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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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Kloster Lehnin.
1.
Die Gründung des Klosters.
Wo das Kloster aus der Mitte
Düstrer Linden sah.

Mit des Jammers stummen Blicken
Fleht sie zu dem harten Mann,
Fleht umsonst, denn loszudrücken,
Legt er schon den Bogen an.

Schiller.

Die erste Gründung der Cistercienser in der Mark war Kloster
Lehnin. Es liegt zwei Meilen südlich von Brandenburg, in
dem alten Landestheil, der den Namen "die Zauche" trägt.
Der Weg dahin, namentlich auf seiner zweiten Hälfte, führt
durch alte Klosterdörfer mit prächtigen Baumalleen und pitto-
resken Häuserfronten, die Landschaft aber, die diese Dörfer
umgiebt, bietet wenig Besonderes dar, und setzt sich aus den
üblichen Requisiten märkischer Landschaft zusammen: weite
Flächen, Hügelzüge am Horizont, ein See, verstreute Acker-
felder, hier ein Stück Sumpfland, durch das sich Erlenbüsche,
und dort ein Stück Sandland, durch das sich Kiefern ziehn.
Erst in unmittelbarer Nähe Lehnin's, das jetzt ein Städtchen
geworden, verschönert sich das Bild, und wir treten in ein
Terrain ein, das einer flachen Schale gleicht, in deren Mitte
sich das Kloster selber erhebt. Der Anblick ist gefällig, die
dichten Kronen einer Baumgruppe scheinen Thurm und Dach auf
ihrem Zweigwerk zu tragen, während Wiesen- und Gartenland
jene Baumgruppe und ein Höhenzug wiederum jenes Wiesen-

Kloſter Lehnin.
1.
Die Gründung des Kloſters.
Wo das Kloſter aus der Mitte
Düſtrer Linden ſah.

Mit des Jammers ſtummen Blicken
Fleht ſie zu dem harten Mann,
Fleht umſonſt, denn loszudrücken,
Legt er ſchon den Bogen an.

Schiller.

Die erſte Gründung der Ciſtercienſer in der Mark war Kloſter
Lehnin. Es liegt zwei Meilen ſüdlich von Brandenburg, in
dem alten Landestheil, der den Namen „die Zauche“ trägt.
Der Weg dahin, namentlich auf ſeiner zweiten Hälfte, führt
durch alte Kloſterdörfer mit prächtigen Baumalleen und pitto-
resken Häuſerfronten, die Landſchaft aber, die dieſe Dörfer
umgiebt, bietet wenig Beſonderes dar, und ſetzt ſich aus den
üblichen Requiſiten märkiſcher Landſchaft zuſammen: weite
Flächen, Hügelzüge am Horizont, ein See, verſtreute Acker-
felder, hier ein Stück Sumpfland, durch das ſich Erlenbüſche,
und dort ein Stück Sandland, durch das ſich Kiefern ziehn.
Erſt in unmittelbarer Nähe Lehnin’s, das jetzt ein Städtchen
geworden, verſchönert ſich das Bild, und wir treten in ein
Terrain ein, das einer flachen Schale gleicht, in deren Mitte
ſich das Kloſter ſelber erhebt. Der Anblick iſt gefällig, die
dichten Kronen einer Baumgruppe ſcheinen Thurm und Dach auf
ihrem Zweigwerk zu tragen, während Wieſen- und Gartenland
jene Baumgruppe und ein Höhenzug wiederum jenes Wieſen-

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[[73]/0091] Kloſter Lehnin. 1. Die Gründung des Kloſters. Wo das Kloſter aus der Mitte Düſtrer Linden ſah. Mit des Jammers ſtummen Blicken Fleht ſie zu dem harten Mann, Fleht umſonſt, denn loszudrücken, Legt er ſchon den Bogen an. Schiller. Die erſte Gründung der Ciſtercienſer in der Mark war Kloſter Lehnin. Es liegt zwei Meilen ſüdlich von Brandenburg, in dem alten Landestheil, der den Namen „die Zauche“ trägt. Der Weg dahin, namentlich auf ſeiner zweiten Hälfte, führt durch alte Kloſterdörfer mit prächtigen Baumalleen und pitto- resken Häuſerfronten, die Landſchaft aber, die dieſe Dörfer umgiebt, bietet wenig Beſonderes dar, und ſetzt ſich aus den üblichen Requiſiten märkiſcher Landſchaft zuſammen: weite Flächen, Hügelzüge am Horizont, ein See, verſtreute Acker- felder, hier ein Stück Sumpfland, durch das ſich Erlenbüſche, und dort ein Stück Sandland, durch das ſich Kiefern ziehn. Erſt in unmittelbarer Nähe Lehnin’s, das jetzt ein Städtchen geworden, verſchönert ſich das Bild, und wir treten in ein Terrain ein, das einer flachen Schale gleicht, in deren Mitte ſich das Kloſter ſelber erhebt. Der Anblick iſt gefällig, die dichten Kronen einer Baumgruppe ſcheinen Thurm und Dach auf ihrem Zweigwerk zu tragen, während Wieſen- und Gartenland jene Baumgruppe und ein Höhenzug wiederum jenes Wieſen-

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. [73]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/91>, abgerufen am 18.03.2019.