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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863.

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2.
Die Verwallung.
Graben und Wall
Haben bezwungen das Element
Und nun blüht es von End zu End
All überall.

Fische und Heu hatten Jahrhunderte lang den einzigen Reichthum
der Oderbruchgegenden gebildet; die Bewohner hatten davon ge-
lebt, indessen, im Großen und Ganzen, selbst in guten Jahren,
kärglich genug. Gute Jahre gab es aber nicht immer. Traf es sich,
daß es ein Wasserjahr war, daß die Ueberschwemmungen weiter
gingen oder länger andauerten als gewöhnlich, so war Noth und
Elend an allen Enden.

Zwar wurden schon im 16. Jahrhundert Versuche gemacht,
der Wassersnoth durch Eindeichung des linken Oderufers, nament-
lich auf der Straße von Frankfurt bis Cüstrin ein Ziel zu setzen,
aber alle diese Arbeiten waren theils auf kleinere Strecken be-
schränkt, theils mangelhaft in sich. Schon unter der Regierung des
Kurfürsten Johann George (1593) hatte man mit solchen Verwal-
lungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland, Brabant,
Schlesien herbeigerufen; die aufgeführten Dämme (zwischen Reit-
wein und dem Cüstriner Kietz) bewährten sich aber schlecht, und
1613 brach die Oder von Neuem durch. Auch der große Kurfürst
(1653) zog Oldländer (Bewohner der untern Elbe, abwärts von
Stade) und Holländer ins Land und speziell auch in diese Bruch-
gegenden; ihre sehr beschränkten Mittel reichten aber natürlich nicht
aus, eine viele Meilen lange Schutzmauer aufzuführen, ohne welche

2.
Die Verwallung.
Graben und Wall
Haben bezwungen das Element
Und nun blüht es von End zu End
All überall.

Fiſche und Heu hatten Jahrhunderte lang den einzigen Reichthum
der Oderbruchgegenden gebildet; die Bewohner hatten davon ge-
lebt, indeſſen, im Großen und Ganzen, ſelbſt in guten Jahren,
kärglich genug. Gute Jahre gab es aber nicht immer. Traf es ſich,
daß es ein Waſſerjahr war, daß die Ueberſchwemmungen weiter
gingen oder länger andauerten als gewöhnlich, ſo war Noth und
Elend an allen Enden.

Zwar wurden ſchon im 16. Jahrhundert Verſuche gemacht,
der Waſſersnoth durch Eindeichung des linken Oderufers, nament-
lich auf der Straße von Frankfurt bis Cüſtrin ein Ziel zu ſetzen,
aber alle dieſe Arbeiten waren theils auf kleinere Strecken be-
ſchränkt, theils mangelhaft in ſich. Schon unter der Regierung des
Kurfürſten Johann George (1593) hatte man mit ſolchen Verwal-
lungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland, Brabant,
Schleſien herbeigerufen; die aufgeführten Dämme (zwiſchen Reit-
wein und dem Cüſtriner Kietz) bewährten ſich aber ſchlecht, und
1613 brach die Oder von Neuem durch. Auch der große Kurfürſt
(1653) zog Oldländer (Bewohner der untern Elbe, abwärts von
Stade) und Holländer ins Land und ſpeziell auch in dieſe Bruch-
gegenden; ihre ſehr beſchränkten Mittel reichten aber natürlich nicht
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[[197]/0209] 2. Die Verwallung. Graben und Wall Haben bezwungen das Element Und nun blüht es von End zu End All überall. Fiſche und Heu hatten Jahrhunderte lang den einzigen Reichthum der Oderbruchgegenden gebildet; die Bewohner hatten davon ge- lebt, indeſſen, im Großen und Ganzen, ſelbſt in guten Jahren, kärglich genug. Gute Jahre gab es aber nicht immer. Traf es ſich, daß es ein Waſſerjahr war, daß die Ueberſchwemmungen weiter gingen oder länger andauerten als gewöhnlich, ſo war Noth und Elend an allen Enden. Zwar wurden ſchon im 16. Jahrhundert Verſuche gemacht, der Waſſersnoth durch Eindeichung des linken Oderufers, nament- lich auf der Straße von Frankfurt bis Cüſtrin ein Ziel zu ſetzen, aber alle dieſe Arbeiten waren theils auf kleinere Strecken be- ſchränkt, theils mangelhaft in ſich. Schon unter der Regierung des Kurfürſten Johann George (1593) hatte man mit ſolchen Verwal- lungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland, Brabant, Schleſien herbeigerufen; die aufgeführten Dämme (zwiſchen Reit- wein und dem Cüſtriner Kietz) bewährten ſich aber ſchlecht, und 1613 brach die Oder von Neuem durch. Auch der große Kurfürſt (1653) zog Oldländer (Bewohner der untern Elbe, abwärts von Stade) und Holländer ins Land und ſpeziell auch in dieſe Bruch- gegenden; ihre ſehr beſchränkten Mittel reichten aber natürlich nicht aus, eine viele Meilen lange Schutzmauer aufzuführen, ohne welche

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863, S. [197]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg02_1863/209>, abgerufen am 24.09.2018.