Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Fleming, Hans Friedrich von: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 1. Leipzig, 1719.

Bild:
<< vorherige Seite

Anderer Theil/
[Spaltenumbruch] gen man sie auch nicht gerne im Gehä-
ge bey dem hohen Roth-Wildpräth dul-
det. Sonst ist es zu speisen unter an-
dern gar ein liebliches delicates Wild-
[Spaltenumbruch] präth, in Wacholder-Beer eingemacht;
Sonderlich haben sie feste und zarte
Häute.

Von dem Schwein.
[Spaltenumbruch]

Wie der Hirsch ein edeles, also wird
das wilde Schwein ein ritterliches Thier
genannt, maassen es ihm niemahls an
Muth und Hertze fehlet. So es ange-
troffen wird, hält es ungescheuet aus,
und tritt seinem Feind unerschrocken un-
ter die Augen, ja überläufft öffters so
wohl Hunde, als Jäger, und achtet we-
der Spieß, Lantze, Schuß, noch Stiche,
wird vielmehr dadurch erhitzter und ver-
ursacht seinem Wiederpart durch seine
Waffen Schaden genung: Jst von hi-
tziger Eigenschafft nach seiner Natur.
Das weibliche, so man eine Bache nen-
net, nachdem es in der Brunfft umb
Advent empfangen hat, träget ungefehr
achtzehen biß zwantzig Wochen und setzet
des Frühlings darauff umb die Fasten-
Zeit im Mäy-Monat ihre Frischlinge,
welche in wenig Tagen in Mutterleibe
gebildet und so sie die Helffte erlanget,
ebenfalls erwachen und lebendig wer-
den. Die Ameiß- Hauffen und warme
Brücher, Qvellen und Dickigte dienen
ihnen des Winters zur Wärme. Sie
wandern des Nachts nach denen Eicheln,
und Buch-Mast sehr weit. Die wilden
Sauen werden das Schwartz-Wild, wie
die Hirsche das Roth-Wild genennet, und
haben ihre Mast des Herbsts- und Win-
ters-Zeit von Eicheln und Buch-Mast,
wie auch von Hasel-Nüssen, Erd-Wür-
mern, Farren-Wurtzeln und andern
mehr. Zu solcher Zeit halten sich ins-
gemein gantze Rudel Sauen beysammen
auff und wehren sich vor allen ohne
Furcht. Wann ihre Satz-Zeit herbey
kömmt, so ebenfalls meistens zwischen
Ostern und Pfingsten geschiehet, suchet
eine jede Bache ihr einen absonderlichen
Ort aus, die Frischlinge zu setzen, da sie
sich ernehren können, hält sich nahe bey
ihren Frischlingen auff, umb denselben
zur Zeit der Noth beyzustehen und sie zu
beschützen. Die kleinen Frischlinge sind
zu Anfang ihrer Jugend rothfälbigt mit
schwartzen und weissen Streiffen, lauf-
fen mit der Bache hin und wieder. Und
sobald die alte gruntzet, stieben sie in ei-
nem Augenblick auff zehen Schritt hin
und wieder von einander, ins alte Graß,
[Spaltenumbruch] Schilff, Laub, Graben, Höhlen und Lö-
cher, oder in die Sträucher, fallen nie-
der und drücken sich zur Erde, liegen
still und lauren, biß die Alte ein Zeichen
giebt, dann sammlen sie sich wiederum.
