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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863.

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dungen etc., die wir den spärlich vorhandenen Urkunden entneh-
men könnten, würden das Bild wohl erweitern, aber nur noch
farbloser machen. Die Urkunden bieten nichts Berichtenswerthes,
und was schlimmer ist, auch die anderen Quellen, die wir sonst
wohl heranzuziehen gewohnt sind: die Grabsteine in der Kirche,
die Sagen und Traditionen im Dorfe selbst, sie alle versagen glei-
cherweise den Dienst. Die Kirche hat aufgeräumt mit den alten
Hinterlassenschaften (wenn sie deren jemals besaß) und nur dunkle,
nebelhafte Erinnerungen leben noch fort an das am meisten zu-
rückliegende, an die alte Wendenzeit. Traditionen kann man diese
dunklen Erinnerungen kaum noch nennen, dazu sind sie zu vager
Natur, aber das Dorf selbst, zum mindesten die Tracht seiner
Bewohnerinnen
, ist noch wie eine Art Tradition aus der
Wendenzeit her. Quilitz ist so ziemlich der einzige Ort am Rande
des Oderbruchs, der sich die wendische Tracht erhalten hat; Frauen
und Mädchen tragen noch den rothen, vielgefalteten Friesrock, das
dunkle, geblümte Mieder, den breiten Ueberfallkragen, das ganze
malerische Costüm, das ich an anderer Stelle bereits (Siehe S. 212
und 213) ausführlicher beschrieben habe.

Einigermaßen Leben und Farbe gewinnt die Geschichte von
Quilitz erst mit dem Jahre 1763, und wir wenden uns deshalb,
mit Uebergehung alles dessen was vorher liegt, nunmehr dieser
Epoche zu.

[Quilitz von 1763 -- 1814.]

Nach dem Tode des Markgrafen Carl fielen die am Rande
des Oderbruchs gelegenen Güter desselben, Friedland und Quilitz,
an die Krone zurück. Sie blieben aber nicht lange bei der Krone;
Friedrich II. verschenkte sie im selben Jahre noch, und zwar gab
er Friedland an den damaligen Major von Lestwitz, "den Sieger
von Torgau", und Quilitz an den Oberstlieutenant von Prittwitz,
der in der Schlacht bei Cunersdorf, als Rittmeister bei den Zie-
ten'schen Husaren, den König vor sicherer Gefangenschaft gerettet
hatte. Gegen beide Offiziere unterhielt der König seit den genann-
ten beiden Tagen ein verwandtes Gefühl besonderer Dankbarkeit:

dungen ꝛc., die wir den ſpärlich vorhandenen Urkunden entneh-
men könnten, würden das Bild wohl erweitern, aber nur noch
farbloſer machen. Die Urkunden bieten nichts Berichtenswerthes,
und was ſchlimmer iſt, auch die anderen Quellen, die wir ſonſt
wohl heranzuziehen gewohnt ſind: die Grabſteine in der Kirche,
die Sagen und Traditionen im Dorfe ſelbſt, ſie alle verſagen glei-
cherweiſe den Dienſt. Die Kirche hat aufgeräumt mit den alten
Hinterlaſſenſchaften (wenn ſie deren jemals beſaß) und nur dunkle,
nebelhafte Erinnerungen leben noch fort an das am meiſten zu-
rückliegende, an die alte Wendenzeit. Traditionen kann man dieſe
dunklen Erinnerungen kaum noch nennen, dazu ſind ſie zu vager
Natur, aber das Dorf ſelbſt, zum mindeſten die Tracht ſeiner
Bewohnerinnen
, iſt noch wie eine Art Tradition aus der
Wendenzeit her. Quilitz iſt ſo ziemlich der einzige Ort am Rande
des Oderbruchs, der ſich die wendiſche Tracht erhalten hat; Frauen
und Mädchen tragen noch den rothen, vielgefalteten Friesrock, das
dunkle, geblümte Mieder, den breiten Ueberfallkragen, das ganze
maleriſche Coſtüm, das ich an anderer Stelle bereits (Siehe S. 212
und 213) ausführlicher beſchrieben habe.

