatten, nach Goͤttlicher Ordnung verfluchet und von der Gemeine geſteiniget: Auch wur- den bey denen Roͤmern ſolche Verbrecher fuſtigiret, oder angebunden und mit Ruthen geſtrichen: ja es ſollen auch gar einige barbariſche Voͤlcker wegen der Graͤntze ſolche ſcharffe Obſervanz halten, daß ſie die Ubertreter auf ſolcher Graͤntze haͤngen, die Augen ausſtechen, oder wohl gar lebendig ſchinden. Die Alten haben nicht unbillig ſolche Graͤntze eine Schei- de, Marck, oder Mahl genennet, weiln da an ſelbigem Ort ein Feld von dem an- dern geſchieden wird, oder auch die jun- gen Leute ſolchen Ort wohl mercken und ſich deſſen gleichſam ſtets erinnern ſollen: dahero ſie die Verbrecher, welche Marck- Steine ausgegraben oder verruͤcket, in die Erde biß an den Halß verſcharret, und durch einen neuen Pflug mit vier fri- ſchen Pferden den Halß andern zum Ab- ſcheu abgeriſſen haben. Man ſolte aber eigentlich, umb beſſerer Richtigkeit wil- len, wo nicht jaͤhrlich, doch alle drey Jahr des Fruͤh-Jahrs umb die Faſten-Zeit die Benachbarten und Angraͤntzenden auf die Graͤntze zu einer gewiſſen Zeit beſchei- den, die Graͤntze beziehen und in Augen- ſchein nehmen, auch vermittelſt alter Leu- te guten Bericht und Auſſage in Gegen- wart junger Leute zu deren fernern Nach- richt die Graͤntze beſichtigen, was daran unkenntlich oder verwachſen, wiederumb renoviren und verbeſſern, und ſich nichts entziehen oder ſchmaͤhlern laſſen, auch zu deren Verbeſſerung die Graͤntze verordnẽ und zu unvergaͤnglicher Beſtaͤndigkeit et- wan an ſtarcke Fluͤſſe, oder Waſſer-Baͤche, Teich-Taͤmme, Graben, Zaͤune, junge Obſt-Baͤume oder Eichen, Mahl-Steine oder Saͤulen, Auffwuͤrffe und Mahlhauf- fen, darunter Steine mit Wappen, Ei- ſen-Schlacken, Kohlen oder geſchmoltzen Glaß und dergleichen Sachen mehr ver- ſetzet, und ſich vergleichen, auch alles durch einen Notarium und Zeugen regi- ſtriren laſſen, zu welcher Zeit es geſche- hen, wer ſolche Graͤntze bezogen, was je- desmahl darbey vorgegangen, und wie- viel Schritt, Ellen, oder Ruthen ein Mahl-Stein oder Hauffen von dem andern gelegen, und ſolche Graͤntz-Regi- ſtratur zur ſicheren Nachricht und unver- bruͤchlicher Feſthaltung von ihren Nach- bahren unterſchreiben und beſiegeln laſ- ſen, auch zu deren rechtmaͤßigen Poſſes- ſion durch lange Gewohnheit præſcribiret und bey Menſchen-Gedencken erhalten, andern von dem Jhrigen verbothen und abgehalten werden. Jnsgemein pfleget man bey Erneuerung oder Renovirung der Graͤntze zum Merckmahl und Denck- zeichen der ſtetswaͤhrenden Erinnerung junger Leute, umb der Nachkommen wil- len, eine merckwuͤrdige Geſchicht daſelbſt vorzunehmen und hierzu etliche kleine Knaben zu Zeugen zu beruffen, damit es nachgehends beſtaͤndig in ſtetswaͤh- rendem Andencken verbleiben, und gleich- ſam verewigen moͤge, wobey man ihnen ein NB. oder Mercksmahl mit Haar- zopffen, mit einem und anderm Pꝛitzſcher, Auffheben in die Hoͤhe, Ritteln, und in die Grube des Marck-Steins unſchaͤdlich einlaſſen macht; Man leget auch bißwei- len ein Stuͤck Geld in die Grube, dahin die Marck kommen ſoll, und uͤberlaͤſſet es einem Jungen, daferne er es mit dem Munde auffhebet, im Auffheben aber ſtoͤſſet man denſelben mit dem Maule leidlich auff die Erde, ſaget ihm dabey ei- nige Merck-Spruͤche fuͤr, und giebet ihm ſolche zu lernen, zu dem Ende man ihm ſolche hernach zum Andencken auff ein Pergament oder groß Pappier ſchreiben und auffzeichnen laͤſſet, mit dem Befehl, daß er dieſes wohl verwahren ſolte, es waͤre ihm ehrlich und loͤblich, dienete zu- foͤrderſt zur Ehre GOttes und Liebes und Friedens Unterhaltung; Man bin- det es auch ſeinem Vater, Freunden, Vormunden und andern Anweſenden ein, daß ſie ſolche Merck-Zettul wohl ver- wahrlich halten ſollen, zumahl wann al- le Namen der Anweſenden mit in den Brief einverleibet worden. Nicht un- dienlich waͤre es auch, wann nach denen gelegten Grund-Steinen die Anweſende ſowohl denen Parteyen, wann ſie ihres gleichen ſind, die Hand boͤthen und allen Seegen anwuͤnſchten. Die Jungen koͤn- ten zum beſondern Zeichen die Haͤnde uͤ- bers Creutz gegen einander ſchlieſſen, al- ſo, daß des einen rechte Hand des an- dern lincke faſſete, das muͤſte aber alles ohne Schertz, Geſpoͤtte und Gelaͤchter, und mit Ernſt und Manier ohn alles Fluchen und Gotteslaͤſtern, nuͤchtern und mit gutem Verſtande vollzogen werden. Von G

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719/129
Zitationshilfe: Fleming, Hans Friedrich von: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 1. Leipzig, 1719, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719/129>, abgerufen am 17.06.2019.