Sie hören scharff und üben sich von Ju-
gend auff im Hauen und Kämpffen,
weil sie ihre Zähne gleich mit auff die
Welt bringen und dererselben nicht
mehr, sondern nur diese ferner in die
Länge und Stärcke wachsen, und zwar
so, daß die vier vordersten, als zwey un-
ten, und zwey oben, und bey denen Käu-
lern oder Schweinen insonderheit die zur
Seite herausstehende am längsten und
schärffsten wachsen, worauff sie sich ver-
lassen müssen. Des Morgends, Mit-
tags und Abends, so die alte kömmt, giebt
sie ihnen ein Zeichen, worauff die Jun-
gen augenblicklich als die Mäuse zusam-
men lauffen: die alte wirfft sich darnie-
der und die Jungen saugen an ihr; So
aber Jemand in Abwesenheit der Alten
einen Frischling haschen wolte, und sie
hörete es schreyen, würde sie denselben
anfahren, über einen Hauffen werffen
und übel zurichten. So die Frischlinge
acht biß zehen Tage alt, lauffen sie wei-
ter darvon, daß man sie so leicht nicht
finden kan, oder reissen aus mit der Ba-
che in andere Behältnisse. Wann die
alte Bache den Sommer über sie saugen
lässet, so vergehen ihnen die bunten Haa-
re, davon man im Herbste nichts mehr
sehen kan, und so die alte gebrochen, ge-
hen die jungen in den Bruch und nehren
sich von dem, was sie übrig finden, von al-
lerley Wurtzeln, Erd-Mast u. Würmern,
biß sie nach und nach die Eicheln und
Buch-Eckern beissen lernen. So bald
sie derer Wege ein wenig kundig werden,
lauffen sie vor der Bache her, welche ih-
nen alle Gelegenheit weiset, wo sie sicher
sind oder nicht. Wann aber die Bache
wiederumb gebrunfftet, und des Früh-
lings darauff andere Frischlinge setzet,
so werden die erstern von ihr getrieben
und, da nun solche weichen müssen, hal-
ten sie sich zusammen und nehren sich so
gut, als sie können. Jm andern Jahre
zur Satz-Zeit im Sommer, werden sie

jähri-

Anderer Theil/
[Spaltenumbruch] gen man ſie auch nicht gerne im Gehaͤ-
ge bey dem hohen Roth-Wildpraͤth dul-
det. Sonſt iſt es zu ſpeiſen unter an-
dern gar ein liebliches delicates Wild-
[Spaltenumbruch] praͤth, in Wacholder-Beer eingemacht;
Sonderlich haben ſie feſte und zarte
Haͤute.

Von dem Schwein.
[Spaltenumbruch]

Wie der Hirſch ein edeles, alſo wird
das wilde Schwein ein ritterliches Thier
genannt, maaſſen es ihm niemahls an
Muth und Hertze fehlet. So es ange-
troffen wird, haͤlt es ungeſcheuet aus,
und tritt ſeinem Feind unerſchrocken un-
ter die Augen, ja uͤberlaͤufft oͤffters ſo
wohl Hunde, als Jaͤger, und achtet we-
der Spieß, Lantze, Schuß, noch Stiche,
wird vielmehr dadurch erhitzter und ver-
urſacht ſeinem Wiederpart durch ſeine
Waffen Schaden genung: Jſt von hi-
tziger Eigenſchafft nach ſeiner Natur.
