Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

Bild:
<< vorherige Seite

Des II Theils VI Capitel

Heißt das vernünftig seyn? wenn man Papier bekleckt,
Und die gelehrte Welt mit großen Tröstern schreckt,
Die doch nur dienlich sind, bey Lesern, die schon irren,
Das schwärmende Gehirn noch ärger zu verwirren.
Heißt das vernünftig seyn? wenn man die Wahrheit flieht,
Weil sie nicht Vortheil bringt, Verfolgung nach sich zieht,
Zur eingeführten Schnur der Lehr-Art sich nicht reimet,
Und Hirngespinste stört, die man bisher geträumet.
Heißt das vernünftig seyn? wenn unser Geist nur sinnt,
Wie der Begierden Durst ein neues Labsal findt.
Heißt das vernünftig seyn? wenn wir geschickt verhüten,
Daß unsre Laster nur nicht gar zu mercklich brüten.
Heißt das vernünftig seyn? wenn die Vernunft nur dient,
Daß man sich glücklicher, verkehrt zu seyn erkühnt.
Heißt das vernünftig seyn? wenn man sich nur so nennet,
Doch weder die Vernunft, noch ihre Wirckung kennet.
Heißt das vernünftig seyn? - - Doch wo gerath ich hin?
Jch weiß ja daß ich selbst nicht frey von Fehlern bin.
Allein das hindert nichts: weil auch die Cantzeln fehlen,
Und doch mit Geist und Krafft auf Schand und Laster schmählen.

Nun, Leser, komm und sprich, ob ich zuviel gesagt,
Wenn ich mit Gullivern die kühne That gewagt,
Das menschliche Geschlecht vor thöricht auszuschreyen:
Jch werde keinen Spruch und keine Prüfung scheuen.
Jch habe dir zu gut mich selber nicht geschont.
Die Dichter sind es sonst im Strafen nicht gewohnt:
Jch that es aber gern, dir klärlich anzudeuten,
Jch hätte mich bemüht, die Laster auszureuten;
Mich selber erst erforscht, mein eigen Hertz studirt,
Eh ich ein fremdes Thun durch meinen Kiel berührt.
Doch wenn du reiner bist als ich bisher gewesen;
So straf auch hefftiger: Jch will es zehnmahl lesen.
III. Satire. An Thalia.
Horat. Sat. I. L. II.
Quanto rectius hoc, quam tristi laedere versu
Pantolabum seurram, Nomentanumque nepotem,
Quum sibi quisque timet, quamquam est intactus & odit?

JHr Musen, lebet wohl! Thalia, gute Nacht!
Dieß ist der Scheide-Brief den ich vor euch gemacht.
Nun mögt ihr euer Glück bey andern Dichtern suchen,
Jch lasse mir nicht mehr um eurentwegen fluchen.
Thalia

Des II Theils VI Capitel

Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man Papier bekleckt,
Und die gelehrte Welt mit großen Troͤſtern ſchreckt,
Die doch nur dienlich ſind, bey Leſern, die ſchon irren,
Das ſchwaͤrmende Gehirn noch aͤrger zu verwirren.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man die Wahrheit flieht,
Weil ſie nicht Vortheil bringt, Verfolgung nach ſich zieht,
Zur eingefuͤhrten Schnur der Lehr-Art ſich nicht reimet,
Und Hirngeſpinſte ſtoͤrt, die man bisher getraͤumet.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn unſer Geiſt nur ſinnt,
Wie der Begierden Durſt ein neues Labſal findt.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn wir geſchickt verhuͤten,
Daß unſre Laſter nur nicht gar zu mercklich bruͤten.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn die Vernunft nur dient,
Daß man ſich gluͤcklicher, verkehrt zu ſeyn erkuͤhnt.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man ſich nur ſo nennet,
Doch weder die Vernunft, noch ihre Wirckung kennet.
Heißt das vernuͤnftig ſeyn? ‒ ‒ Doch wo gerath ich hin?
Jch weiß ja daß ich ſelbſt nicht frey von Fehlern bin.
Allein das hindert nichts: weil auch die Cantzeln fehlen,
Und doch mit Geiſt und Krafft auf Schand und Laſter ſchmaͤhlen.

