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Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 2. Tübingen, 1809.

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Elftes Kapitel.

Der Erzählende machte eine Pause, oder
hatte vielmehr schon geendigt als er bemerken
mußte, daß Charlotte höchst bewegt sey; ja
sie stand auf und verließ mit einer stummen
Entschuldigung das Zimmer: denn die Ge¬
schichte war ihr bekannt. Diese Begebenheit
hatte sich mit dem Hauptmann und einer
Nachbarinn wirklich zugetragen, zwar nicht
ganz wie sie der Engländer erzählte, doch
war sie in den Hauptzügen nicht entstellt,
nur im Einzelnen mehr ausgebildet und aus¬
geschmückt, wie es dergleichen Geschichten zu
gehen pflegt, wenn sie erst durch den Mund
der Menge und sodann durch die Phantasie
eines geist- und geschmackreichen Erzählers

Elftes Kapitel.

Der Erzaͤhlende machte eine Pauſe, oder
hatte vielmehr ſchon geendigt als er bemerken
mußte, daß Charlotte hoͤchſt bewegt ſey; ja
ſie ſtand auf und verließ mit einer ſtummen
Entſchuldigung das Zimmer: denn die Ge¬
ſchichte war ihr bekannt. Dieſe Begebenheit
hatte ſich mit dem Hauptmann und einer
Nachbarinn wirklich zugetragen, zwar nicht
ganz wie ſie der Englaͤnder erzaͤhlte, doch
war ſie in den Hauptzuͤgen nicht entſtellt,
nur im Einzelnen mehr ausgebildet und aus¬
geſchmuͤckt, wie es dergleichen Geſchichten zu
gehen pflegt, wenn ſie erſt durch den Mund
der Menge und ſodann durch die Phantaſie
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[[217]/0220] Elftes Kapitel. Der Erzaͤhlende machte eine Pauſe, oder hatte vielmehr ſchon geendigt als er bemerken mußte, daß Charlotte hoͤchſt bewegt ſey; ja ſie ſtand auf und verließ mit einer ſtummen Entſchuldigung das Zimmer: denn die Ge¬ ſchichte war ihr bekannt. Dieſe Begebenheit hatte ſich mit dem Hauptmann und einer Nachbarinn wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie ſie der Englaͤnder erzaͤhlte, doch war ſie in den Hauptzuͤgen nicht entſtellt, nur im Einzelnen mehr ausgebildet und aus¬ geſchmuͤckt, wie es dergleichen Geſchichten zu gehen pflegt, wenn ſie erſt durch den Mund der Menge und ſodann durch die Phantaſie eines geiſt- und geſchmackreichen Erzaͤhlers

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Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 2. Tübingen, 1809, S. [217]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_wahlverw02_1809/220>, abgerufen am 23.02.2019.