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Ganswindt, Albert: Handbuch der Färberei und der damit verwandten vorbereitenden und vollendenden Gewerbe. Weimar, 1889.

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§ 34. Minder wichtige blaue Farbstoffe.

Der Lackmus ist ein Farbmaterial aus der Klasse der Flechtenfarb-
stoffe und steht der Orseille und dem Persio (§ 29) ganz nahe. Zur Dar-
stellung des Lackmus kann man auch die zur Bereitung von Orseille u. s. w.
verwendeten Flechten gebrauchen; gegenwärtig benutzt man dazu vorwiegend
die Lecanora-Arten, und zwar in Frankreich die in den Pyrenäen vorkom-
menden L. orcina, Lecanora dealbata, L. parella; in England die in Is-
land und Skandinavien häufig vorkommende L. tartarea (Ochrolechia tar-
tarea Körb.);
nach Tschirch wird auch Pe[ - 1 Zeichen fehlt]tusaria communis dazu ver-
wendet. Die Flechten werden unter Zusatz von faulem Urin oder Ammoniak
-- ganz wie bei der Orseille -- einer Gärung unterworfen, nur fügt man
noch Pottasche in genügender Menge hinzu, so daß nach beendigter Gärung
eine rein tiefblaue Masse resultiert. Diese wird mit Kreide und Gyps ge-
mengt, in Würfel geformt, getrocknet und in den Handel gebracht.

Lackmusfarbstoff. Der lösliche blaue Farbstoff des Lackmus ist das
Azolitmin, C7 H7 NO4; dieser Farbstoff besitzt nur 1 Sauerstoffatom mehr
als das Orcein, und kann als ein Oxydationsprodukt des letzteren angesehen
werden, denn:
[Formel 1] Orcein Sauerstoff Azolitmin.

Von diesem Gesichtspunkt aus muß die Lackmusgärung als eine weiter-
gehende Oxydation betrachtet werden, als die Orseillegärung; es erklärt sich
so auch ganz zwanglos, warum man aus demselben Flechtenmaterial sowohl
Orseille wie Lackmus herstellen kann. Nach dieser Anschauung würde das
Orcein der Orseille nur als ein intermediäres Produkt zwischen Orsellin-
säure und Azolitmin zu betrachten sein (vergl. § 29). Das Azolitmin ist
leicht löslich in Wasser und Alkohol, wird aber durch Säuren in einen
zwiebelroten Farbstoff (Orcein?) zurückverwandelt.

Anwendung findet der Lackmus (nach Grothe) zum Färben der Seide
unter Verwendung von Kochsalz als Beize.

Ein dem Lackmus nahe verwandter Stoff wird in Frankreich unter dem
Namen Tournesol aus dem Kraute von Crozophora tinctoria Nech.
dargestellt.

Sonstige Farbstoffe:

Außer den vorstehend beschriebenen Farbstoffen enthalten die Blüten-
blätter der schwarzen Malve, Althaea rosea Cav., einen blauen Farbstoff,
auf welchen Elsner zuerst aufmerksam gemacht hat. Dieser Farbstoff wird
durch Begießen der Blumenblätter mit heißem Wasser ausgezogen; die er-
haltene Flüssigkeit färbt Wolle, mit Alaun gebeizt, blauviolett, mit Zinn-
chlorid dunkelviolett, mit Eisen blauschwarz; Seide mit Zinnsalz schön violett;
Baumwolle mit Zinnsalz blauviolett, mit Alaun violett, mit Eisen schwarz.
Die Färbungen sollen luft- und lichtecht, aber nicht säure- und walkecht sein.

§ 34. Minder wichtige blaue Farbſtoffe.

Der Lackmus iſt ein Farbmaterial aus der Klaſſe der Flechtenfarb-
ſtoffe und ſteht der Orſeille und dem Perſio (§ 29) ganz nahe. Zur Dar-
ſtellung des Lackmus kann man auch die zur Bereitung von Orſeille u. ſ. w.
verwendeten Flechten gebrauchen; gegenwärtig benutzt man dazu vorwiegend
die Lecanora-Arten, und zwar in Frankreich die in den Pyrenäen vorkom-
menden L. orcina, Lecanora dealbata, L. parella; in England die in Is-
land und Skandinavien häufig vorkommende L. tartarea (Ochrolechia tar-
tarea Körb.);
nach Tſchirch wird auch Pe[ – 1 Zeichen fehlt]tusaria communis dazu ver-
wendet. Die Flechten werden unter Zuſatz von faulem Urin oder Ammoniak
— ganz wie bei der Orſeille — einer Gärung unterworfen, nur fügt man
noch Pottaſche in genügender Menge hinzu, ſo daß nach beendigter Gärung
eine rein tiefblaue Maſſe reſultiert. Dieſe wird mit Kreide und Gyps ge-
mengt, in Würfel geformt, getrocknet und in den Handel gebracht.

Lackmusfarbſtoff. Der lösliche blaue Farbſtoff des Lackmus iſt das
Azolitmin, C7 H7 NO4; dieſer Farbſtoff beſitzt nur 1 Sauerſtoffatom mehr
als das Orceïn, und kann als ein Oxydationsprodukt des letzteren angeſehen
werden, denn:
[Formel 1] Orceïn Sauerſtoff Azolitmin.