Das weibliche, ſo man eine Bache nen-
net, nachdem es in der Brunfft umb
Advent empfangen hat, traͤget ungefehr
achtzehen biß zwantzig Wochen und ſetzet
des Fruͤhlings darauff umb die Faſten-
Zeit im Maͤy-Monat ihre Friſchlinge,
welche in wenig Tagen in Mutterleibe
gebildet und ſo ſie die Helffte erlanget,
ebenfalls erwachen und lebendig wer-
den. Die Ameiß- Hauffen und warme
Bruͤcher, Qvellen und Dickigte dienen
ihnen des Winters zur Waͤrme. Sie
wandern des Nachts nach denen Eicheln,
und Buch-Maſt ſehr weit. Die wilden
Sauen werden das Schwartz-Wild, wie
die Hirſche das Roth-Wild genennet, und
haben ihre Maſt des Herbſts- und Win-
ters-Zeit von Eicheln und Buch-Maſt,
wie auch von Haſel-Nuͤſſen, Erd-Wuͤr-
mern, Farren-Wurtzeln und andern
mehr. Zu ſolcher Zeit halten ſich ins-
gemein gantze Rudel Sauen beyſammen
auff und wehren ſich vor allen ohne
Furcht. Wann ihre Satz-Zeit herbey
koͤmmt, ſo ebenfalls meiſtens zwiſchen
Oſtern und Pfingſten geſchiehet, ſuchet
eine jede Bache ihr einen abſonderlichen
Ort aus, die Friſchlinge zu ſetzen, da ſie
ſich ernehren koͤnnen, haͤlt ſich nahe bey
ihren Friſchlingen auff, umb denſelben
zur Zeit der Noth beyzuſtehen und ſie zu
beſchuͤtzen. Die kleinen Friſchlinge ſind
zu Anfang ihrer Jugend rothfaͤlbigt mit
ſchwartzen und weiſſen Streiffen, lauf-
fen mit der Bache hin und wieder. Und
ſobald die alte gruntzet, ſtieben ſie in ei-
nem Augenblick auff zehen Schritt hin
und wieder von einander, ins alte Graß,
[Spaltenumbruch] Schilff, Laub, Graben, Hoͤhlen und Loͤ-
cher, oder in die Straͤucher, fallen nie-
der und druͤcken ſich zur Erde, liegen
ſtill und lauren, biß die Alte ein Zeichen
giebt, dann ſammlen ſie ſich wiederum.
Sie hoͤren ſcharff und uͤben ſich von Ju-
gend auff im Hauen und Kaͤmpffen,
weil ſie ihre Zaͤhne gleich mit auff die
Welt bringen und dererſelben nicht
mehr, ſondern nur dieſe ferner in die
Laͤnge und Staͤrcke wachſen, und zwar
ſo, daß die vier vorderſten, als zwey un-
ten, und zwey oben, und bey denen Kaͤu-
lern oder Schweinen inſonderheit die zur
Seite herausſtehende am laͤngſten und
ſchaͤrffſten wachſen, worauff ſie ſich ver-
laſſen muͤſſen. Des Morgends, Mit-
tags und Abends, ſo die alte koͤmmt, giebt
ſie ihnen ein Zeichen, worauff die Jun-
gen augenblicklich als die Maͤuſe zuſam-
men lauffen: die alte wirfft ſich darnie-
der und die Jungen ſaugen an ihr; So
aber Jemand in Abweſenheit der Alten
einen Friſchling haſchen wolte, und ſie
hoͤrete es ſchreyen, wuͤrde ſie denſelben
anfahren, uͤber einen Hauffen werffen
und uͤbel zurichten. So die Friſchlinge
acht biß zehen Tage alt, lauffen ſie wei-
ter darvon, daß man ſie ſo leicht nicht
finden kan, oder reiſſen aus mit der Ba-
che in andere Behaͤltniſſe. Wann die
alte Bache den Sommer uͤber ſie ſaugen
laͤſſet, ſo vergehen ihnen die bunten Haa-
re, davon man im Herbſte nichts mehr
ſehen kan, und ſo die alte gebrochen, ge-
hen die jungen in den Bruch und nehren
ſich von dem, was ſie uͤbrig finden, von al-