Einigermaßen Leben und Farbe gewinnt die Geſchichte von
Quilitz erſt mit dem Jahre 1763, und wir wenden uns deshalb,
mit Uebergehung alles deſſen was vorher liegt, nunmehr dieſer
Epoche zu.

[Quilitz von 1763 — 1814.]

Nach dem Tode des Markgrafen Carl fielen die am Rande
des Oderbruchs gelegenen Güter deſſelben, Friedland und Quilitz,
an die Krone zurück. Sie blieben aber nicht lange bei der Krone;
Friedrich II. verſchenkte ſie im ſelben Jahre noch, und zwar gab
er Friedland an den damaligen Major von Leſtwitz, „den Sieger
von Torgau“, und Quilitz an den Oberſtlieutenant von Prittwitz,
der in der Schlacht bei Cunersdorf, als Rittmeiſter bei den Zie-
ten’ſchen Huſaren, den König vor ſicherer Gefangenſchaft gerettet
hatte. Gegen beide Offiziere unterhielt der König ſeit den genann-
ten beiden Tagen ein verwandtes Gefühl beſonderer Dankbarkeit:

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[416/0428] dungen ꝛc., die wir den ſpärlich vorhandenen Urkunden entneh- men könnten, würden das Bild wohl erweitern, aber nur noch farbloſer machen. Die Urkunden bieten nichts Berichtenswerthes, und was ſchlimmer iſt, auch die anderen Quellen, die wir ſonſt wohl heranzuziehen gewohnt ſind: die Grabſteine in der Kirche, die Sagen und Traditionen im Dorfe ſelbſt, ſie alle verſagen glei- cherweiſe den Dienſt. Die Kirche hat aufgeräumt mit den alten Hinterlaſſenſchaften (wenn ſie deren jemals beſaß) und nur dunkle, nebelhafte Erinnerungen leben noch fort an das am meiſten zu- rückliegende, an die alte Wendenzeit. Traditionen kann man dieſe dunklen Erinnerungen kaum noch nennen, dazu ſind ſie zu vager Natur, aber das Dorf ſelbſt, zum mindeſten die Tracht ſeiner Bewohnerinnen, iſt noch wie eine Art Tradition aus der Wendenzeit her. Quilitz iſt ſo ziemlich der einzige Ort am Rande des Oderbruchs, der ſich die wendiſche Tracht erhalten hat; Frauen und Mädchen tragen noch den rothen, vielgefalteten Friesrock, das dunkle, geblümte Mieder, den breiten Ueberfallkragen, das ganze maleriſche Coſtüm, das ich an anderer Stelle bereits (Siehe S. 212 und 213) ausführlicher beſchrieben habe. Einigermaßen Leben und Farbe gewinnt die Geſchichte von Quilitz erſt mit dem Jahre 1763, und wir wenden uns deshalb, mit Uebergehung alles deſſen was vorher liegt, nunmehr dieſer Epoche zu. [Quilitz von 1763 — 1814.] Nach dem Tode des Markgrafen Carl fielen die am Rande des Oderbruchs gelegenen Güter deſſelben, Friedland und Quilitz, an die Krone zurück. Sie blieben aber nicht lange bei der Krone; Friedrich II. verſchenkte ſie im ſelben Jahre noch, und zwar gab er Friedland an den damaligen Major von Leſtwitz, „den Sieger von Torgau“, und Quilitz an den Oberſtlieutenant von Prittwitz, der in der Schlacht bei Cunersdorf, als Rittmeiſter bei den Zie- ten’ſchen Huſaren, den König vor ſicherer Gefangenſchaft gerettet hatte. Gegen beide Offiziere unterhielt der König ſeit den genann- ten beiden Tagen ein verwandtes Gefühl beſonderer Dankbarkeit:

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Berlin, 1863, S. 416. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg02_1863/428>, abgerufen am 24.09.2018.