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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. [Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. Der Teltow]. Berlin, 1862.

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Neu-Ruppin.
1.
Ein Gang durch die Stadt. Die Klosterkirche.

Wir kennen jetzt die Südufer des Ruppiner See's, haben Carwe
und Wustrau durchstreift und schicken uns nun an, der alten
Hauptstadt dieses Landestheiles unseren Besuch zu machen, der
Stadt Ruppin selbst, die dem See, woran sie liegt, wie der
ganzen Grafschaft den Namen gegeben hat. In schräger Linie kreu-
zen wir, von Carwe aus, den an dieser Stelle ziemlich breiten
See, laben uns, die Juli-Sonne zu unseren Häupten, an der
feuchten Kühle des Wassers und traben endlich, nachdem wir das
Westufer erreicht haben, in offnem Wagen die kahle, staubige
Chaussee entlang, unsere Regenschirme als Schutz- und Schatten-
dächer über uns. Grau wie die Müllerthiere erreichen wir die
Stadt, sehen, mit geblendeten Augen, wenig oder nichts, und
athmen erst auf, als wir vor'm Gasthof zum Deutschen Hause
halten und freundlich bewillkommt in die Kühle des Flures treten.
Moselwein und Selterwasser stellen bald unsre Lebensgeister wieder
her und geben uns Muth und Kraft eine erste Promenade zu
machen und dem Pflaster der Stadt zu trotzen. In unseren dünn-
sohligen Stiefeln werden wir freilich mehr denn einmal an jenen
mecklenburgischen Gutsbesitzer erinnert, den seine revoltirenden
Hintersassen auf spitzen Steinen hatten tanzen lassen.

Die Stadt Ruppin hat eine schöne Lage -- See, Gärten

Neu-Ruppin.
1.
Ein Gang durch die Stadt. Die Kloſterkirche.

Wir kennen jetzt die Südufer des Ruppiner See’s, haben Carwe
und Wuſtrau durchſtreift und ſchicken uns nun an, der alten
Hauptſtadt dieſes Landestheiles unſeren Beſuch zu machen, der
Stadt Ruppin ſelbſt, die dem See, woran ſie liegt, wie der
ganzen Grafſchaft den Namen gegeben hat. In ſchräger Linie kreu-
zen wir, von Carwe aus, den an dieſer Stelle ziemlich breiten
See, laben uns, die Juli-Sonne zu unſeren Häupten, an der
feuchten Kühle des Waſſers und traben endlich, nachdem wir das
Weſtufer erreicht haben, in offnem Wagen die kahle, ſtaubige
Chauſſee entlang, unſere Regenſchirme als Schutz- und Schatten-
dächer über uns. Grau wie die Müllerthiere erreichen wir die
Stadt, ſehen, mit geblendeten Augen, wenig oder nichts, und
athmen erſt auf, als wir vor’m Gaſthof zum Deutſchen Hauſe
halten und freundlich bewillkommt in die Kühle des Flures treten.
Moſelwein und Selterwaſſer ſtellen bald unſre Lebensgeiſter wieder
her und geben uns Muth und Kraft eine erſte Promenade zu
machen und dem Pflaſter der Stadt zu trotzen. In unſeren dünn-
ſohligen Stiefeln werden wir freilich mehr denn einmal an jenen
mecklenburgiſchen Gutsbeſitzer erinnert, den ſeine revoltirenden
Hinterſaſſen auf ſpitzen Steinen hatten tanzen laſſen.

Die Stadt Ruppin hat eine ſchöne Lage — See, Gärten

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[[27]/0045] Neu-Ruppin. 1. Ein Gang durch die Stadt. Die Kloſterkirche. Wir kennen jetzt die Südufer des Ruppiner See’s, haben Carwe und Wuſtrau durchſtreift und ſchicken uns nun an, der alten Hauptſtadt dieſes Landestheiles unſeren Beſuch zu machen, der Stadt Ruppin ſelbſt, die dem See, woran ſie liegt, wie der ganzen Grafſchaft den Namen gegeben hat. In ſchräger Linie kreu- zen wir, von Carwe aus, den an dieſer Stelle ziemlich breiten See, laben uns, die Juli-Sonne zu unſeren Häupten, an der feuchten Kühle des Waſſers und traben endlich, nachdem wir das Weſtufer erreicht haben, in offnem Wagen die kahle, ſtaubige Chauſſee entlang, unſere Regenſchirme als Schutz- und Schatten- dächer über uns. Grau wie die Müllerthiere erreichen wir die Stadt, ſehen, mit geblendeten Augen, wenig oder nichts, und athmen erſt auf, als wir vor’m Gaſthof zum Deutſchen Hauſe halten und freundlich bewillkommt in die Kühle des Flures treten. Moſelwein und Selterwaſſer ſtellen bald unſre Lebensgeiſter wieder her und geben uns Muth und Kraft eine erſte Promenade zu machen und dem Pflaſter der Stadt zu trotzen. In unſeren dünn- ſohligen Stiefeln werden wir freilich mehr denn einmal an jenen mecklenburgiſchen Gutsbeſitzer erinnert, den ſeine revoltirenden Hinterſaſſen auf ſpitzen Steinen hatten tanzen laſſen. Die Stadt Ruppin hat eine ſchöne Lage — See, Gärten

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. [Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. Der Teltow]. Berlin, 1862, S. [27]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg01_1862/45>, abgerufen am 20.03.2019.