lerley Wurtzeln, Erd-Maſt u. Wuͤrmeꝛn,
biß ſie nach und nach die Eicheln und
Buch-Eckern beiſſen lernen. So bald
ſie derer Wege ein wenig kundig werden,
lauffen ſie vor der Bache her, welche ih-
nen alle Gelegenheit weiſet, wo ſie ſicher
ſind oder nicht. Wann aber die Bache
wiederumb gebrunfftet, und des Fruͤh-
lings darauff andere Friſchlinge ſetzet,
ſo werden die erſtern von ihr getrieben
und, da nun ſolche weichen muͤſſen, hal-
ten ſie ſich zuſammen und nehren ſich ſo
gut, als ſie koͤnnen. Jm andern Jahre
zur Satz-Zeit im Sommer, werden ſie

jaͤhri-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0192" n="98"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Anderer Theil/</hi></fw><lb/><cb/>
gen man &#x017F;ie auch nicht gerne im Geha&#x0364;-<lb/>
ge bey dem hohen Roth-Wildpra&#x0364;th dul-<lb/>
det. Son&#x017F;t i&#x017F;t es zu &#x017F;pei&#x017F;en unter an-<lb/>
dern gar ein liebliches <hi rendition="#aq">delicates</hi> Wild-<lb/><cb/>
pra&#x0364;th, in Wacholder-Beer eingemacht;<lb/>
Sonderlich haben &#x017F;ie fe&#x017F;te und zarte<lb/>
Ha&#x0364;ute.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Von dem Schwein.</hi> </head><lb/>
          <cb/>
          <p>Wie der Hir&#x017F;ch ein edeles, al&#x017F;o wird<lb/>
das wilde Schwein ein ritterliches Thier<lb/>
genannt, maa&#x017F;&#x017F;en es ihm niemahls an<lb/>
Muth und Hertze fehlet. So es ange-<lb/>
troffen wird, ha&#x0364;lt es unge&#x017F;cheuet aus,<lb/>
und tritt &#x017F;einem Feind uner&#x017F;chrocken un-<lb/>
ter die Augen, ja u&#x0364;berla&#x0364;ufft o&#x0364;ffters &#x017F;o<lb/>
wohl Hunde, als Ja&#x0364;ger, und achtet we-<lb/>
der Spieß, Lantze, Schuß, noch Stiche,<lb/>
wird vielmehr dadurch erhitzter und ver-<lb/>
ur&#x017F;acht &#x017F;einem Wiederpart durch &#x017F;eine<lb/>
Waffen Schaden genung: J&#x017F;t von hi-<lb/>
tziger Eigen&#x017F;chafft nach &#x017F;einer Natur.<lb/>
Das weibliche, &#x017F;o man eine Bache nen-<lb/>
net, nachdem es in der Brunfft umb<lb/><hi rendition="#aq">Advent</hi> empfangen hat, tra&#x0364;get ungefehr<lb/>
achtzehen biß zwantzig Wochen und &#x017F;etzet<lb/>
des Fru&#x0364;hlings darauff umb die Fa&#x017F;ten-<lb/>
Zeit im Ma&#x0364;y-Monat ihre Fri&#x017F;chlinge,<lb/>
welche in wenig Tagen in Mutterleibe<lb/>
gebildet und &#x017F;o &#x017F;ie die Helffte erlanget,<lb/>
ebenfalls erwachen und lebendig wer-<lb/>
den. Die Ameiß- Hauffen und warme<lb/>
Bru&#x0364;cher, Qvellen und Dickigte dienen<lb/>
ihnen des Winters zur Wa&#x0364;rme. Sie<lb/>
wandern des Nachts nach denen Eicheln,<lb/>
und Buch-Ma&#x017F;t &#x017F;ehr weit. Die wilden<lb/>
Sauen werden das Schwartz-Wild, wie<lb/>
die Hir&#x017F;che das Roth-Wild genennet, und<lb/>
haben ihre Ma&#x017F;t des Herb&#x017F;ts- und Win-<lb/>
ters-Zeit von Eicheln und Buch-Ma&#x017F;t,<lb/>
wie auch von Ha&#x017F;el-Nu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, Erd-Wu&#x0364;r-<lb/>
mern, Farren-Wurtzeln und andern<lb/>
