Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895.

Bild:
<< vorherige Seite
I. Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene.1
(Vorläufige Mittheilung.)
Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.
I.

Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf's Deutlichste und Ueberzeugendste darzulegen.

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen.

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei "traumatischer" Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen Phänomenen.

1 Wiederabdruck aus dem "Neurologischen Centralblatt", 1893, Nr. 1 u. 2.
I. Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene.1
(Vorläufige Mittheilung.)
Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.
I.

Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf’s Deutlichste und Ueberzeugendste darzulegen.

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen.

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei „traumatischer“ Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen Phänomenen.

1 Wiederabdruck aus dem „Neurologischen Centralblatt“, 1893, Nr. 1 u. 2.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0007" n="1"/>
      <div n="1">
        <head>I. Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene.<note place="foot" n="1">Wiederabdruck aus dem &#x201E;<hi rendition="#g">Neurologischen Centralblatt</hi>&#x201C;, 1893, Nr. 1 u. 2.</note></head><lb/>
        <head>(<hi rendition="#g">Vorläufige Mittheilung.</hi>)</head><lb/>
        <head>Von Dr. <hi rendition="#g">Josef Breuer</hi> und Dr. <hi rendition="#g">Sigm. Freud</hi> in Wien.</head><lb/>
        <div n="2">
          <head>I.</head><lb/>
          <p>Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf&#x2019;s Deutlichste und Ueberzeugendste darzulegen.</p>
          <p>Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen.</p>
          <p>In <hi rendition="#g">theoretischer</hi> Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei &#x201E;<hi rendition="#g">traumatischer</hi>&#x201C; Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen Phänomenen.</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1/0007] I. Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. 1 (Vorläufige Mittheilung.) Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien. I. Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf’s Deutlichste und Ueberzeugendste darzulegen. Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen. In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei „traumatischer“ Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen Phänomenen. 1 Wiederabdruck aus dem „Neurologischen Centralblatt“, 1893, Nr. 1 u. 2.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-26T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-26T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-26T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895/7
Zitationshilfe: Breuer, Josef und Freud, Sigmund: Studien über Hysterie. Leipzig u. a., 1895, S. 1. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/freud_hysterie_1895/7>, abgerufen am 11.08.2020.