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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück.
Es war ziemlich spät geworden, ohne daß Dubslav, wie
das sonst wohl auf dem Lande Gewohnheit ist, unge¬
duldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich von Tante
Adelheid sagen. "Ich finde das lange Wartenlassen nicht
gerade passend, am wenigsten Personen gegenüber, denen
man Respekt bezeigen will. Oder geh' ich vielleicht zu
weit, wenn ich hier von Respektbezeigung spreche?" So
hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als nun aber
die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich
die Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem
Begrüßungsmorgen zu stellen pflegt. In aller Unbefangen¬
heit antworteten die Schwestern, am unbefangensten Melu¬
sine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte,
daß sie nicht umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr
Bett zu legen."

"Und mit der Absicht, drin zu lesen?"

"Beinah'. Aber es wurde nichts daraus. Armgard
plauderte so viel, freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte
von der Treppe her immer die Uhr schlagen und las da¬
bei beständig das Wort ,Museum'. Aber das war
natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest.
Und heute früh bin ich wie der Fisch im Wasser."

Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem
Spezialfisch suchend, der so recht zum Vergleich für Melu¬

Achtundzwanzigſtes Kapitel.

Am andern Morgen traf man ſich beim Frühſtück.
Es war ziemlich ſpät geworden, ohne daß Dubslav, wie
das ſonſt wohl auf dem Lande Gewohnheit iſt, unge¬
duldig geworden wäre. Nicht daſſelbe ließ ſich von Tante
Adelheid ſagen. „Ich finde das lange Wartenlaſſen nicht
gerade paſſend, am wenigſten Perſonen gegenüber, denen
man Reſpekt bezeigen will. Oder geh' ich vielleicht zu
weit, wenn ich hier von Reſpektbezeigung ſpreche?“ So
hatte ſich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als nun aber
die Barbyſchen Damen wirklich erſchienen, bezwang ſich
die Domina und ſtellte all die Fragen, die man an ſolchem
Begrüßungsmorgen zu ſtellen pflegt. In aller Unbefangen¬
heit antworteten die Schweſtern, am unbefangenſten Melu¬
ſine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte,
daß ſie nicht umhin gekonnt hätte, ſich die Bibel an ihr
Bett zu legen.“

„Und mit der Abſicht, drin zu leſen?“

„Beinah'. Aber es wurde nichts daraus. Armgard
plauderte ſo viel, freilich auf meinen Wunſch. Ich hörte
von der Treppe her immer die Uhr ſchlagen und las da¬
bei beſtändig das Wort ‚Muſeum‘. Aber das war
natürlich ſchon im Traum. Ich ſchlief ſchon ganz feſt.
Und heute früh bin ich wie der Fiſch im Waſſer.“

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Spezialfiſch ſuchend, der ſo recht zum Vergleich für Melu¬

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[[342]/0349] Achtundzwanzigſtes Kapitel. Am andern Morgen traf man ſich beim Frühſtück. Es war ziemlich ſpät geworden, ohne daß Dubslav, wie das ſonſt wohl auf dem Lande Gewohnheit iſt, unge¬ duldig geworden wäre. Nicht daſſelbe ließ ſich von Tante Adelheid ſagen. „Ich finde das lange Wartenlaſſen nicht gerade paſſend, am wenigſten Perſonen gegenüber, denen man Reſpekt bezeigen will. Oder geh' ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von Reſpektbezeigung ſpreche?“ So hatte ſich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als nun aber die Barbyſchen Damen wirklich erſchienen, bezwang ſich die Domina und ſtellte all die Fragen, die man an ſolchem Begrüßungsmorgen zu ſtellen pflegt. In aller Unbefangen¬ heit antworteten die Schweſtern, am unbefangenſten Melu¬ ſine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte, daß ſie nicht umhin gekonnt hätte, ſich die Bibel an ihr Bett zu legen.“ „Und mit der Abſicht, drin zu leſen?“ „Beinah'. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte ſo viel, freilich auf meinen Wunſch. Ich hörte von der Treppe her immer die Uhr ſchlagen und las da¬ bei beſtändig das Wort ‚Muſeum‘. Aber das war natürlich ſchon im Traum. Ich ſchlief ſchon ganz feſt. Und heute früh bin ich wie der Fiſch im Waſſer.“ Dubslav hätte dies gern beſtätigt, dabei nach einem Spezialfiſch ſuchend, der ſo recht zum Vergleich für Melu¬

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [342]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/349>, abgerufen am 15.08.2020.