Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790.

Bild:
<< vorherige Seite
de Iustitia et Iure.
Endlich 4) gehört auch zu denen Wirkungen der Be-
kanntmachung eines Gesetzes, daß die Unwissenheit
der Gesetze Keinem zu statten kommt, der vermöge
derselben einen Vortheil hätte erlangen können, wenn
er solchen aus rechtlicher Unwissenheit einmahl aus
den Händen gelassen hat. L. 7. D. de iuris et
facti ignor.
druckt dieses so aus: Iuris ignorantia
non prodest adquirere volentibus;
und L. 9. §. 5.
eodem.
erläutert diesen Saz durch sehr treffende
Beispiele: wann ein Erbe, welcher über die im Fal-
cidischen Gesez vorgeschriebene Maase mit Vermächt-
nissen beschweret worden, solche vollständig und ohne
Abzug ausgezahlt hätte, weil ihm das Gesez des
Falcidius nicht bekannt war; oder ein Erbe, der mit
einem fideicommisso universali oneriret worden, die
Erbschaft ganz restituirt hätte, ohne die Trebelliani-
sche Quarte inne zu behalten, weil er von dieser
rechtlichen Wohlthat nichts wuste; so kann keiner von
beyden etwas wieder zurückfordern. Der Fehler liegt
hier blos in rechtlicher Unwissenheit, welche nach
L. 8. und 9. D. eodem in compendiis, d. i.
wenn vom Erwerb eines erlaubten Gewinnes die Re-
de ist, auch sogar solchen Persohnen schaden soll,
denen sonst die Gesetze die Unwissenheit bürgerlicher
Rechte verzeihen.
§. 21.
In wieferne können positive Gesetze auf vergangene
Handlungen gezogen werden?

Da ein positives Gesez vor der Bekanntmachung
keine verbindliche Kraft hat, so folgt, daß Gesetze die-
ser Art eigentlich nur zukünftigen, nicht aber vergan-

genen
de Iuſtitia et Iure.
Endlich 4) gehoͤrt auch zu denen Wirkungen der Be-
kanntmachung eines Geſetzes, daß die Unwiſſenheit
der Geſetze Keinem zu ſtatten kommt, der vermoͤge
derſelben einen Vortheil haͤtte erlangen koͤnnen, wenn
er ſolchen aus rechtlicher Unwiſſenheit einmahl aus
den Haͤnden gelaſſen hat. L. 7. D. de iuris et
facti ignor.
druckt dieſes ſo aus: Iuris ignorantia
non prodeſt adquirere volentibus;
und L. 9. §. 5.
eodem.
erlaͤutert dieſen Saz durch ſehr treffende
Beiſpiele: wann ein Erbe, welcher uͤber die im Fal-
cidiſchen Geſez vorgeſchriebene Maaſe mit Vermaͤcht-
niſſen beſchweret worden, ſolche vollſtaͤndig und ohne
Abzug ausgezahlt haͤtte, weil ihm das Geſez des
Falcidius nicht bekannt war; oder ein Erbe, der mit
einem fideicommiſſo univerſali oneriret worden, die
Erbſchaft ganz reſtituirt haͤtte, ohne die Trebelliani-
ſche Quarte inne zu behalten, weil er von dieſer
rechtlichen Wohlthat nichts wuſte; ſo kann keiner von
beyden etwas wieder zuruͤckfordern. Der Fehler liegt
hier blos in rechtlicher Unwiſſenheit, welche nach
L. 8. und 9. D. eodem in compendiis, d. i.
wenn vom Erwerb eines erlaubten Gewinnes die Re-
de iſt, auch ſogar ſolchen Perſohnen ſchaden ſoll,
denen ſonſt die Geſetze die Unwiſſenheit buͤrgerlicher
Rechte verzeihen.
§. 21.
In wieferne koͤnnen poſitive Geſetze auf vergangene
Handlungen gezogen werden?

Da ein poſitives Geſez vor der Bekanntmachung
keine verbindliche Kraft hat, ſo folgt, daß Geſetze die-
ſer Art eigentlich nur zukuͤnftigen, nicht aber vergan-

