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Görres, Joseph: Die teutschen Volksbücher. Heidelberg, 1807.

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Paradiese weichen, und wie die alte Zeit ihrem Hados
seinen Standpunkt jenseits der Säulen des Hercules
gab, so suchte die Neue ihr Paradies jenseits den
Säulen Alexanders im Morgenlande, wo es ohnehin
schon die heiligen Bücher an den Ursprung der vier
Flüsse hingewiesen, und diese Gegend mußte daher
nothwendig zum Mittelpunkte des ganzen romantischen
Fabelkreises werden. Und so ist sie es denn auch in den
frühesten Zeiten schon geworden, die Herolde dieser
neuen Wunderwelt aber waren die Heldengedichte und
Romane über Alexander. Dieser gewaltige Mensch,
der mit starker Faust die große Asia an die stärkere
Europa band, der mit seinem Heere den ganzen wei-
ten Welttheil durchkämpfte und besiegte, der unver-
geßlich daher dem Andenken aller der vielen Völker-
schaften sich einprägte, mit denen er in Berührung
gekommen war, mußte als ein würdiger Gegenstand
der neuen Poesie erscheinen, und wie er die Brücke
zwischen den beiden Welttheilen war, so auch die
Brücke zwischen beiden Zeiten werden, und das Me-
dium, in dem der Uebergang der einen Mythe in die An-
dere geschah. Die Fabeln, die in den ältesten Zeiten
schon über den Zug Alexanders nach Indien im Um-
lauf waren, gaben dabei die Basis aller nachfolgenden
Dichtungen her. Was Strabo von den Ameisen

8.

Paradieſe weichen, und wie die alte Zeit ihrem Hados
ſeinen Standpunkt jenſeits der Säulen des Hercules
gab, ſo ſuchte die Neue ihr Paradies jenſeits den
Säulen Alexanders im Morgenlande, wo es ohnehin
ſchon die heiligen Bücher an den Urſprung der vier
Flüſſe hingewieſen, und dieſe Gegend mußte daher
nothwendig zum Mittelpunkte des ganzen romantiſchen
Fabelkreiſes werden. Und ſo iſt ſie es denn auch in den
früheſten Zeiten ſchon geworden, die Herolde dieſer
neuen Wunderwelt aber waren die Heldengedichte und
Romane über Alexander. Dieſer gewaltige Menſch,
der mit ſtarker Fauſt die große Aſia an die ſtärkere
Europa band, der mit ſeinem Heere den ganzen wei-
ten Welttheil durchkämpfte und beſiegte, der unver-
geßlich daher dem Andenken aller der vielen Völker-
ſchaften ſich einprägte, mit denen er in Berührung
gekommen war, mußte als ein würdiger Gegenſtand
der neuen Poeſie erſcheinen, und wie er die Brücke
zwiſchen den beiden Welttheilen war, ſo auch die
Brücke zwiſchen beiden Zeiten werden, und das Me-
dium, in dem der Uebergang der einen Mythe in die An-
dere geſchah. Die Fabeln, die in den älteſten Zeiten
ſchon über den Zug Alexanders nach Indien im Um-
lauf waren, gaben dabei die Baſis aller nachfolgenden
Dichtungen her. Was Strabo von den Ameiſen

8.
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[57/0075] Paradieſe weichen, und wie die alte Zeit ihrem Hados ſeinen Standpunkt jenſeits der Säulen des Hercules gab, ſo ſuchte die Neue ihr Paradies jenſeits den Säulen Alexanders im Morgenlande, wo es ohnehin ſchon die heiligen Bücher an den Urſprung der vier Flüſſe hingewieſen, und dieſe Gegend mußte daher nothwendig zum Mittelpunkte des ganzen romantiſchen Fabelkreiſes werden. Und ſo iſt ſie es denn auch in den früheſten Zeiten ſchon geworden, die Herolde dieſer neuen Wunderwelt aber waren die Heldengedichte und Romane über Alexander. Dieſer gewaltige Menſch, der mit ſtarker Fauſt die große Aſia an die ſtärkere Europa band, der mit ſeinem Heere den ganzen wei- ten Welttheil durchkämpfte und beſiegte, der unver- geßlich daher dem Andenken aller der vielen Völker- ſchaften ſich einprägte, mit denen er in Berührung gekommen war, mußte als ein würdiger Gegenſtand der neuen Poeſie erſcheinen, und wie er die Brücke zwiſchen den beiden Welttheilen war, ſo auch die Brücke zwiſchen beiden Zeiten werden, und das Me- dium, in dem der Uebergang der einen Mythe in die An- dere geſchah. Die Fabeln, die in den älteſten Zeiten ſchon über den Zug Alexanders nach Indien im Um- lauf waren, gaben dabei die Baſis aller nachfolgenden Dichtungen her. Was Strabo von den Ameiſen 8.

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Zitationshilfe: Görres, Joseph: Die teutschen Volksbücher. Heidelberg, 1807, S. 57. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goerres_volksbuecher_1807/75>, abgerufen am 19.03.2019.