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Gerstner, Franz Joseph von: Handbuch der Mechanik. Bd. 2: Mechanik flüssiger Körper. Prag, 1832.

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Anwendung des Hebers bei Mühlwerken.

Dass diese Höhlen unterirdisch zusammenhängen und das aufgenommene Wasser
wieder an einem entfernten Orte von sich geben, unterliegt wohl keinem Zweifel. Das
Auffallende hierbei ist, dass die Höhlen zeitweilig so entleert sind, dass man hinein-
gehen und ihre Formazion beobachten kann, wobei das hörbare Geräusch das Flies-
sen eines unterirdischen Wassers beweist. Dagegen sind diese Höhlen zu andern Zei-
ten so sehr vom Wasser angefüllt, dass eine bedeutende Menge hiervon herausquillt. Zur
Erklärung dieser Erscheinungen hat man angenommen, dass in dem anliegenden Ge-
birge mehrere grosse Klüfte enthalten sind, in denen sich das Wasser sammelt, und
dass sich dieselben heberartig entleeren, wenn das Wasser eine bestimmte Höhe erreicht
hat. Auf solche Art werden nun die untern Höhlen plötzlich so mit Wasser überfüllt,
dass sie in den See ausströmen. Hieraus wird es nun begreiflich, wie ein grosser Theil
des Zirknitzer Sees anlaufen und dann gefischt werden, wie aber auch zu einer andern
Zeit ein Theil hiervon wieder trocken gelegt und angebaut werden könne.

§. 195.

Es dürfte unsern Lesern nicht unangenehm seyn, einige Anwendungen des
Hebers
, welche vor einigen Jahren in Böhmen Statt hatten, kennen zu lernen.

Bei einem Eisenwerke wurde in bedeutender Entfernung von den Hochöfen und Ei-
Fig.
11.
Tab.
52.
senhammerhütten ein Sammelteich zu dem Zwecke erbaut, um die Frühjahrs- und hohen
Sommerwässer darin aufzuhalten und sie durch eine längere Zeit für die Werke be-
nützen zu können. Einige Zeit nach diesem Baue entschloss man sich unter diesem
Teiche eine Zain- oder Stabhütte anzulegen und die Höhe des Teichdammes als Ge-
fälle für die Wasserräder zu benützen. Da die Einlegung einer hierzu bestimmten
Röhre gefordert haben würde, den Teichdamm abermals durchzugraben, und dann
wieder zu schliessen, so hat man zur Schonung des gut ausgeführten Dammbaues vor-
gezogen, das Teichwasser mittelst eines Hebers über den Damm herüber zu führen.
Zu dieser Absicht wurde über die Krone des Dammes und die beiderseitigen Böschun-
gen eine gusseiserne Röhre A B C D E H gelegt und dieselbe an beiden Enden mit Ven-
tilen versehen. In dieser Röhre wurde oben an der Krone des Dammes eine koni-
sche Oeffnung G zu dem Behufe angebracht, um die Röhre, nachdem die Ventile
geschlossen wurden, mit Wasser anfüllen zu können. Als diese Oeffnung wieder ge-
schlossen war, wurde zuerst das Ventil an der Teichöffnung A und dann das zweite
im Mühlgerinne bei H geöffnet, worauf das Wasser aus dem Teiche in das Gerinne
floss.

Bezeichnet f die Querschnittsfläche der Röhre im Lichten, und A die Druck-
höhe M H, so ist der Wasserzufluss in 1 Sekunde [Formel 1] Wird aber hierbei
auf die Widerstände der Röhrenwände Rücksicht genommen, so ist die Wassermenge
= [Formel 2] , wo 1 die ganze Länge der Röhre und d ihren innern Durchmesser
bezeichnet.

Anwendung des Hebers bei Mühlwerken.

Dass diese Höhlen unterirdisch zusammenhängen und das aufgenommene Wasser
wieder an einem entfernten Orte von sich geben, unterliegt wohl keinem Zweifel. Das
Auffallende hierbei ist, dass die Höhlen zeitweilig so entleert sind, dass man hinein-
gehen und ihre Formazion beobachten kann, wobei das hörbare Geräusch das Flies-
sen eines unterirdischen Wassers beweist. Dagegen sind diese Höhlen zu andern Zei-
ten so sehr vom Wasser angefüllt, dass eine bedeutende Menge hiervon herausquillt. Zur
Erklärung dieser Erscheinungen hat man angenommen, dass in dem anliegenden Ge-
birge mehrere grosse Klüfte enthalten sind, in denen sich das Wasser sammelt, und
dass sich dieselben heberartig entleeren, wenn das Wasser eine bestimmte Höhe erreicht
hat. Auf solche Art werden nun die untern Höhlen plötzlich so mit Wasser überfüllt,
dass sie in den See ausströmen. Hieraus wird es nun begreiflich, wie ein grosser Theil
des Zirknitzer Sees anlaufen und dann gefischt werden, wie aber auch zu einer andern
Zeit ein Theil hiervon wieder trocken gelegt und angebaut werden könne.

§. 195.

Es dürfte unsern Lesern nicht unangenehm seyn, einige Anwendungen des
Hebers
, welche vor einigen Jahren in Böhmen Statt hatten, kennen zu lernen.

