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Gall, Franz Joseph: Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustand des Menschen. Wien, 1791.

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innere Mund heiß; der Geifer triefete häufig, und
schäumte. Man überließ alles der Natur. Nach un-
gefähr acht Stunden fieng er an, Kälte und Bläße
gählings mit Hitze und Röthe zu wechseln, und wur-
de unvermögend den Kopf aufrecht zu halten. End-
lich blieb er blaß und kalt; athmete schwer, langsam,
kraftlos und roßelte so heftig, daß man das Schwap-
pern einer ergossenen Feuchtigkeit deutlich hörte, und
auswärts an den Rippen fühlte; der Puls war unzählbar
geschwind und so klein, daß man ihn kaum fühlen konn-
te; die Augen waren verkehrt und gebrochen, der
Mund und der Athem kalt; der Geifer floß nicht
mehr; die Nasenflügel bewegten sich, und das Gesicht
sah jenem eines Sterbenden vollkommen gleich: Alles
am Körper war kalt und hieng unbeweglich da. Ich
ließ ihm an die Schläfe Igel setzen, was der Wund-
arzt, da er den Knaben für sterbend hielt, nimmer
thun wollte; während, daß diese sogen, kehrten Wär-
me, Bewußtseyn, Kraft und Gesundheit zurück.

§. 72.

Eine andere Art von Vollblütigkeit entstehet,
wenn die Gefäße zu klein werden, und dennoch die
Menge des Blutes nicht verhältnißmäßig vermindert
wird. (Plethora ad Spatium) Dieses geschieht in der
Furcht, im Schrecken, bey einigen im heftigen Zorn,
im Fieberfrost, durch große oder plötzliche Kälte,
durch Krämpfe u. s. w. Die durch diese Ursachen er-
regte Mattigkeit, Schläfrigkeit, Schlafsucht, Ent-
kräftung u. s. w. sind ebenfalls nichts als Unterdrü-

ckung

innere Mund heiß; der Geifer triefete haͤufig, und
ſchaͤumte. Man uͤberließ alles der Natur. Nach un-
gefaͤhr acht Stunden fieng er an, Kaͤlte und Blaͤße
gaͤhlings mit Hitze und Roͤthe zu wechſeln, und wur-
de unvermoͤgend den Kopf aufrecht zu halten. End-
lich blieb er blaß und kalt; athmete ſchwer, langſam,
kraftlos und roßelte ſo heftig, daß man das Schwap-
pern einer ergoſſenen Feuchtigkeit deutlich hoͤrte, und
auswaͤrts an den Rippen fuͤhlte; der Puls war unzaͤhlbar
geſchwind und ſo klein, daß man ihn kaum fuͤhlen konn-
te; die Augen waren verkehrt und gebrochen, der
Mund und der Athem kalt; der Geifer floß nicht
mehr; die Naſenfluͤgel bewegten ſich, und das Geſicht
ſah jenem eines Sterbenden vollkommen gleich: Alles
am Koͤrper war kalt und hieng unbeweglich da. Ich
ließ ihm an die Schlaͤfe Igel ſetzen, was der Wund-
arzt, da er den Knaben fuͤr ſterbend hielt, nimmer
thun wollte; waͤhrend, daß dieſe ſogen, kehrten Waͤr-
me, Bewußtſeyn, Kraft und Geſundheit zuruͤck.

§. 72.

Eine andere Art von Vollbluͤtigkeit entſtehet,
wenn die Gefaͤße zu klein werden, und dennoch die
Menge des Blutes nicht verhaͤltnißmaͤßig vermindert
wird. (Plethora ad Spatium) Dieſes geſchieht in der
Furcht, im Schrecken, bey einigen im heftigen Zorn,
im Fieberfroſt, durch große oder ploͤtzliche Kaͤlte,
durch Kraͤmpfe u. ſ. w. Die durch dieſe Urſachen er-
regte Mattigkeit, Schlaͤfrigkeit, Schlafſucht, Ent-
kraͤftung u. ſ. w. ſind ebenfalls nichts als Unterdruͤ-

ckung
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[478/0497] innere Mund heiß; der Geifer triefete haͤufig, und ſchaͤumte. Man uͤberließ alles der Natur. Nach un- gefaͤhr acht Stunden fieng er an, Kaͤlte und Blaͤße gaͤhlings mit Hitze und Roͤthe zu wechſeln, und wur- de unvermoͤgend den Kopf aufrecht zu halten. End- lich blieb er blaß und kalt; athmete ſchwer, langſam, kraftlos und roßelte ſo heftig, daß man das Schwap- pern einer ergoſſenen Feuchtigkeit deutlich hoͤrte, und auswaͤrts an den Rippen fuͤhlte; der Puls war unzaͤhlbar geſchwind und ſo klein, daß man ihn kaum fuͤhlen konn- te; die Augen waren verkehrt und gebrochen, der Mund und der Athem kalt; der Geifer floß nicht mehr; die Naſenfluͤgel bewegten ſich, und das Geſicht ſah jenem eines Sterbenden vollkommen gleich: Alles am Koͤrper war kalt und hieng unbeweglich da. Ich ließ ihm an die Schlaͤfe Igel ſetzen, was der Wund- arzt, da er den Knaben fuͤr ſterbend hielt, nimmer thun wollte; waͤhrend, daß dieſe ſogen, kehrten Waͤr- me, Bewußtſeyn, Kraft und Geſundheit zuruͤck. §. 72. Eine andere Art von Vollbluͤtigkeit entſtehet, wenn die Gefaͤße zu klein werden, und dennoch die Menge des Blutes nicht verhaͤltnißmaͤßig vermindert wird. (Plethora ad Spatium) Dieſes geſchieht in der Furcht, im Schrecken, bey einigen im heftigen Zorn, im Fieberfroſt, durch große oder ploͤtzliche Kaͤlte, durch Kraͤmpfe u. ſ. w. Die durch dieſe Urſachen er- regte Mattigkeit, Schlaͤfrigkeit, Schlafſucht, Ent- kraͤftung u. ſ. w. ſind ebenfalls nichts als Unterdruͤ- ckung

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Zitationshilfe: Gall, Franz Joseph: Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustand des Menschen. Wien, 1791, S. 478. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gall_untersuchungen_1791/497>, abgerufen am 22.05.2019.