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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Achtes Kapitel.

Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimm¬
liches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute
Wirtin und besaß neben anderm auch jene Direktoral¬
augen, die bei Tische so viel bedeuten; aber eine Gabe
besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten
Zirkel doch sein sollte, zusammenzufassen. So zerfiel
denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweig¬
sam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies
war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte
nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei
Kakadugesichtern so häufig findet, verband in sich den
Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher
Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr
vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch eine
stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch
abhanden gekommen. Eine direkte Descendenz von dem
gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako,
war freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht aus¬
geschlossen, und wenn dergleichen überhaupt vorkommen
oder nach stiller Übereinkunft auch nur allgemein an¬
genommen werden konnte, so war nicht abzusehen, warum
gerade sie leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit
verzichten sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Spe¬
ziellen sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach denn

Achtes Kapitel.

Tante Adelheid, wenn ſich nichts geradezu Verſtimm¬
liches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute
Wirtin und beſaß neben anderm auch jene Direktoral¬
augen, die bei Tiſche ſo viel bedeuten; aber eine Gabe
beſaß ſie nicht, die, das Geſpräch, wie's in einem engſten
Zirkel doch ſein ſollte, zuſammenzufaſſen. So zerfiel
denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht abſolut ſchweig¬
ſam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies
war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte
nicht wohl anders ſein. Die Triglaff, wie ſich das bei
Kakadugeſichtern ſo häufig findet, verband in ſich den
Ausdruck höchſter Tiefſinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher
Umnachtung, und ein letzter Reſt von Helle, der ihr
vielleicht geblieben ſein mochte, war ihr durch eine
ſtupende Triglaffvorſtellung ſchließlich doch auch noch
abhanden gekommen. Eine direkte Deſcendenz von dem
gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako,
war freilich nicht nachzuweiſen, aber doch auch nicht aus¬
geſchloſſen, und wenn dergleichen überhaupt vorkommen
oder nach ſtiller Übereinkunft auch nur allgemein an¬
genommen werden konnte, ſo war nicht abzuſehen, warum
gerade ſie leer ausgehen oder auf ſolche Möglichkeit
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[[112]/0119] Achtes Kapitel. Tante Adelheid, wenn ſich nichts geradezu Verſtimm¬ liches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und beſaß neben anderm auch jene Direktoral¬ augen, die bei Tiſche ſo viel bedeuten; aber eine Gabe beſaß ſie nicht, die, das Geſpräch, wie's in einem engſten Zirkel doch ſein ſollte, zuſammenzufaſſen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht abſolut ſchweig¬ ſam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders ſein. Die Triglaff, wie ſich das bei Kakadugeſichtern ſo häufig findet, verband in ſich den Ausdruck höchſter Tiefſinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher Umnachtung, und ein letzter Reſt von Helle, der ihr vielleicht geblieben ſein mochte, war ihr durch eine ſtupende Triglaffvorſtellung ſchließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deſcendenz von dem gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich nicht nachzuweiſen, aber doch auch nicht aus¬ geſchloſſen, und wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach ſtiller Übereinkunft auch nur allgemein an¬ genommen werden konnte, ſo war nicht abzuſehen, warum gerade ſie leer ausgehen oder auf ſolche Möglichkeit verzichten ſollte. Dieſer hochgeſpannten, ganz im Spe¬ ziellen ſich bewegenden Adelsvorſtellung entſprach denn

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [112]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/119>, abgerufen am 15.08.2020.