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Fontane, Theodor: Von vor und nach der Reise. 2. Aufl. Berlin, 1894.

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"Eine Vermutung, mein Herr, die doch nicht zutrifft. Im Gegenteil, ich lese wöchentlich die große europäische Sterbetabelle: Breslau 40, Berlin 30, London 20."

"Da haben Sie's."

"Was? In dieser Zahlenskala hab' ich doch nichts als die Prozentsätze, nach denen man in den großen Städten lebt und stirbt."

"Aber darin liegt alles andere. Denn dem vielzitierten napoleonischen Satze ,daß das Land mit den besten Nähnadeln auch das der besten Brauer und Bäcker, der geschicktesten Architekten und Kunstreiter sei und überhaupt alles am besten habe', diesem Satze möchte ich doch zustimmen dürfen. Es steht eben alles in einem inneren Zusammenhang. Der Drang nach Vollkommenheit, wenn er überhaupt erst Wurzel geschlagen, entwickelt sich von dem Augenblick an in jeder Branche des öffentlichen Lebens, und wo man, sagen wir, Epidemieen am besten in Check zu halten weiß, weiß man ebenso das Kriminale bestmöglichst in Check zu halten. Mit anderen Worten, wo die Gesundheitspflege dem Tod auf die Finger sieht, da sieht auch die Sicherheitspflege dem Dieb auf die Finger, dem Dieb, dem Einbrecher, dem Garotteur. Und so immer hinauf auf der Stufe des Verbrechens."


„Eine Vermutung, mein Herr, die doch nicht zutrifft. Im Gegenteil, ich lese wöchentlich die große europäische Sterbetabelle: Breslau 40, Berlin 30, London 20.“

„Da haben Sie’s.“

„Was? In dieser Zahlenskala hab’ ich doch nichts als die Prozentsätze, nach denen man in den großen Städten lebt und stirbt.“

„Aber darin liegt alles andere. Denn dem vielzitierten napoleonischen Satze ‚daß das Land mit den besten Nähnadeln auch das der besten Brauer und Bäcker, der geschicktesten Architekten und Kunstreiter sei und überhaupt alles am besten habe‘, diesem Satze möchte ich doch zustimmen dürfen. Es steht eben alles in einem inneren Zusammenhang. Der Drang nach Vollkommenheit, wenn er überhaupt erst Wurzel geschlagen, entwickelt sich von dem Augenblick an in jeder Branche des öffentlichen Lebens, und wo man, sagen wir, Epidemieen am besten in Check zu halten weiß, weiß man ebenso das Kriminale bestmöglichst in Check zu halten. Mit anderen Worten, wo die Gesundheitspflege dem Tod auf die Finger sieht, da sieht auch die Sicherheitspflege dem Dieb auf die Finger, dem Dieb, dem Einbrecher, dem Garotteur. Und so immer hinauf auf der Stufe des Verbrechens.“


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[44/0046] „Eine Vermutung, mein Herr, die doch nicht zutrifft. Im Gegenteil, ich lese wöchentlich die große europäische Sterbetabelle: Breslau 40, Berlin 30, London 20.“ „Da haben Sie’s.“ „Was? In dieser Zahlenskala hab’ ich doch nichts als die Prozentsätze, nach denen man in den großen Städten lebt und stirbt.“ „Aber darin liegt alles andere. Denn dem vielzitierten napoleonischen Satze ‚daß das Land mit den besten Nähnadeln auch das der besten Brauer und Bäcker, der geschicktesten Architekten und Kunstreiter sei und überhaupt alles am besten habe‘, diesem Satze möchte ich doch zustimmen dürfen. Es steht eben alles in einem inneren Zusammenhang. Der Drang nach Vollkommenheit, wenn er überhaupt erst Wurzel geschlagen, entwickelt sich von dem Augenblick an in jeder Branche des öffentlichen Lebens, und wo man, sagen wir, Epidemieen am besten in Check zu halten weiß, weiß man ebenso das Kriminale bestmöglichst in Check zu halten. Mit anderen Worten, wo die Gesundheitspflege dem Tod auf die Finger sieht, da sieht auch die Sicherheitspflege dem Dieb auf die Finger, dem Dieb, dem Einbrecher, dem Garotteur. Und so immer hinauf auf der Stufe des Verbrechens.“

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Georg-August-Universität Göttingen, Theodor Fontane: Große Brandenburger Ausgabe (GBA): Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin). (2014-01-22T15:28:28Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Frederike Neuber, Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2014-01-22T15:28:28Z)
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2014-01-22T15:28:28Z)

Weitere Informationen:

Theodor Fontane: Von vor und nach der Reise. Plaudereien und kleine Geschichten. Hrsg. von Walter Hettche und Gabriele Radecke. Berlin 2007 [= Große Brandenburger Ausgabe, Das erzählerische Werk, Bd. 19]: Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin).

Anmerkungen zur Transkription:

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  • I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert;
  • Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet;
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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Von vor und nach der Reise. 2. Aufl. Berlin, 1894, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_reise_1894/46>, abgerufen am 19.04.2024.