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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. [Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. Der Teltow]. Berlin, 1862.

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Das Schildhorn bei Spandau.
Meine Götter sind Spott,
Rette du mich, Christengott.

Spandau ist eine der ältesten Städte der Mark und seine Lokal-
geschichte zählt zu den interessanteren. Hier an den Ufern der Havel
entschieden sich die Kämpfe zwischen Christen und Wenden, hier
faßte die Reformation zuerst festen Fuß in brandenburgischen Lan-
den und hier war es, wo der junge Friedrich Wilhelm (der spätre
"große Kurfürst") nach einer Zeit voll Elend und Erniedrigung,
siegreich seinen Einzug hielt, in dieselbe Festung, die August Moritz
v. Rochow vorgab, als kaiserlicher Oberst für den Kaiser und
gegen den Kurfürsten und Landesherrn halten zu müssen.

Aber diese Vorgänge, die theils einen Ruhm der Stadt bil-
den, theils ihr ein historisch poetisches Interesse leihen, liegen weit
zurück und sind erstorben im Bewußtsein der Gegenwart. Das
Spandau, das wir kennen, an das sich gewisse Schreckensvorstel-
lungen unserer Jugend knüpfen, war, bis in die neueste Zeit hin-
ein, ein höchst unpoetischer Ort. Die Stadt selbst, mit ihren ver-
schnittenen Lindenbäumen und gelb getünchten Häusern, nahm sich
an und für sich um kein Haarbreit unfreundlicher aus, als andere
märkische Städte, aber die Heiterkeit der Farben konnte an keinem
Ort zur Geltung kommen, den man sich gewöhnt hatte nur mit
der Nachtseite menschlicher Dinge in Verbindung zu bringen.
Festungsgräben mit Militairsträflingen, Kasematten mit politischen

Das Schildhorn bei Spandau.
Meine Götter ſind Spott,
Rette du mich, Chriſtengott.

Spandau iſt eine der älteſten Städte der Mark und ſeine Lokal-
geſchichte zählt zu den intereſſanteren. Hier an den Ufern der Havel
entſchieden ſich die Kämpfe zwiſchen Chriſten und Wenden, hier
faßte die Reformation zuerſt feſten Fuß in brandenburgiſchen Lan-
den und hier war es, wo der junge Friedrich Wilhelm (der ſpätre
„große Kurfürſt“) nach einer Zeit voll Elend und Erniedrigung,
ſiegreich ſeinen Einzug hielt, in dieſelbe Feſtung, die Auguſt Moritz
v. Rochow vorgab, als kaiſerlicher Oberſt für den Kaiſer und
gegen den Kurfürſten und Landesherrn halten zu müſſen.

Aber dieſe Vorgänge, die theils einen Ruhm der Stadt bil-
den, theils ihr ein hiſtoriſch poetiſches Intereſſe leihen, liegen weit
zurück und ſind erſtorben im Bewußtſein der Gegenwart. Das
Spandau, das wir kennen, an das ſich gewiſſe Schreckensvorſtel-
lungen unſerer Jugend knüpfen, war, bis in die neueſte Zeit hin-
ein, ein höchſt unpoetiſcher Ort. Die Stadt ſelbſt, mit ihren ver-
ſchnittenen Lindenbäumen und gelb getünchten Häuſern, nahm ſich
an und für ſich um kein Haarbreit unfreundlicher aus, als andere
märkiſche Städte, aber die Heiterkeit der Farben konnte an keinem
Ort zur Geltung kommen, den man ſich gewöhnt hatte nur mit
der Nachtſeite menſchlicher Dinge in Verbindung zu bringen.
Feſtungsgräben mit Militairſträflingen, Kaſematten mit politiſchen

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[[377]/0395] Das Schildhorn bei Spandau. Meine Götter ſind Spott, Rette du mich, Chriſtengott. Spandau iſt eine der älteſten Städte der Mark und ſeine Lokal- geſchichte zählt zu den intereſſanteren. Hier an den Ufern der Havel entſchieden ſich die Kämpfe zwiſchen Chriſten und Wenden, hier faßte die Reformation zuerſt feſten Fuß in brandenburgiſchen Lan- den und hier war es, wo der junge Friedrich Wilhelm (der ſpätre „große Kurfürſt“) nach einer Zeit voll Elend und Erniedrigung, ſiegreich ſeinen Einzug hielt, in dieſelbe Feſtung, die Auguſt Moritz v. Rochow vorgab, als kaiſerlicher Oberſt für den Kaiſer und gegen den Kurfürſten und Landesherrn halten zu müſſen. Aber dieſe Vorgänge, die theils einen Ruhm der Stadt bil- den, theils ihr ein hiſtoriſch poetiſches Intereſſe leihen, liegen weit zurück und ſind erſtorben im Bewußtſein der Gegenwart. Das Spandau, das wir kennen, an das ſich gewiſſe Schreckensvorſtel- lungen unſerer Jugend knüpfen, war, bis in die neueſte Zeit hin- ein, ein höchſt unpoetiſcher Ort. Die Stadt ſelbſt, mit ihren ver- ſchnittenen Lindenbäumen und gelb getünchten Häuſern, nahm ſich an und für ſich um kein Haarbreit unfreundlicher aus, als andere märkiſche Städte, aber die Heiterkeit der Farben konnte an keinem Ort zur Geltung kommen, den man ſich gewöhnt hatte nur mit der Nachtſeite menſchlicher Dinge in Verbindung zu bringen. Feſtungsgräben mit Militairſträflingen, Kaſematten mit politiſchen

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. [Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. Der Teltow]. Berlin, 1862. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg01_1862/395>, S. [377], abgerufen am 28.06.2017.