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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich,
thaten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen.
Er begann wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschafts¬
inspektor und Förster und war nicht bloß voll wieder¬
erwachten Interesses, sondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war
blau, Dubslav saß auf seiner Veranda, den kleinen
Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte weiße
Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten
Finkenschlag. Er mochte wohl schon eine Stunde so
gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete.

"Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht
um mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem
erst geholfen werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie
mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch
was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten;
ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß sie so
grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten.
Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und
Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes."

"Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh,
daß die Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt,
was sie kann. Und bin doppelt froh, weil ich mich
auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß."

"Auf sechs Wochen. Aber, Doktor, das is ja 'ne

Siebenunddreißigſtes Kapitel.

Auch die nächſten Tage waren beinahe ſommerlich,
thaten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen.
Er begann wieder zu hoffen, ſprach mit Wirtſchafts¬
inſpektor und Förſter und war nicht bloß voll wieder¬
erwachten Intereſſes, ſondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war
blau, Dubslav ſaß auf ſeiner Veranda, den kleinen
Springbrunnen vor ſich, und ſah dabei das leichte weiße
Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den erſten
Finkenſchlag. Er mochte wohl ſchon eine Stunde ſo
geſeſſen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete.

„Das iſt recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht
um mir zu helfen (das iſt immer ſchlimm, wenn einem
erſt geholfen werden ſoll), nein, um zu ſehen, daß Sie
mir ſchon geholfen haben. Dieſe Tropfen. Es iſt doch
was damit. Wenn ſie nur nicht ſo ſchlecht ſchmeckten;
ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß ſie ſo
grün ſind. Grün iſt Gift, heißt es bei den Leuten.
Eigentlich eine ganz dumme Vorſtellung. Wald und
Wieſe ſind auch grün und doch ſo ziemlich unſer Beſtes.“

„Ja, es iſt ein Spezifikum. Und ich bin froh,
daß die Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt,
was ſie kann. Und bin doppelt froh, weil ich mich
auf ſechs Wochen von Ihnen verabſchieden muß.“

„Auf ſechs Wochen. Aber, Doktor, das is ja 'ne

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[[421]/0428] Siebenunddreißigſtes Kapitel. Auch die nächſten Tage waren beinahe ſommerlich, thaten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen, ſprach mit Wirtſchafts¬ inſpektor und Förſter und war nicht bloß voll wieder¬ erwachten Intereſſes, ſondern überhaupt guter Dinge. So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav ſaß auf ſeiner Veranda, den kleinen Springbrunnen vor ſich, und ſah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den erſten Finkenſchlag. Er mochte wohl ſchon eine Stunde ſo geſeſſen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete. „Das iſt recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das iſt immer ſchlimm, wenn einem erſt geholfen werden ſoll), nein, um zu ſehen, daß Sie mir ſchon geholfen haben. Dieſe Tropfen. Es iſt doch was damit. Wenn ſie nur nicht ſo ſchlecht ſchmeckten; ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß ſie ſo grün ſind. Grün iſt Gift, heißt es bei den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorſtellung. Wald und Wieſe ſind auch grün und doch ſo ziemlich unſer Beſtes.“ „Ja, es iſt ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt, was ſie kann. Und bin doppelt froh, weil ich mich auf ſechs Wochen von Ihnen verabſchieden muß.“ „Auf ſechs Wochen. Aber, Doktor, das is ja 'ne

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [421]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/428>, abgerufen am 03.08.2020.