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Ganswindt, Albert: Handbuch der Färberei und der damit verwandten vorbereitenden und vollendenden Gewerbe. Weimar, 1889.

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[Tabelle]

Die große Anzahl anderer gerbstoffhaltiger Materialien können wir hier
füglich übergehen, da sie in der Färberei keine Verwendung finden. Letzteres
ist zu beklagen, da wir in unserer Heimat mehr gerbstoffhaltige Materialien
besitzen, welche den in der Färberei fast durchgehends verwendeten Sumach
an Gerbstoffwert ganz bedeutend übertreffen und billiger sein würden. Ich
möchte die praktische Anwendung dieser Gerbstoffe in der Färberei aufs
wärmste empfehlen. Es sind das:

Frische Tormentillwurzel mit ... 43 -- 46 Prozent Gerbstoff,
Erlenrinde mit ........ 36 " "
Aprikosenbaum mit ...... 32 " "
Frische Polygonum bistorta im Sommer 26 " "
Kirschbaum ......... 24 " "

Der Sumach dagegen ist ein Gerbstoffmaterial von nur untergeordne-
tem Wert, und verdankt seine allgemein verbreitete Verwendung lediglich einer
gewissen Gewöhnung, einer gewissen Heiligsprechung und einer Art Ver-
mächtnis vom Vater auf den Sohn, vom Meister auf den Lehrbuben.

Die Wertbestimmung der gerbstoffhaltigen Farbwaren bezweckt die
Ausfindigmachung des Gehaltes an reinem Gerbstoff. Hier können nur
chemische Methoden Platz greifen; Probefärben ist unthunlich. Die chemischen
Methoden der Gerbstoffbestimmung sind jedoch für den in der Analyse min-
der Bewanderten zu kompliziert. Deshalb wird es allemal notwendig sein,
mit der Analyse einen Chemiker zu betrauen, so daß ich von einer Beschrei-
bung der beiden am meisten angewandten Methoden, der von Hammer
und der von Löwenthal, hier wohl absehen kann.

§ 50. Galläpfel.

Herkunft. Die Galläpfel sind abnorme Auswüchse auf den Blättern und
Zweigen mehrerer Eichenarten. Diese Auswüchse entstehen nicht durch den
Stich gewisser Wespenarten
-- wie noch bis vor kurzem allgemein an-
genommen wurde --, sondern durch den Reiz, den das von der Gallwespe
gelegte Ei auf die nächsten Zellen seiner Umgebung ausübt (Beyerinck).
Wahrscheinlich ist eine von dem an der Pflanze sich entwickelnden Organis-
mus abgesonderte Flüssigkeit die direkte Veranlassung des abnormen Wachs-
tums der Zellen in der Nähe solcher Eier, wie auch des abnormen Zuströ-
mens nährstoffhaltiger Säfte in diese Neubildungen. Das Ei der Gall-
wespe ist also ein Schmarotzer, um welchen herum die Pflanze eine geräumige
sichere Wohnung aufführt. Die Tiere, deren Eier also die Veranlassung
zur Gallenbildung sind, gehören den verschiedenartigsten Gattungen von Tie-
ren an. Die auf den Eichen beobachteten Eier stammen von Cynips tinc-
toria,
der Färbergallwespe Cynips lignicola und Cynips hungarica; und
die Eichenarten, welche uns die meisten und besten Gallen liefern, sind:

[Tabelle]

Die große Anzahl anderer gerbſtoffhaltiger Materialien können wir hier
füglich übergehen, da ſie in der Färberei keine Verwendung finden. Letzteres
iſt zu beklagen, da wir in unſerer Heimat mehr gerbſtoffhaltige Materialien
beſitzen, welche den in der Färberei faſt durchgehends verwendeten Sumach
an Gerbſtoffwert ganz bedeutend übertreffen und billiger ſein würden. Ich
möchte die praktiſche Anwendung dieſer Gerbſtoffe in der Färberei aufs
wärmſte empfehlen. Es ſind das:

Friſche Tormentillwurzel mit ... 43 — 46 Prozent Gerbſtoff,
Erlenrinde mit ........ 36 „ „
Aprikoſenbaum mit ...... 32 „ „
Friſche Polygonum bistorta im Sommer 26 „ „
Kirſchbaum ......... 24 „ „

Der Sumach dagegen iſt ein Gerbſtoffmaterial von nur untergeordne-
tem Wert, und verdankt ſeine allgemein verbreitete Verwendung lediglich einer
gewiſſen Gewöhnung, einer gewiſſen Heiligſprechung und einer Art Ver-
mächtnis vom Vater auf den Sohn, vom Meiſter auf den Lehrbuben.

Die Wertbeſtimmung der gerbſtoffhaltigen Farbwaren bezweckt die
Ausfindigmachung des Gehaltes an reinem Gerbſtoff. Hier können nur
chemiſche Methoden Platz greifen; Probefärben iſt unthunlich. Die chemiſchen
Methoden der Gerbſtoffbeſtimmung ſind jedoch für den in der Analyſe min-
der Bewanderten zu kompliziert. Deshalb wird es allemal notwendig ſein,
mit der Analyſe einen Chemiker zu betrauen, ſo daß ich von einer Beſchrei-
bung der beiden am meiſten angewandten Methoden, der von Hammer
und der von Löwenthal, hier wohl abſehen kann.

