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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den "West-
endern" zählt, erfordert freilich einen Entschluß. Es ist eine
Reise, und nicht eben die angenehmste. Durch diese ganze
Steinmasse des alten und neuen Berlins sich muthig hindurch-
zuschlagen, um dann schließlich in einem fuchsrothen Omnibus
mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, ist
nicht Jedem gegeben. Wer es aber an einem grauen Tage
wagen will, wo die Sonne nicht sticht und der Staub nicht
wirbelt, der wird seine Mühe reichlich belohnt finden. Er wird
überrascht sein durch das reiche Stück Geschichte, das ihm an
dieser Stelle entgegentritt.

Wir erzählen davon.


Friedrichsfelde bis 1698.

Friedrichsfelde bis 1698, und noch einige Jahre darüber
hinaus, war gar kein Friedrichsfelde; es führte bis dahin den
poetischen, an Idyll und Schäferspiele mahnenden Namen Ro-
senfelde
. Und doch griff dieser Name in Zeiten zurück
(erstes Vorkommen 1288), wo in der Mark an alles Andere
eher gedacht wurde, als an Schäferspiele. Kaum Schäfer mocht'
es damals geben.

1319, im letzten Regierungsjahre des Markgrafen Walde-
mar, wurden die Rathmannen von Berlin und Cölln die
Herren des schon damals ansehnlichen Besitzes und beinahe drei
Jahrhunderte lang trug es die alte Patrizierfamilie der Rykes
von den Rathmannen zu Lehn. 1590, so scheint es, wurde
das Gut zu großem Theile landesherrlich, bis es unter dem
Großen Kurfürsten in den Besitz Joachim Ernst von Grumb-
kow's
*) und 1695 in den Besitz Raule's kam.

*) Joachim Ernst v. Grumbkow starb in der Nähe von Wesel
(im Reisewagen) auf einer Reise des Hofes nach Cleve, am zweiten
Weihnachtsfeiertage 1690. Der Hofpoet Besser sprach in seinem an die
Wittwe gerichteten Trauergedicht "von dem zwar nicht seligen, aber
doch sanften Tod" des Hingeschiedenen. Grumbkow hatte nämlich am
Abend vorher zu viel getrunken. Pöllnitz in seinen Memoiren sagt von

Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den „Weſt-
endern“ zählt, erfordert freilich einen Entſchluß. Es iſt eine
Reiſe, und nicht eben die angenehmſte. Durch dieſe ganze
Steinmaſſe des alten und neuen Berlins ſich muthig hindurch-
zuſchlagen, um dann ſchließlich in einem fuchsrothen Omnibus
mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, iſt
nicht Jedem gegeben. Wer es aber an einem grauen Tage
wagen will, wo die Sonne nicht ſticht und der Staub nicht
wirbelt, der wird ſeine Mühe reichlich belohnt finden. Er wird
überraſcht ſein durch das reiche Stück Geſchichte, das ihm an
dieſer Stelle entgegentritt.

Wir erzählen davon.


Friedrichsfelde bis 1698.

Friedrichsfelde bis 1698, und noch einige Jahre darüber
hinaus, war gar kein Friedrichsfelde; es führte bis dahin den
poetiſchen, an Idyll und Schäferſpiele mahnenden Namen Ro-
ſenfelde
. Und doch griff dieſer Name in Zeiten zurück
(erſtes Vorkommen 1288), wo in der Mark an alles Andere
eher gedacht wurde, als an Schäferſpiele. Kaum Schäfer mocht’
es damals geben.

1319, im letzten Regierungsjahre des Markgrafen Walde-
mar, wurden die Rathmannen von Berlin und Cölln die
Herren des ſchon damals anſehnlichen Beſitzes und beinahe drei
Jahrhunderte lang trug es die alte Patrizierfamilie der Rykes
von den Rathmannen zu Lehn. 1590, ſo ſcheint es, wurde
das Gut zu großem Theile landesherrlich, bis es unter dem
Großen Kurfürſten in den Beſitz Joachim Ernſt von Grumb-
kow’s
*) und 1695 in den Beſitz Raule’s kam.

*) Joachim Ernſt v. Grumbkow ſtarb in der Nähe von Weſel
(im Reiſewagen) auf einer Reiſe des Hofes nach Cleve, am zweiten
Weihnachtsfeiertage 1690. Der Hofpoet Beſſer ſprach in ſeinem an die
Wittwe gerichteten Trauergedicht „von dem zwar nicht ſeligen, aber
doch ſanften Tod“ des Hingeſchiedenen. Grumbkow hatte nämlich am
Abend vorher zu viel getrunken. Pöllnitz in ſeinen Memoiren ſagt von
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[399/0417] Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den „Weſt- endern“ zählt, erfordert freilich einen Entſchluß. Es iſt eine Reiſe, und nicht eben die angenehmſte. Durch dieſe ganze Steinmaſſe des alten und neuen Berlins ſich muthig hindurch- zuſchlagen, um dann ſchließlich in einem fuchsrothen Omnibus mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, iſt nicht Jedem gegeben. Wer es aber an einem grauen Tage wagen will, wo die Sonne nicht ſticht und der Staub nicht wirbelt, der wird ſeine Mühe reichlich belohnt finden. Er wird überraſcht ſein durch das reiche Stück Geſchichte, das ihm an dieſer Stelle entgegentritt. Wir erzählen davon. Friedrichsfelde bis 1698. Friedrichsfelde bis 1698, und noch einige Jahre darüber hinaus, war gar kein Friedrichsfelde; es führte bis dahin den poetiſchen, an Idyll und Schäferſpiele mahnenden Namen Ro- ſenfelde. Und doch griff dieſer Name in Zeiten zurück (erſtes Vorkommen 1288), wo in der Mark an alles Andere eher gedacht wurde, als an Schäferſpiele. Kaum Schäfer mocht’ es damals geben. 1319, im letzten Regierungsjahre des Markgrafen Walde- mar, wurden die Rathmannen von Berlin und Cölln die Herren des ſchon damals anſehnlichen Beſitzes und beinahe drei Jahrhunderte lang trug es die alte Patrizierfamilie der Rykes von den Rathmannen zu Lehn. 1590, ſo ſcheint es, wurde das Gut zu großem Theile landesherrlich, bis es unter dem Großen Kurfürſten in den Beſitz Joachim Ernſt von Grumb- kow’s *) und 1695 in den Beſitz Raule’s kam. *) Joachim Ernſt v. Grumbkow ſtarb in der Nähe von Weſel (im Reiſewagen) auf einer Reiſe des Hofes nach Cleve, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1690. Der Hofpoet Beſſer ſprach in ſeinem an die Wittwe gerichteten Trauergedicht „von dem zwar nicht ſeligen, aber doch ſanften Tod“ des Hingeſchiedenen. Grumbkow hatte nämlich am Abend vorher zu viel getrunken. Pöllnitz in ſeinen Memoiren ſagt von

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 399. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/417>, abgerufen am 24.03.2019.