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Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899.

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Sechsundvierzigstes Kapitel.

Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause
herrschenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber
der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr
doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie denn, kurz
nach Ablauf einer Woche, nach Berlin zurück, wo mittler¬
weile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der
Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung ge¬
mietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge
Paar diese Wohnung bezog, ging die Saison bereits
auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren
Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen
Armgard voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude
daran war doch geringer als sie geglaubt hatte. Weder
das Großstädtische noch das Militärische, weder Sport
noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich
anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer
heran war, sagte sie: "Laß mich's dir gestehn, Wolde¬
mar, ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin."

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Arm¬
gard da sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen.
Liebenswürdig und bescheiden wie er war, stand ihm
längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine Gene¬
ralstabsgröße zu werden, während das alte märkische
Junkertum, von dem frei zu sein er sich eingebildet

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Sechsundvierzigſtes Kapitel.

Armgard hatte ſich von der im Stechliner Hauſe
herrſchenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber
der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr
doch vorderhand noch fern, und ſo kehrte ſie denn, kurz
nach Ablauf einer Woche, nach Berlin zurück, wo mittler¬
weile Meluſine für alles geſorgt und eine ganz in der
Nähe von Woldemars Kaſerne gelegene Wohnung ge¬
mietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge
Paar dieſe Wohnung bezog, ging die Saiſon bereits
auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren
Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen
Armgard voller Intereſſe teilnahm. Aber ihre Freude
daran war doch geringer als ſie geglaubt hatte. Weder
das Großſtädtiſche noch das Militäriſche, weder Sport
noch Kunſt behaupteten dauernd den Reiz, den ſie ſich
anfänglich davon verſprochen, und ehe der Hochſommer
heran war, ſagte ſie: „Laß mich's dir geſtehn, Wolde¬
mar, ich ſehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.“

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Arm¬
gard da ſagte, war ihm aus der eignen Seele geſprochen.
Liebenswürdig und beſcheiden wie er war, ſtand ihm
längſt feſt, daß er nicht berufen ſei, jemals eine Gene¬
ralſtabsgröße zu werden, während das alte märkiſche
Junkertum, von dem frei zu ſein er ſich eingebildet

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[[515]/0522] Sechsundvierzigſtes Kapitel. Armgard hatte ſich von der im Stechliner Hauſe herrſchenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr doch vorderhand noch fern, und ſo kehrte ſie denn, kurz nach Ablauf einer Woche, nach Berlin zurück, wo mittler¬ weile Meluſine für alles geſorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaſerne gelegene Wohnung ge¬ mietet und eingerichtet hatte. Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar dieſe Wohnung bezog, ging die Saiſon bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen Armgard voller Intereſſe teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer als ſie geglaubt hatte. Weder das Großſtädtiſche noch das Militäriſche, weder Sport noch Kunſt behaupteten dauernd den Reiz, den ſie ſich anfänglich davon verſprochen, und ehe der Hochſommer heran war, ſagte ſie: „Laß mich's dir geſtehn, Wolde¬ mar, ich ſehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.“ Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Arm¬ gard da ſagte, war ihm aus der eignen Seele geſprochen. Liebenswürdig und beſcheiden wie er war, ſtand ihm längſt feſt, daß er nicht berufen ſei, jemals eine Gene¬ ralſtabsgröße zu werden, während das alte märkiſche Junkertum, von dem frei zu ſein er ſich eingebildet 33*

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Der Stechlin. Berlin, 1899, S. [515]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fontane_stechlin_1899/522>, abgerufen am 03.08.2020.