§ 50. Galläpfel.

Herkunft. Die Galläpfel ſind abnorme Auswüchſe auf den Blättern und
Zweigen mehrerer Eichenarten. Dieſe Auswüchſe entſtehen nicht durch den
Stich gewiſſer Weſpenarten
— wie noch bis vor kurzem allgemein an-
genommen wurde —, ſondern durch den Reiz, den das von der Gallweſpe
gelegte Ei auf die nächſten Zellen ſeiner Umgebung ausübt (Beyerinck).
Wahrſcheinlich iſt eine von dem an der Pflanze ſich entwickelnden Organis-
mus abgeſonderte Flüſſigkeit die direkte Veranlaſſung des abnormen Wachs-
tums der Zellen in der Nähe ſolcher Eier, wie auch des abnormen Zuſtrö-
mens nährſtoffhaltiger Säfte in dieſe Neubildungen. Das Ei der Gall-
weſpe iſt alſo ein Schmarotzer, um welchen herum die Pflanze eine geräumige
ſichere Wohnung aufführt. Die Tiere, deren Eier alſo die Veranlaſſung
zur Gallenbildung ſind, gehören den verſchiedenartigſten Gattungen von Tie-
ren an. Die auf den Eichen beobachteten Eier ſtammen von Cynips tinc-
toria,
der Färbergallweſpe Cynips lignicola und Cynips hungarica; und
die Eichenarten, welche uns die meiſten und beſten Gallen liefern, ſind:

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[141/0167] Die große Anzahl anderer gerbſtoffhaltiger Materialien können wir hier füglich übergehen, da ſie in der Färberei keine Verwendung finden. Letzteres iſt zu beklagen, da wir in unſerer Heimat mehr gerbſtoffhaltige Materialien beſitzen, welche den in der Färberei faſt durchgehends verwendeten Sumach an Gerbſtoffwert ganz bedeutend übertreffen und billiger ſein würden. Ich möchte die praktiſche Anwendung dieſer Gerbſtoffe in der Färberei aufs wärmſte empfehlen. Es ſind das: Friſche Tormentillwurzel mit ... 43 — 46 Prozent Gerbſtoff, Erlenrinde mit ........ 36 „ „ Aprikoſenbaum mit ...... 32 „ „ Friſche Polygonum bistorta im Sommer 26 „ „ Kirſchbaum ......... 24 „ „ Der Sumach dagegen iſt ein Gerbſtoffmaterial von nur untergeordne- tem Wert, und verdankt ſeine allgemein verbreitete Verwendung lediglich einer gewiſſen Gewöhnung, einer gewiſſen Heiligſprechung und einer Art Ver- mächtnis vom Vater auf den Sohn, vom Meiſter auf den Lehrbuben. Die Wertbeſtimmung der gerbſtoffhaltigen Farbwaren bezweckt die Ausfindigmachung des Gehaltes an reinem Gerbſtoff. Hier können nur chemiſche Methoden Platz greifen; Probefärben iſt unthunlich. Die chemiſchen Methoden der Gerbſtoffbeſtimmung ſind jedoch für den in der Analyſe min- der Bewanderten zu kompliziert. Deshalb wird es allemal notwendig ſein, mit der Analyſe einen Chemiker zu betrauen, ſo daß ich von einer Beſchrei- bung der beiden am meiſten angewandten Methoden, der von Hammer und der von Löwenthal, hier wohl abſehen kann. § 50. Galläpfel. Herkunft. Die Galläpfel ſind abnorme Auswüchſe auf den Blättern und Zweigen mehrerer Eichenarten. Dieſe Auswüchſe entſtehen nicht durch den Stich gewiſſer Weſpenarten — wie noch bis vor kurzem allgemein an- genommen wurde —, ſondern durch den Reiz, den das von der Gallweſpe gelegte Ei auf die nächſten Zellen ſeiner Umgebung ausübt (Beyerinck). Wahrſcheinlich iſt eine von dem an der Pflanze ſich entwickelnden Organis- mus abgeſonderte Flüſſigkeit die direkte Veranlaſſung des abnormen Wachs- tums der Zellen in der Nähe ſolcher Eier, wie auch des abnormen Zuſtrö- mens nährſtoffhaltiger Säfte in dieſe Neubildungen. Das Ei der Gall- weſpe iſt alſo ein Schmarotzer, um welchen herum die Pflanze eine geräumige ſichere Wohnung aufführt. Die Tiere, deren Eier alſo die Veranlaſſung zur Gallenbildung ſind, gehören den verſchiedenartigſten Gattungen von Tie- ren an. Die auf den Eichen beobachteten Eier ſtammen von Cynips tinc- toria, der Färbergallweſpe Cynips lignicola und Cynips hungarica; und die Eichenarten, welche uns die meiſten und beſten Gallen liefern, ſind:

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Zitationshilfe: Ganswindt, Albert: Handbuch der Färberei und der damit verwandten vorbereitenden und vollendenden Gewerbe. Weimar, 1889, S. 141. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ganswindt_faerberei_1889/167>, abgerufen am 20.04.2019.