Bei einem Eisenwerke wurde in bedeutender Entfernung von den Hochöfen und Ei-
Fig.
11.
Tab.
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senhammerhütten ein Sammelteich zu dem Zwecke erbaut, um die Frühjahrs- und hohen
Sommerwässer darin aufzuhalten und sie durch eine längere Zeit für die Werke be-
nützen zu können. Einige Zeit nach diesem Baue entschloss man sich unter diesem
Teiche eine Zain- oder Stabhütte anzulegen und die Höhe des Teichdammes als Ge-
fälle für die Wasserräder zu benützen. Da die Einlegung einer hierzu bestimmten
Röhre gefordert haben würde, den Teichdamm abermals durchzugraben, und dann
wieder zu schliessen, so hat man zur Schonung des gut ausgeführten Dammbaues vor-
gezogen, das Teichwasser mittelst eines Hebers über den Damm herüber zu führen.
Zu dieser Absicht wurde über die Krone des Dammes und die beiderseitigen Böschun-
gen eine gusseiserne Röhre A B C D E H gelegt und dieselbe an beiden Enden mit Ven-
tilen versehen. In dieser Röhre wurde oben an der Krone des Dammes eine koni-
sche Oeffnung G zu dem Behufe angebracht, um die Röhre, nachdem die Ventile
geschlossen wurden, mit Wasser anfüllen zu können. Als diese Oeffnung wieder ge-
schlossen war, wurde zuerst das Ventil an der Teichöffnung A und dann das zweite
im Mühlgerinne bei H geöffnet, worauf das Wasser aus dem Teiche in das Gerinne
floss.

Bezeichnet f die Querschnittsfläche der Röhre im Lichten, und A die Druck-
höhe M H, so ist der Wasserzufluss in 1 Sekunde [Formel 1] Wird aber hierbei
auf die Widerstände der Röhrenwände Rücksicht genommen, so ist die Wassermenge
= [Formel 2] , wo 1 die ganze Länge der Röhre und d ihren innern Durchmesser
bezeichnet.

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[270/0288] Anwendung des Hebers bei Mühlwerken. Dass diese Höhlen unterirdisch zusammenhängen und das aufgenommene Wasser wieder an einem entfernten Orte von sich geben, unterliegt wohl keinem Zweifel. Das Auffallende hierbei ist, dass die Höhlen zeitweilig so entleert sind, dass man hinein- gehen und ihre Formazion beobachten kann, wobei das hörbare Geräusch das Flies- sen eines unterirdischen Wassers beweist. Dagegen sind diese Höhlen zu andern Zei- ten so sehr vom Wasser angefüllt, dass eine bedeutende Menge hiervon herausquillt. Zur Erklärung dieser Erscheinungen hat man angenommen, dass in dem anliegenden Ge- birge mehrere grosse Klüfte enthalten sind, in denen sich das Wasser sammelt, und dass sich dieselben heberartig entleeren, wenn das Wasser eine bestimmte Höhe erreicht hat. Auf solche Art werden nun die untern Höhlen plötzlich so mit Wasser überfüllt, dass sie in den See ausströmen. Hieraus wird es nun begreiflich, wie ein grosser Theil des Zirknitzer Sees anlaufen und dann gefischt werden, wie aber auch zu einer andern Zeit ein Theil hiervon wieder trocken gelegt und angebaut werden könne. §. 195. Es dürfte unsern Lesern nicht unangenehm seyn, einige Anwendungen des Hebers, welche vor einigen Jahren in Böhmen Statt hatten, kennen zu lernen. Bei einem Eisenwerke wurde in bedeutender Entfernung von den Hochöfen und Ei- senhammerhütten ein Sammelteich zu dem Zwecke erbaut, um die Frühjahrs- und hohen Sommerwässer darin aufzuhalten und sie durch eine längere Zeit für die Werke be- nützen zu können. Einige Zeit nach diesem Baue entschloss man sich unter diesem Teiche eine Zain- oder Stabhütte anzulegen und die Höhe des Teichdammes als Ge- fälle für die Wasserräder zu benützen. Da die Einlegung einer hierzu bestimmten Röhre gefordert haben würde, den Teichdamm abermals durchzugraben, und dann wieder zu schliessen, so hat man zur Schonung des gut ausgeführten Dammbaues vor- gezogen, das Teichwasser mittelst eines Hebers über den Damm herüber zu führen. Zu dieser Absicht wurde über die Krone des Dammes und die beiderseitigen Böschun- gen eine gusseiserne Röhre A B C D E H gelegt und dieselbe an beiden Enden mit Ven- tilen versehen. In dieser Röhre wurde oben an der Krone des Dammes eine koni- sche Oeffnung G zu dem Behufe angebracht, um die Röhre, nachdem die Ventile geschlossen wurden, mit Wasser anfüllen zu können. Als diese Oeffnung wieder ge- schlossen war, wurde zuerst das Ventil an der Teichöffnung A und dann das zweite im Mühlgerinne bei H geöffnet, worauf das Wasser aus dem Teiche in das Gerinne floss. Fig. 11. Tab. 52. Bezeichnet f die Querschnittsfläche der Röhre im Lichten, und A die Druck- höhe M H, so ist der Wasserzufluss in 1 Sekunde [FORMEL] Wird aber hierbei auf die Widerstände der Röhrenwände Rücksicht genommen, so ist die Wassermenge = [FORMEL], wo 1 die ganze Länge der Röhre und d ihren innern Durchmesser bezeichnet.

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Zitationshilfe: Gerstner, Franz Joseph von: Handbuch der Mechanik. Bd. 2: Mechanik flüssiger Körper. Prag, 1832, S. 270. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gerstner_mechanik02_1832/288>, abgerufen am 24.07.2019.