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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin
zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an
das Kronprinzen-Ufer begleitet, mußte jedoch auf Ver¬
bleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino
eine kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt,
mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil
ihn sein Fuß, wie stets wenn das Wetter umschlug, mal
wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.

"Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Ver¬
spätung gehabt haben. Und wo ist Woldemar?"

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen
seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. "Gut, gut.
Und nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ
damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih, Melusine.
Da möcht' ich denn begreiflicherweise, daß es uns dies¬
mal besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein
Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin.
Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate
Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl
erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwieger¬
müttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter ver¬
bindlicher als der Sohn."

Armgard lachte. "Mir Papa, passiert so was
Nettes nicht. Aber mit Melusine war es wieder das

Zweiunddreißigſtes Kapitel.

Zu guter Zeit waren die Reiſenden wieder in Berlin
zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an
das Kronprinzen-Ufer begleitet, mußte jedoch auf Ver¬
bleib im Barbyſchen Hauſe verzichten, weil im Kaſino
eine kleine Feſtlichkeit ſtattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droſchke hielt,
mühſamlich auf ſeinem Zimmerteppich auf und ab, weil
ihn ſein Fuß, wie ſtets wenn das Wetter umſchlug, mal
wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.

„Nun, da ſeid ihr ja wieder. Der Zug muß Ver¬
ſpätung gehabt haben. Und wo iſt Woldemar?“

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen
ſeines Nichterſcheinens um Entſchuldigung bäte. „Gut, gut.
Und nun ſetzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ
damals allerlei zu wünſchen übrig ... verzeih, Meluſine.
Da möcht' ich denn begreiflicherweiſe, daß es uns dies¬
mal beſſer ginge. Woldemar macht mir natürlich kein
Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin.
Armgard braucht ſelbſtverſtändlich auf eine ſo delikate
Frage nicht zu antworten, wenn ſie nicht will, wiewohl
erfahrungsmäßig ein Unterſchied iſt zwiſchen Schwieger¬
müttern und Schwiegervätern. Dieſe ſind mitunter ver¬
bindlicher als der Sohn.“

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Nettes nicht. Aber mit Meluſine war es wieder das

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[[377]/0384] Zweiunddreißigſtes Kapitel. Zu guter Zeit waren die Reiſenden wieder in Berlin zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzen-Ufer begleitet, mußte jedoch auf Ver¬ bleib im Barbyſchen Hauſe verzichten, weil im Kaſino eine kleine Feſtlichkeit ſtattfand, der er beiwohnen wollte. Der alte Graf ging, als unten die Droſchke hielt, mühſamlich auf ſeinem Zimmerteppich auf und ab, weil ihn ſein Fuß, wie ſtets wenn das Wetter umſchlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte. „Nun, da ſeid ihr ja wieder. Der Zug muß Ver¬ ſpätung gehabt haben. Und wo iſt Woldemar?“ Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen ſeines Nichterſcheinens um Entſchuldigung bäte. „Gut, gut. Und nun ſetzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünſchen übrig ... verzeih, Meluſine. Da möcht' ich denn begreiflicherweiſe, daß es uns dies¬ mal beſſer ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht ſelbſtverſtändlich auf eine ſo delikate Frage nicht zu antworten, wenn ſie nicht will, wiewohl erfahrungsmäßig ein Unterſchied iſt zwiſchen Schwieger¬ müttern und Schwiegervätern. Dieſe ſind mitunter ver¬ bindlicher als der Sohn.“ Armgard lachte. „Mir Papa, paſſiert ſo was Nettes nicht. Aber mit Meluſine war es wieder das

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [377]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/384>, abgerufen am 03.08.2020.