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Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 2. Tübingen, 1809.

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Sechstes Kapitel.

Die große Unruhe welche Charlotten durch
diesen Besuch erwuchs, ward ihr dadurch
vergütet, daß sie ihre Tochter völlig begreifen
lernte, worin ihr die Bekanntschaft mit der
Welt sehr zu Hülfe kam. Es war nicht zum
erstenmal, daß ihr ein so seltsamer Character
begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf
dieser Höhe erschien. Und doch hatte sie aus
der Erfahrung, daß solche Personen durchs
Leben, durch mancherley Ereignisse, durch äl¬
terliche Verhältnisse gebildet eine sehr ange¬
nehme und liebenswürdige Reife erlangen
können, indem die Selbstigkeit gemildert wird
und die schwärmende Thätigkeit eine entschie¬
dene Richtung erhält. Charlotte ließ als

Sechſtes Kapitel.

Die große Unruhe welche Charlotten durch
dieſen Beſuch erwuchs, ward ihr dadurch
verguͤtet, daß ſie ihre Tochter voͤllig begreifen
lernte, worin ihr die Bekanntſchaft mit der
Welt ſehr zu Huͤlfe kam. Es war nicht zum
erſtenmal, daß ihr ein ſo ſeltſamer Character
begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf
dieſer Hoͤhe erſchien. Und doch hatte ſie aus
der Erfahrung, daß ſolche Perſonen durchs
Leben, durch mancherley Ereigniſſe, durch aͤl¬
terliche Verhaͤltniſſe gebildet eine ſehr ange¬
nehme und liebenswuͤrdige Reife erlangen
koͤnnen, indem die Selbſtigkeit gemildert wird
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[[105]/0108] Sechſtes Kapitel. Die große Unruhe welche Charlotten durch dieſen Beſuch erwuchs, ward ihr dadurch verguͤtet, daß ſie ihre Tochter voͤllig begreifen lernte, worin ihr die Bekanntſchaft mit der Welt ſehr zu Huͤlfe kam. Es war nicht zum erſtenmal, daß ihr ein ſo ſeltſamer Character begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf dieſer Hoͤhe erſchien. Und doch hatte ſie aus der Erfahrung, daß ſolche Perſonen durchs Leben, durch mancherley Ereigniſſe, durch aͤl¬ terliche Verhaͤltniſſe gebildet eine ſehr ange¬ nehme und liebenswuͤrdige Reife erlangen koͤnnen, indem die Selbſtigkeit gemildert wird und die ſchwaͤrmende Thaͤtigkeit eine entſchie¬ dene Richtung erhaͤlt. Charlotte ließ als

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Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 2. Tübingen, 1809, S. [105]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_wahlverw02_1809/108>, abgerufen am 17.02.2019.