Von dieſem Geſichtspunkt aus muß die Lackmusgärung als eine weiter-
gehende Oxydation betrachtet werden, als die Orſeillegärung; es erklärt ſich
ſo auch ganz zwanglos, warum man aus demſelben Flechtenmaterial ſowohl
Orſeille wie Lackmus herſtellen kann. Nach dieſer Anſchauung würde das
Orceïn der Orſeille nur als ein intermediäres Produkt zwiſchen Orſellin-
ſäure und Azolitmin zu betrachten ſein (vergl. § 29). Das Azolitmin iſt
leicht löslich in Waſſer und Alkohol, wird aber durch Säuren in einen
zwiebelroten Farbſtoff (Orceïn?) zurückverwandelt.

Anwendung findet der Lackmus (nach Grothe) zum Färben der Seide
unter Verwendung von Kochſalz als Beize.

Ein dem Lackmus nahe verwandter Stoff wird in Frankreich unter dem
Namen Tourneſol aus dem Kraute von Crozophora tinctoria Nech.
dargeſtellt.

Sonſtige Farbſtoffe:

Außer den vorſtehend beſchriebenen Farbſtoffen enthalten die Blüten-
blätter der ſchwarzen Malve, Althaea rosea Cav., einen blauen Farbſtoff,
auf welchen Elsner zuerſt aufmerkſam gemacht hat. Dieſer Farbſtoff wird
durch Begießen der Blumenblätter mit heißem Waſſer ausgezogen; die er-
haltene Flüſſigkeit färbt Wolle, mit Alaun gebeizt, blauviolett, mit Zinn-
chlorid dunkelviolett, mit Eiſen blauſchwarz; Seide mit Zinnſalz ſchön violett;
Baumwolle mit Zinnſalz blauviolett, mit Alaun violett, mit Eiſen ſchwarz.
Die Färbungen ſollen luft- und lichtecht, aber nicht ſäure- und walkecht ſein.

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[125/0151] § 34. Minder wichtige blaue Farbſtoffe. Der Lackmus iſt ein Farbmaterial aus der Klaſſe der Flechtenfarb- ſtoffe und ſteht der Orſeille und dem Perſio (§ 29) ganz nahe. Zur Dar- ſtellung des Lackmus kann man auch die zur Bereitung von Orſeille u. ſ. w. verwendeten Flechten gebrauchen; gegenwärtig benutzt man dazu vorwiegend die Lecanora-Arten, und zwar in Frankreich die in den Pyrenäen vorkom- menden L. orcina, Lecanora dealbata, L. parella; in England die in Is- land und Skandinavien häufig vorkommende L. tartarea (Ochrolechia tar- tarea Körb.); nach Tſchirch wird auch Pe_tusaria communis dazu ver- wendet. Die Flechten werden unter Zuſatz von faulem Urin oder Ammoniak — ganz wie bei der Orſeille — einer Gärung unterworfen, nur fügt man noch Pottaſche in genügender Menge hinzu, ſo daß nach beendigter Gärung eine rein tiefblaue Maſſe reſultiert. Dieſe wird mit Kreide und Gyps ge- mengt, in Würfel geformt, getrocknet und in den Handel gebracht. Lackmusfarbſtoff. Der lösliche blaue Farbſtoff des Lackmus iſt das Azolitmin, C7 H7 NO4; dieſer Farbſtoff beſitzt nur 1 Sauerſtoffatom mehr als das Orceïn, und kann als ein Oxydationsprodukt des letzteren angeſehen werden, denn: [FORMEL] Orceïn Sauerſtoff Azolitmin. Von dieſem Geſichtspunkt aus muß die Lackmusgärung als eine weiter- gehende Oxydation betrachtet werden, als die Orſeillegärung; es erklärt ſich ſo auch ganz zwanglos, warum man aus demſelben Flechtenmaterial ſowohl Orſeille wie Lackmus herſtellen kann. Nach dieſer Anſchauung würde das Orceïn der Orſeille nur als ein intermediäres Produkt zwiſchen Orſellin- ſäure und Azolitmin zu betrachten ſein (vergl. § 29). Das Azolitmin iſt leicht löslich in Waſſer und Alkohol, wird aber durch Säuren in einen zwiebelroten Farbſtoff (Orceïn?) zurückverwandelt. Anwendung findet der Lackmus (nach Grothe) zum Färben der Seide unter Verwendung von Kochſalz als Beize. Ein dem Lackmus nahe verwandter Stoff wird in Frankreich unter dem Namen Tourneſol aus dem Kraute von Crozophora tinctoria Nech. dargeſtellt. Sonſtige Farbſtoffe: Außer den vorſtehend beſchriebenen Farbſtoffen enthalten die Blüten- blätter der ſchwarzen Malve, Althaea rosea Cav., einen blauen Farbſtoff, auf welchen Elsner zuerſt aufmerkſam gemacht hat. Dieſer Farbſtoff wird durch Begießen der Blumenblätter mit heißem Waſſer ausgezogen; die er- haltene Flüſſigkeit färbt Wolle, mit Alaun gebeizt, blauviolett, mit Zinn- chlorid dunkelviolett, mit Eiſen blauſchwarz; Seide mit Zinnſalz ſchön violett; Baumwolle mit Zinnſalz blauviolett, mit Alaun violett, mit Eiſen ſchwarz. Die Färbungen ſollen luft- und lichtecht, aber nicht ſäure- und walkecht ſein.

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Zitationshilfe: Ganswindt, Albert: Handbuch der Färberei und der damit verwandten vorbereitenden und vollendenden Gewerbe. Weimar, 1889, S. 125. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ganswindt_faerberei_1889/151>, abgerufen am 23.04.2019.