mehr. Zu &#x017F;olcher Zeit halten &#x017F;ich ins-<lb/>
gemein gantze Rudel Sauen bey&#x017F;ammen<lb/>
auff und wehren &#x017F;ich vor allen ohne<lb/>
Furcht. Wann ihre Satz-Zeit herbey<lb/>
ko&#x0364;mmt, &#x017F;o ebenfalls mei&#x017F;tens zwi&#x017F;chen<lb/>
O&#x017F;tern und Pfing&#x017F;ten ge&#x017F;chiehet, &#x017F;uchet<lb/>
eine jede Bache ihr einen ab&#x017F;onderlichen<lb/>
Ort aus, die Fri&#x017F;chlinge zu &#x017F;etzen, da &#x017F;ie<lb/>
&#x017F;ich ernehren ko&#x0364;nnen, ha&#x0364;lt &#x017F;ich nahe bey<lb/>
ihren Fri&#x017F;chlingen auff, umb den&#x017F;elben<lb/>
zur Zeit der Noth beyzu&#x017F;tehen und &#x017F;ie zu<lb/>
be&#x017F;chu&#x0364;tzen. Die kleinen Fri&#x017F;chlinge &#x017F;ind<lb/>
zu Anfang ihrer Jugend rothfa&#x0364;lbigt mit<lb/>
&#x017F;chwartzen und wei&#x017F;&#x017F;en Streiffen, lauf-<lb/>
fen mit der Bache hin und wieder. Und<lb/>
&#x017F;obald die alte gruntzet, &#x017F;tieben &#x017F;ie in ei-<lb/>
nem Augenblick auff zehen Schritt hin<lb/>
und wieder von einander, ins alte Graß,<lb/><cb/>
Schilff, Laub, Graben, Ho&#x0364;hlen und Lo&#x0364;-<lb/>
cher, oder in die Stra&#x0364;ucher, fallen nie-<lb/>
der und dru&#x0364;cken &#x017F;ich zur Erde, liegen<lb/>
&#x017F;till und lauren, biß die Alte ein Zeichen<lb/>
giebt, dann &#x017F;ammlen &#x017F;ie &#x017F;ich wiederum.<lb/>
Sie ho&#x0364;ren &#x017F;charff und u&#x0364;ben &#x017F;ich von Ju-<lb/>
gend auff im Hauen und Ka&#x0364;mpffen,<lb/>
weil &#x017F;ie ihre Za&#x0364;hne gleich mit auff die<lb/>
Welt bringen und derer&#x017F;elben nicht<lb/>
mehr, &#x017F;ondern nur die&#x017F;e ferner in die<lb/>
La&#x0364;nge und Sta&#x0364;rcke wach&#x017F;en, und zwar<lb/>
&#x017F;o, daß die vier vorder&#x017F;ten, als zwey un-<lb/>
ten, und zwey oben, und bey denen Ka&#x0364;u-<lb/>
lern oder Schweinen in&#x017F;onderheit die zur<lb/>
Seite heraus&#x017F;tehende am la&#x0364;ng&#x017F;ten und<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;rff&#x017F;ten wach&#x017F;en, worauff &#x017F;ie &#x017F;ich ver-<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en. Des Morgends, Mit-<lb/>
tags und Abends, &#x017F;o die alte ko&#x0364;mmt, giebt<lb/>
&#x017F;ie ihnen ein Zeichen, worauff die Jun-<lb/>
gen augenblicklich als die Ma&#x0364;u&#x017F;e zu&#x017F;am-<lb/>
men lauffen: die alte wirfft &#x017F;ich darnie-<lb/>
der und die Jungen &#x017F;augen an ihr; So<lb/>
aber Jemand in Abwe&#x017F;enheit der Alten<lb/>
einen Fri&#x017F;chling ha&#x017F;chen wolte, und &#x017F;ie<lb/>
ho&#x0364;rete es &#x017F;chreyen, wu&#x0364;rde &#x017F;ie den&#x017F;elben<lb/>
anfahren, u&#x0364;ber einen Hauffen werffen<lb/>
und u&#x0364;bel zurichten. So die Fri&#x017F;chlinge<lb/>
acht biß zehen Tage alt, lauffen &#x017F;ie wei-<lb/>
ter darvon, daß man &#x017F;ie &#x017F;o leicht nicht<lb/>
finden kan, oder rei&#x017F;&#x017F;en aus mit der Ba-<lb/>
che in andere Beha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e. Wann die<lb/>