genen
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0159" n="139"/>
            <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#aq">de Iu&#x017F;titia et Iure.</hi> </fw><lb/>
            <list>
              <item>Endlich 4) geho&#x0364;rt auch zu denen Wirkungen der Be-<lb/>
kanntmachung eines Ge&#x017F;etzes, daß die Unwi&#x017F;&#x017F;enheit<lb/>
der Ge&#x017F;etze Keinem zu &#x017F;tatten kommt, der vermo&#x0364;ge<lb/>
der&#x017F;elben einen Vortheil ha&#x0364;tte erlangen ko&#x0364;nnen, wenn<lb/>
er &#x017F;olchen aus rechtlicher Unwi&#x017F;&#x017F;enheit einmahl aus<lb/>
den Ha&#x0364;nden gela&#x017F;&#x017F;en hat. <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">L. 7. D. de iuris et<lb/>
facti ignor.</hi></hi> druckt die&#x017F;es &#x017F;o aus: <hi rendition="#aq">Iuris ignorantia<lb/>
non prode&#x017F;t <hi rendition="#i">adquirere volentibus;</hi></hi> und <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">L.</hi> 9. §. 5.<lb/><hi rendition="#i">eodem.</hi></hi> erla&#x0364;utert die&#x017F;en Saz durch &#x017F;ehr treffende<lb/>
Bei&#x017F;piele: wann ein Erbe, welcher u&#x0364;ber die im Fal-<lb/>
cidi&#x017F;chen Ge&#x017F;ez vorge&#x017F;chriebene Maa&#x017F;e mit Verma&#x0364;cht-<lb/>
ni&#x017F;&#x017F;en be&#x017F;chweret worden, &#x017F;olche voll&#x017F;ta&#x0364;ndig und ohne<lb/>
Abzug ausgezahlt ha&#x0364;tte, weil ihm das Ge&#x017F;ez des<lb/>
Falcidius nicht bekannt war; oder ein Erbe, der mit<lb/>
einem <hi rendition="#aq">fideicommi&#x017F;&#x017F;o univer&#x017F;ali</hi> oneriret worden, die<lb/>
Erb&#x017F;chaft ganz re&#x017F;tituirt ha&#x0364;tte, ohne die Trebelliani-<lb/>
&#x017F;che Quarte inne zu behalten, weil er von die&#x017F;er<lb/>
rechtlichen Wohlthat nichts wu&#x017F;te; &#x017F;o kann keiner von<lb/>
beyden etwas wieder zuru&#x0364;ckfordern. Der Fehler liegt<lb/>
hier blos in rechtlicher Unwi&#x017F;&#x017F;enheit, welche nach<lb/><hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">L.</hi></hi> 8. und 9. <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">D. eodem</hi><hi rendition="#g">in compendiis,</hi></hi> d. i.<lb/>
wenn vom Erwerb eines erlaubten Gewinnes die Re-<lb/>
de i&#x017F;t, auch &#x017F;ogar &#x017F;olchen Per&#x017F;ohnen &#x017F;chaden &#x017F;oll,<lb/>
denen &#x017F;on&#x017F;t die Ge&#x017F;etze die Unwi&#x017F;&#x017F;enheit bu&#x0364;rgerlicher<lb/>
Rechte verzeihen.</item>
            </list>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 21.<lb/>
In wieferne ko&#x0364;nnen po&#x017F;itive Ge&#x017F;etze auf vergangene<lb/>
Handlungen gezogen werden?</head><lb/>
            <p>Da ein po&#x017F;itives Ge&#x017F;ez vor der Bekanntmachung<lb/>
keine verbindliche Kraft hat, &#x017F;o folgt, daß Ge&#x017F;etze die-<lb/>
&#x017F;er Art eigentlich nur zuku&#x0364;nftigen, nicht aber vergan-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">genen</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[139/0159] de Iuſtitia et Iure. Endlich 4) gehoͤrt auch zu denen Wirkungen der Be- kanntmachung eines Geſetzes, daß die Unwiſſenheit der Geſetze Keinem zu ſtatten kommt, der vermoͤge derſelben einen Vortheil haͤtte erlangen koͤnnen, wenn er ſolchen aus rechtlicher Unwiſſenheit einmahl aus den Haͤnden gelaſſen hat. L. 7. D. de iuris et facti ignor. druckt dieſes ſo aus: Iuris ignorantia non prodeſt adquirere volentibus; und L. 9. §. 5. eodem. erlaͤutert dieſen Saz durch ſehr treffende Beiſpiele: wann ein Erbe, welcher uͤber die im Fal- cidiſchen Geſez vorgeſchriebene Maaſe mit Vermaͤcht- niſſen beſchweret worden, ſolche vollſtaͤndig und ohne Abzug ausgezahlt haͤtte, weil ihm das Geſez des Falcidius nicht bekannt war; oder ein Erbe, der mit einem fideicommiſſo univerſali oneriret worden, die Erbſchaft ganz reſtituirt haͤtte, ohne die Trebelliani- ſche Quarte inne zu behalten, weil er von dieſer rechtlichen Wohlthat nichts wuſte; ſo kann keiner von beyden etwas wieder zuruͤckfordern. Der Fehler liegt hier blos in rechtlicher Unwiſſenheit, welche nach L. 8. und 9. D. eodem in compendiis, d. i. wenn vom Erwerb eines erlaubten Gewinnes die Re- de iſt, auch ſogar ſolchen Perſohnen ſchaden ſoll, denen ſonſt die Geſetze die Unwiſſenheit buͤrgerlicher Rechte verzeihen. §. 21. In wieferne koͤnnen poſitive Geſetze auf vergangene Handlungen gezogen werden? Da ein poſitives Geſez vor der Bekanntmachung keine verbindliche Kraft hat, ſo folgt, daß Geſetze die- ſer Art eigentlich nur zukuͤnftigen, nicht aber vergan- genen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/159
Zitationshilfe: Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790, S. 139. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/159>, abgerufen am 12.08.2020.