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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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Anderes als ein modificirter, vielleicht ein potenzirter Freimau-
rer-Orden, hätte also allen Anspruch darauf gehabt, neben
diesem zu leben und zu wirken (in der That wurde auch um
1780 eine Vereinigung beider erstrebt); die besonderen Umstände
aber, unter denen der neue Orden ins Leben trat, seine Rüh-
rigkeit, seine Aggression, seine Uebergriffe führten rasch zu sei-
nem Untergange, nachdem er, etwa ein Jahrzehnt lang, eine
hervorragende politische Rolle gespielt und sich als ein ächter
Repräsentant jener Freiheitsströmung gezeigt hatte, die damals
durch Europa ging.

Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748
zu Ingolstadt geboren, an der Universität seiner Vaterstadt
studirt und 1775 ebendaselbst die Professur des Natur- und
kanonischen Rechts erhalten hatte. Schon als Student -- es
lag eben in der Zeit -- hatte ihn die Stiftung eines Ordens
beschäftigt; jetzt, gereifter, entwarf er die Statuten für den
Orden der "Perfectibilisten," die dann später den mehr bezeich-
nenden und besser sprechbaren Namen der Illuminaten
annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weis-
haupt selbst bezeichnete als Aufgabe desselben: "Selbstdenkende
Menschen aus allen Welttheilen, von allen Ständen und aus
allen Religionen, durch ein gegebenes höheres Interesse in ein
einziges Band dauerhaft zu vereinigen und sie dahin zu leiten,
aus wahrer Ueberzeugung und von selbst zu thun, was kein
öffentlicher Zwang, seit Welt und Menschen sind, je bewirken
konnte." In einem Briefe gab er sich noch deutlicher und
zuversichtlicher: "Der Endzweck des Ordens ist, daß es Licht
werde und wir sind die Streiter gegen die Finsterniß.
In fünf Jahren sollen sie erstaunen, was wir gethan haben.
Merken Sie sich's, der Endzweck des Ordens ist, frei zu sein.
Wenn sich Alles so fortentwickelt, wie seit einiger Zeit, so gehört
in Kurzem unser Vaterland uns. Habe ich einmal den Grund
des Baues festgestellt, so mag geschehen was wolle. Man wird
dann, auch wenn man wollte, nicht mehr im Stande sein, die
Sache zu Grunde zu richten."

Anderes als ein modificirter, vielleicht ein potenzirter Freimau-
rer-Orden, hätte alſo allen Anſpruch darauf gehabt, neben
dieſem zu leben und zu wirken (in der That wurde auch um
1780 eine Vereinigung beider erſtrebt); die beſonderen Umſtände
aber, unter denen der neue Orden ins Leben trat, ſeine Rüh-
rigkeit, ſeine Aggreſſion, ſeine Uebergriffe führten raſch zu ſei-
nem Untergange, nachdem er, etwa ein Jahrzehnt lang, eine
hervorragende politiſche Rolle geſpielt und ſich als ein ächter
Repräſentant jener Freiheitsſtrömung gezeigt hatte, die damals
durch Europa ging.

Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748
zu Ingolſtadt geboren, an der Univerſität ſeiner Vaterſtadt
ſtudirt und 1775 ebendaſelbſt die Profeſſur des Natur- und
kanoniſchen Rechts erhalten hatte. Schon als Student — es
lag eben in der Zeit — hatte ihn die Stiftung eines Ordens
beſchäftigt; jetzt, gereifter, entwarf er die Statuten für den
Orden der „Perfectibiliſten,“ die dann ſpäter den mehr bezeich-
nenden und beſſer ſprechbaren Namen der Illuminaten
annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weis-
haupt ſelbſt bezeichnete als Aufgabe deſſelben: „Selbſtdenkende
Menſchen aus allen Welttheilen, von allen Ständen und aus
allen Religionen, durch ein gegebenes höheres Intereſſe in ein
einziges Band dauerhaft zu vereinigen und ſie dahin zu leiten,
aus wahrer Ueberzeugung und von ſelbſt zu thun, was kein
öffentlicher Zwang, ſeit Welt und Menſchen ſind, je bewirken
konnte.“ In einem Briefe gab er ſich noch deutlicher und
zuverſichtlicher: „Der Endzweck des Ordens iſt, daß es Licht
werde und wir ſind die Streiter gegen die Finſterniß.
In fünf Jahren ſollen ſie erſtaunen, was wir gethan haben.
Merken Sie ſich’s, der Endzweck des Ordens iſt, frei zu ſein.
Wenn ſich Alles ſo fortentwickelt, wie ſeit einiger Zeit, ſo gehört
in Kurzem unſer Vaterland uns. Habe ich einmal den Grund
des Baues feſtgeſtellt, ſo mag geſchehen was wolle. Man wird
dann, auch wenn man wollte, nicht mehr im Stande ſein, die
Sache zu Grunde zu richten.“

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[306/0324] Anderes als ein modificirter, vielleicht ein potenzirter Freimau- rer-Orden, hätte alſo allen Anſpruch darauf gehabt, neben dieſem zu leben und zu wirken (in der That wurde auch um 1780 eine Vereinigung beider erſtrebt); die beſonderen Umſtände aber, unter denen der neue Orden ins Leben trat, ſeine Rüh- rigkeit, ſeine Aggreſſion, ſeine Uebergriffe führten raſch zu ſei- nem Untergange, nachdem er, etwa ein Jahrzehnt lang, eine hervorragende politiſche Rolle geſpielt und ſich als ein ächter Repräſentant jener Freiheitsſtrömung gezeigt hatte, die damals durch Europa ging. Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748 zu Ingolſtadt geboren, an der Univerſität ſeiner Vaterſtadt ſtudirt und 1775 ebendaſelbſt die Profeſſur des Natur- und kanoniſchen Rechts erhalten hatte. Schon als Student — es lag eben in der Zeit — hatte ihn die Stiftung eines Ordens beſchäftigt; jetzt, gereifter, entwarf er die Statuten für den Orden der „Perfectibiliſten,“ die dann ſpäter den mehr bezeich- nenden und beſſer ſprechbaren Namen der Illuminaten annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weis- haupt ſelbſt bezeichnete als Aufgabe deſſelben: „Selbſtdenkende Menſchen aus allen Welttheilen, von allen Ständen und aus allen Religionen, durch ein gegebenes höheres Intereſſe in ein einziges Band dauerhaft zu vereinigen und ſie dahin zu leiten, aus wahrer Ueberzeugung und von ſelbſt zu thun, was kein öffentlicher Zwang, ſeit Welt und Menſchen ſind, je bewirken konnte.“ In einem Briefe gab er ſich noch deutlicher und zuverſichtlicher: „Der Endzweck des Ordens iſt, daß es Licht werde und wir ſind die Streiter gegen die Finſterniß. In fünf Jahren ſollen ſie erſtaunen, was wir gethan haben. Merken Sie ſich’s, der Endzweck des Ordens iſt, frei zu ſein. Wenn ſich Alles ſo fortentwickelt, wie ſeit einiger Zeit, ſo gehört in Kurzem unſer Vaterland uns. Habe ich einmal den Grund des Baues feſtgeſtellt, ſo mag geſchehen was wolle. Man wird dann, auch wenn man wollte, nicht mehr im Stande ſein, die Sache zu Grunde zu richten.“

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 306. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/324>, abgerufen am 27.09.2020.