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Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896.

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Effi Briest
aber wie wir selber hier leben werden, davon kein
Wort. Daß hier alles anders ist, als in Hohen-
Cremmen und Schwantikow, das seh' ich wohl, aber
wir müssen doch in dem "guten Kessin", wie Du's
immer nennst, auch etwas wie Umgang und Gesell¬
schaft haben können. Habt Ihr denn Leute von
Familie in der Stadt?"

"Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin
gehst Du großen Enttäuschungen entgegen. In der
Nähe haben wir ein paar Adlige, die Du kennen
lernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts."

"Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr
seid doch bis zu dreitausend Menschen, und unter
dreitausend Menschen muß es doch außer so kleinen
Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch
auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder der¬
gleichen."

Innstetten lachte. "Ja, Honoratioren, die giebt
es. Aber bei Lichte besehen, ist es nicht viel damit.
Natürlich haben wir einen Prediger und einen Amts¬
richter und einen Rektor und einen Lootsenkommandeur,
und von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich
wohl ein ganzes Dutzend zusammen, aber die meisten
davon: gute Menschen und schlechte Musikanten. Und
was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln."

"Bloß Konsuln. Ich bitte Dich, Geert, wie

Effi Brieſt
aber wie wir ſelber hier leben werden, davon kein
Wort. Daß hier alles anders iſt, als in Hohen-
Cremmen und Schwantikow, das ſeh' ich wohl, aber
wir müſſen doch in dem „guten Keſſin“, wie Du's
immer nennſt, auch etwas wie Umgang und Geſell¬
ſchaft haben können. Habt Ihr denn Leute von
Familie in der Stadt?“

„Nein, meine liebe Effi; nach dieſer Seite hin
gehſt Du großen Enttäuſchungen entgegen. In der
Nähe haben wir ein paar Adlige, die Du kennen
lernen wirſt, aber hier in der Stadt iſt gar nichts.“

„Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr
ſeid doch bis zu dreitauſend Menſchen, und unter
dreitauſend Menſchen muß es doch außer ſo kleinen
Leuten wie Barbier Beza (ſo hieß er ja wohl) doch
auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder der¬
gleichen.“

Innſtetten lachte. „Ja, Honoratioren, die giebt
es. Aber bei Lichte beſehen, iſt es nicht viel damit.
Natürlich haben wir einen Prediger und einen Amts¬
richter und einen Rektor und einen Lootſenkommandeur,
und von ſolchen beamteten Leuten findet ſich ſchließlich
wohl ein ganzes Dutzend zuſammen, aber die meiſten
davon: gute Menſchen und ſchlechte Muſikanten. Und
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[90/0099] Effi Brieſt aber wie wir ſelber hier leben werden, davon kein Wort. Daß hier alles anders iſt, als in Hohen- Cremmen und Schwantikow, das ſeh' ich wohl, aber wir müſſen doch in dem „guten Keſſin“, wie Du's immer nennſt, auch etwas wie Umgang und Geſell¬ ſchaft haben können. Habt Ihr denn Leute von Familie in der Stadt?“ „Nein, meine liebe Effi; nach dieſer Seite hin gehſt Du großen Enttäuſchungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die Du kennen lernen wirſt, aber hier in der Stadt iſt gar nichts.“ „Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr ſeid doch bis zu dreitauſend Menſchen, und unter dreitauſend Menſchen muß es doch außer ſo kleinen Leuten wie Barbier Beza (ſo hieß er ja wohl) doch auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder der¬ gleichen.“ Innſtetten lachte. „Ja, Honoratioren, die giebt es. Aber bei Lichte beſehen, iſt es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger und einen Amts¬ richter und einen Rektor und einen Lootſenkommandeur, und von ſolchen beamteten Leuten findet ſich ſchließlich wohl ein ganzes Dutzend zuſammen, aber die meiſten davon: gute Menſchen und ſchlechte Muſikanten. Und was dann noch bleibt, das ſind bloß Konſuln.“ „Bloß Konſuln. Ich bitte Dich, Geert, wie

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896, S. 90. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_briest_1896/99>, abgerufen am 10.07.2020.