alte Bache den Sommer u&#x0364;ber &#x017F;ie &#x017F;augen<lb/>
la&#x0364;&#x017F;&#x017F;et, &#x017F;o vergehen ihnen die bunten Haa-<lb/>
re, davon man im Herb&#x017F;te nichts mehr<lb/>
&#x017F;ehen kan, und &#x017F;o die alte gebrochen, ge-<lb/>
hen die jungen in den Bruch und nehren<lb/>
&#x017F;ich von dem, was &#x017F;ie u&#x0364;brig finden, von al-<lb/>
lerley Wurtzeln, Erd-Ma&#x017F;t u. Wu&#x0364;rme&#xA75B;n,<lb/>
biß &#x017F;ie nach und nach die Eicheln und<lb/>
Buch-Eckern bei&#x017F;&#x017F;en lernen. So bald<lb/>
&#x017F;ie derer Wege ein wenig kundig werden,<lb/>
lauffen &#x017F;ie vor der Bache her, welche ih-<lb/>
nen alle Gelegenheit wei&#x017F;et, wo &#x017F;ie &#x017F;icher<lb/>
&#x017F;ind oder nicht. Wann aber die Bache<lb/>
wiederumb gebrunfftet, und des Fru&#x0364;h-<lb/>
lings darauff andere Fri&#x017F;chlinge &#x017F;etzet,<lb/>
&#x017F;o werden die er&#x017F;tern von ihr getrieben<lb/>
und, da nun &#x017F;olche weichen mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, hal-<lb/>
ten &#x017F;ie &#x017F;ich zu&#x017F;ammen und nehren &#x017F;ich &#x017F;o<lb/>
gut, als &#x017F;ie ko&#x0364;nnen. Jm andern Jahre<lb/>
zur Satz-Zeit im Sommer, werden &#x017F;ie<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">ja&#x0364;hri-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[98/0192] Anderer Theil/ gen man ſie auch nicht gerne im Gehaͤ- ge bey dem hohen Roth-Wildpraͤth dul- det. Sonſt iſt es zu ſpeiſen unter an- dern gar ein liebliches delicates Wild- praͤth, in Wacholder-Beer eingemacht; Sonderlich haben ſie feſte und zarte Haͤute. Von dem Schwein. Wie der Hirſch ein edeles, alſo wird das wilde Schwein ein ritterliches Thier genannt, maaſſen es ihm niemahls an Muth und Hertze fehlet. So es ange- troffen wird, haͤlt es ungeſcheuet aus, und tritt ſeinem Feind unerſchrocken un- ter die Augen, ja uͤberlaͤufft oͤffters ſo wohl Hunde, als Jaͤger, und achtet we- der Spieß, Lantze, Schuß, noch Stiche, wird vielmehr dadurch erhitzter und ver- urſacht ſeinem Wiederpart durch ſeine Waffen Schaden genung: Jſt von hi- tziger Eigenſchafft nach ſeiner Natur. Das weibliche, ſo man eine Bache nen- net, nachdem es in der Brunfft umb Advent empfangen hat, traͤget ungefehr achtzehen biß zwantzig Wochen und ſetzet des Fruͤhlings darauff umb die Faſten- Zeit im Maͤy-Monat ihre Friſchlinge, welche in wenig Tagen in Mutterleibe gebildet und ſo ſie die Helffte erlanget, ebenfalls erwachen und lebendig wer- den. Die Ameiß- Hauffen und warme Bruͤcher, Qvellen und Dickigte dienen ihnen des Winters zur Waͤrme. Sie wandern des Nachts nach denen Eicheln, und Buch-Maſt ſehr weit. Die wilden Sauen werden das Schwartz-Wild, wie die Hirſche das Roth-Wild genennet, und haben ihre Maſt des Herbſts- und Win- ters-Zeit von Eicheln und Buch-Maſt, wie auch von Haſel-Nuͤſſen, Erd-Wuͤr- mern, Farren-Wurtzeln und andern mehr. Zu ſolcher Zeit halten ſich ins- gemein gantze Rudel Sauen