Am Dienstag, dem 19. November 2019, finden von 9 bis 14 Uhr Wartungsarbeiten an unseren Servern statt. Bitte beachten Sie, dass die DTA-Seiten in dieser Zeit nicht erreichbar sein werden.
Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1795.

Bild:
<< vorherige Seite

wenn die zierlich gestellten Buchstaben der
Gräfin ihm sonst so sehr gefallen hatten; so
fand er in den ähnlichen aber freyeren Zü¬
gen der Unbekannten eine unaussprechlich
fließende Harmonie. Das Billet enthielt
nichts, und schon die Züge schienen ihn, so
wie ehemals die Gegenwart der Schönen, zu
erheben.

Er verfiel in eine träumende Sehnsucht,
und wie einstimmend mit seinen Empfindun¬
gen war das Lied, das eben in dieser Stun¬
de Mignon und der Harfner als ein unre¬
gelmäßiges Duett mit dem herzlichsten Aus¬
drucke sangen:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.

wenn die zierlich geſtellten Buchſtaben der
Gräfin ihm ſonſt ſo ſehr gefallen hatten; ſo
fand er in den ähnlichen aber freyeren Zü¬
gen der Unbekannten eine unausſprechlich
fließende Harmonie. Das Billet enthielt
nichts, und ſchon die Züge ſchienen ihn, ſo
wie ehemals die Gegenwart der Schönen, zu
erheben.

Er verfiel in eine träumende Sehnſucht,
und wie einſtimmend mit ſeinen Empfindun¬
gen war das Lied, das eben in dieſer Stun¬
de Mignon und der Harfner als ein unre¬
gelmäßiges Duett mit dem herzlichſten Aus¬
drucke ſangen:

Nur wer die Sehnſucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0274" n="265"/>
wenn die zierlich ge&#x017F;tellten Buch&#x017F;taben der<lb/>
Gräfin ihm &#x017F;on&#x017F;t &#x017F;o &#x017F;ehr gefallen hatten; &#x017F;o<lb/>
fand er in den ähnlichen aber freyeren Zü¬<lb/>
gen der Unbekannten eine unaus&#x017F;prechlich<lb/>
fließende Harmonie. Das Billet enthielt<lb/>
nichts, und &#x017F;chon die Züge &#x017F;chienen ihn, &#x017F;o<lb/>
wie ehemals die Gegenwart der Schönen, zu<lb/>
erheben.</p><lb/>
            <p>Er verfiel in eine träumende Sehn&#x017F;ucht,<lb/>
und wie ein&#x017F;timmend mit &#x017F;einen Empfindun¬<lb/>
gen war das Lied, das eben in die&#x017F;er Stun¬<lb/>
de Mignon und der Harfner als ein unre¬<lb/>
gelmäßiges Duett mit dem herzlich&#x017F;ten Aus¬<lb/>
drucke &#x017F;angen:</p><lb/>
            <lg type="poem">
              <l rendition="#et">Nur wer die Sehn&#x017F;ucht kennt,</l><lb/>
              <l>Weiß was ich leide!</l><lb/>
              <l>Allein und abgetrennt</l><lb/>
              <l>Von aller Freude,</l><lb/>
              <l>Seh ich ans Firmament</l><lb/>
              <l>Nach jener Seite.</l><lb/>
            </lg>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[265/0274] wenn die zierlich geſtellten Buchſtaben der Gräfin ihm ſonſt ſo ſehr gefallen hatten; ſo fand er in den ähnlichen aber freyeren Zü¬ gen der Unbekannten eine unausſprechlich fließende Harmonie. Das Billet enthielt nichts, und ſchon die Züge ſchienen ihn, ſo wie ehemals die Gegenwart der Schönen, zu erheben. Er verfiel in eine träumende Sehnſucht, und wie einſtimmend mit ſeinen Empfindun¬ gen war das Lied, das eben in dieſer Stun¬ de Mignon und der Harfner als ein unre¬ gelmäßiges Duett mit dem herzlichſten Aus¬ drucke ſangen: Nur wer die Sehnſucht kennt, Weiß was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh ich ans Firmament Nach jener Seite.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_lehrjahre02_1795
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_lehrjahre02_1795/274
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1795, S. 265. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_lehrjahre02_1795/274>, abgerufen am 12.11.2019.