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Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790.

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1. Buch. 1. Tit.
4) Auch die avthentische Erklärung muß dem Sinne und
den Worten des Gesetzes gemäß seyn; denn indem
sie davon gänzlich abweicht, ist keine Interpretation,
sondern nun ein neues Gesez vorhanden, auf welchen
Unterschied sehr viel ankommt, wenn von der An-
wendung auf vorhergegangene Handlungen 73) die
Frage entstehet. (S. 145.) Endlich
5) Da die avthentische Erklärung ein Theil der gesez-
gebenden Gewalt ist, so stehet sie nur dem Landes-
herrn selbst, aber keinesweges den höchsten Gerichten
in einem Lande zu 74)

Soviel hiernächst die Usualerklärung anbetrift,
so sezt nun diese voraus,

1) daß das Gesez wirklich dunkel oder zweifelhaft
sey; denn ist das Gesez klar, und liegt ein of-
fenbarer Irthum bey dieser Auslegung zum Grun-
de, so kann sie keine legale Auctorität behau-
pten 75).
2) Sie erfordert die Eigenschaften eines gültigen
Gewohnheitsrechts.
§. 33.
Usualerklärung ist ein Theil der gerichtlichen Observanz.

Wenn man unter dem Gerichtsgebrauch (obser-
vantia iudicialis
) die in den Gerichten bey der Be-
handlung und Entscheidung streitiger Rechtsfälle ange-
nommene Gewohnheiten verstehet, die man bisher und
schon seit langer Zeit auf eine gleichförmige Art beob-

achtet
73) Eichmann Erklärungen 1. Th. S. 107.
74) hartleben Meditat. ad Pandect. Spec. 2. med. 4.
75) celsus in L. 39. D. de LL. sagt: Quod non ratione
introductum, sed errore primum, deinde consuetudi-
ne obtentum est, in aliis similibus non obtinet
.
1. Buch. 1. Tit.
4) Auch die avthentiſche Erklaͤrung muß dem Sinne und
den Worten des Geſetzes gemaͤß ſeyn; denn indem
ſie davon gaͤnzlich abweicht, iſt keine Interpretation,
ſondern nun ein neues Geſez vorhanden, auf welchen
Unterſchied ſehr viel ankommt, wenn von der An-
wendung auf vorhergegangene Handlungen 73) die
Frage entſtehet. (S. 145.) Endlich
5) Da die avthentiſche Erklaͤrung ein Theil der geſez-
gebenden Gewalt iſt, ſo ſtehet ſie nur dem Landes-
herrn ſelbſt, aber keinesweges den hoͤchſten Gerichten
in einem Lande zu 74)

Soviel hiernaͤchſt die Uſualerklaͤrung anbetrift,
ſo ſezt nun dieſe voraus,

1) daß das Geſez wirklich dunkel oder zweifelhaft
ſey; denn iſt das Geſez klar, und liegt ein of-
fenbarer Irthum bey dieſer Auslegung zum Grun-
de, ſo kann ſie keine legale Auctoritaͤt behau-
pten 75).
2) Sie erfordert die Eigenſchaften eines guͤltigen
Gewohnheitsrechts.
§. 33.
Uſualerklaͤrung iſt ein Theil der gerichtlichen Obſervanz.

Wenn man unter dem Gerichtsgebrauch (obſer-
vantia iudicialis
) die in den Gerichten bey der Be-
handlung und Entſcheidung ſtreitiger Rechtsfaͤlle ange-
nommene Gewohnheiten verſtehet, die man bisher und
ſchon ſeit langer Zeit auf eine gleichfoͤrmige Art beob-

achtet
73) Eichmann Erklaͤrungen 1. Th. S. 107.
74) hartleben Meditat. ad Pandect. Spec. 2. med. 4.
75) celsus in L. 39. D. de LL. ſagt: Quod non ratione
introductum, ſed errore primum, deinde conſuetudi-
ne obtentum eſt, in aliis ſimilibus non obtinet
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[216/0236] 1. Buch. 1. Tit. 4) Auch die avthentiſche Erklaͤrung muß dem Sinne und den Worten des Geſetzes gemaͤß ſeyn; denn indem ſie davon gaͤnzlich abweicht, iſt keine Interpretation, ſondern nun ein neues Geſez vorhanden, auf welchen Unterſchied ſehr viel ankommt, wenn von der An- wendung auf vorhergegangene Handlungen 73) die Frage entſtehet. (S. 145.) Endlich 5) Da die avthentiſche Erklaͤrung ein Theil der geſez- gebenden Gewalt iſt, ſo ſtehet ſie nur dem Landes- herrn ſelbſt, aber keinesweges den hoͤchſten Gerichten in einem Lande zu 74) Soviel hiernaͤchſt die Uſualerklaͤrung anbetrift, ſo ſezt nun dieſe voraus, 1) daß das Geſez wirklich dunkel oder zweifelhaft ſey; denn iſt das Geſez klar, und liegt ein of- fenbarer Irthum bey dieſer Auslegung zum Grun- de, ſo kann ſie keine legale Auctoritaͤt behau- pten 75). 2) Sie erfordert die Eigenſchaften eines guͤltigen Gewohnheitsrechts. §. 33. Uſualerklaͤrung iſt ein Theil der gerichtlichen Obſervanz. Wenn man unter dem Gerichtsgebrauch (obſer- vantia iudicialis) die in den Gerichten bey der Be- handlung und Entſcheidung ſtreitiger Rechtsfaͤlle ange- nommene Gewohnheiten verſtehet, die man bisher und ſchon ſeit langer Zeit auf eine gleichfoͤrmige Art beob- achtet 73) Eichmann Erklaͤrungen 1. Th. S. 107. 74) hartleben Meditat. ad Pandect. Spec. 2. med. 4. 75) celsus in L. 39. D. de LL. ſagt: Quod non ratione introductum, ſed errore primum, deinde conſuetudi- ne obtentum eſt, in aliis ſimilibus non obtinet.

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Zitationshilfe: Glück, Christian Friedrich von: Versuch einer ausführlichen Erläuterung der Pandecten nach Hellfeld ein Commentar für meine Zuhörer. Erlangen, 1790, S. 216. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/glueck_pandecten01_1790/236>, abgerufen am 12.08.2020.