beyſammen auff und wehren ſich vor allen ohne Furcht. Wann ihre Satz-Zeit herbey koͤmmt, ſo ebenfalls meiſtens zwiſchen Oſtern und Pfingſten geſchiehet, ſuchet eine jede Bache ihr einen abſonderlichen Ort aus, die Friſchlinge zu ſetzen, da ſie ſich ernehren koͤnnen, haͤlt ſich nahe bey ihren Friſchlingen auff, umb denſelben zur Zeit der Noth beyzuſtehen und ſie zu beſchuͤtzen. Die kleinen Friſchlinge ſind zu Anfang ihrer Jugend rothfaͤlbigt mit ſchwartzen und weiſſen Streiffen, lauf- fen mit der Bache hin und wieder. Und ſobald die alte gruntzet, ſtieben ſie in ei- nem Augenblick auff zehen Schritt hin und wieder von einander, ins alte Graß, Schilff, Laub, Graben, Hoͤhlen und Loͤ- cher, oder in die Straͤucher, fallen nie- der und druͤcken ſich zur Erde, liegen ſtill und lauren, biß die Alte ein Zeichen giebt, dann ſammlen ſie ſich wiederum. Sie hoͤren ſcharff und uͤben ſich von Ju- gend auff im Hauen und Kaͤmpffen, weil ſie ihre Zaͤhne gleich mit auff die Welt bringen und dererſelben nicht mehr, ſondern nur dieſe ferner in die Laͤnge und Staͤrcke wachſen, und zwar ſo, daß die vier vorderſten, als zwey un- ten, und zwey oben, und bey denen Kaͤu- lern oder Schweinen inſonderheit die zur Seite herausſtehende am laͤngſten und ſchaͤrffſten wachſen, worauff ſie ſich ver- laſſen muͤſſen. Des Morgends, Mit- tags und Abends, ſo die alte koͤmmt, giebt ſie ihnen ein Zeichen, worauff die Jun- gen augenblicklich als die Maͤuſe zuſam- men lauffen: die alte wirfft ſich darnie- der und die Jungen ſaugen an ihr; So aber Jemand in Abweſenheit der Alten einen Friſchling haſchen wolte, und ſie hoͤrete es ſchreyen, wuͤrde ſie denſelben anfahren, uͤber einen Hauffen werffen und uͤbel zurichten. So die Friſchlinge acht biß zehen Tage alt, lauffen ſie wei- ter darvon, daß man ſie ſo leicht nicht finden kan, oder reiſſen aus mit der Ba- che in andere Behaͤltniſſe. Wann die alte Bache den Sommer uͤber ſie ſaugen laͤſſet, ſo vergehen ihnen die bunten Haa- re, davon man im Herbſte nichts mehr ſehen kan, und ſo die alte gebrochen, ge- hen die jungen in den Bruch und nehren ſich von dem, was ſie uͤbrig finden, von al- lerley Wurtzeln, Erd-Maſt u. Wuͤrmeꝛn, biß ſie nach und nach die Eicheln und Buch-Eckern beiſſen lernen. So bald ſie derer Wege ein wenig kundig werden, lauffen ſie vor der Bache her, welche ih- nen alle Gelegenheit weiſet, wo ſie ſicher ſind oder nicht. Wann aber die Bache wiederumb gebrunfftet, und des Fruͤh- lings darauff andere Friſchlinge ſetzet, ſo werden die erſtern von ihr getrieben und, da nun ſolche weichen muͤſſen, hal- ten ſie ſich zuſammen und nehren ſich ſo gut, als ſie koͤnnen. Jm andern Jahre zur Satz-Zeit im Sommer, werden ſie jaͤhri-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719/192
Zitationshilfe: Fleming, Hans Friedrich von: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 1. Leipzig, 1719, S. 98. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger01_1719/192>, abgerufen am 20.05.2019.