Nun, Leſer, komm und ſprich, ob ich zuviel geſagt,
Wenn ich mit Gullivern die kuͤhne That gewagt,
Das menſchliche Geſchlecht vor thoͤricht auszuſchreyen:
Jch werde keinen Spruch und keine Pruͤfung ſcheuen.
Jch habe dir zu gut mich ſelber nicht geſchont.
Die Dichter ſind es ſonſt im Strafen nicht gewohnt:
Jch that es aber gern, dir klaͤrlich anzudeuten,
Jch haͤtte mich bemuͤht, die Laſter auszureuten;
Mich ſelber erſt erforſcht, mein eigen Hertz ſtudirt,
Eh ich ein fremdes Thun durch meinen Kiel beruͤhrt.
Doch wenn du reiner biſt als ich bisher geweſen;
So ſtraf auch hefftiger: Jch will es zehnmahl leſen.
III. Satire. An Thalia.
Horat. Sat. I. L. II.
Quanto rectius hoc, quam triſti laedere verſu
Pantolabum ſeurram, Nomentanumque nepotem,
Quum ſibi quisque timet, quamquam eſt intactus & odit?

JHr Muſen, lebet wohl! Thalia, gute Nacht!
Dieß iſt der Scheide-Brief den ich vor euch gemacht.
Nun moͤgt ihr euer Gluͤck bey andern Dichtern ſuchen,
Jch laſſe mir nicht mehr um eurentwegen fluchen.
Thalia
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <lg type="poem">
              <lg n="61">
                <l>
                  <pb facs="#f0504" n="476"/>
                  <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Des <hi rendition="#aq">II</hi> Theils <hi rendition="#aq">VI</hi> Capitel</hi> </fw>
                </l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn man Papier bekleckt,</l><lb/>
                <l>Und die gelehrte Welt mit großen Tro&#x0364;&#x017F;tern &#x017F;chreckt,</l><lb/>
                <l>Die doch nur dienlich &#x017F;ind, bey Le&#x017F;ern, die &#x017F;chon irren,</l><lb/>
                <l>Das &#x017F;chwa&#x0364;rmende Gehirn noch a&#x0364;rger zu verwirren.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn man die Wahrheit flieht,</l><lb/>
                <l>Weil &#x017F;ie nicht Vortheil bringt, Verfolgung nach &#x017F;ich zieht,</l><lb/>
                <l>Zur eingefu&#x0364;hrten Schnur der Lehr-Art &#x017F;ich nicht reimet,</l><lb/>
                <l>Und Hirnge&#x017F;pin&#x017F;te &#x017F;to&#x0364;rt, die man bisher getra&#x0364;umet.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn un&#x017F;er Gei&#x017F;t nur &#x017F;innt,</l><lb/>
                <l>Wie der Begierden Dur&#x017F;t ein neues Lab&#x017F;al findt.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn wir ge&#x017F;chickt verhu&#x0364;ten,</l><lb/>
                <l>Daß un&#x017F;re La&#x017F;ter nur nicht gar zu mercklich bru&#x0364;ten.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn die Vernunft nur dient,</l><lb/>
                <l>Daß man &#x017F;ich glu&#x0364;cklicher, verkehrt zu &#x017F;eyn erku&#x0364;hnt.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? wenn man &#x017F;ich nur &#x017F;o nennet,</l><lb/>
                <l>Doch weder die Vernunft, noch ihre Wirckung kennet.</l><lb/>
                <l>Heißt das vernu&#x0364;nftig &#x017F;eyn? &#x2012; &#x2012; Doch wo gerath ich hin?</l><lb/>
                <l>Jch weiß ja daß ich &#x017F;elb&#x017F;t nicht frey von Fehlern bin.</l><lb/>
                <l>Allein das hindert nichts: weil auch die Cantzeln fehlen,</l><lb/>
                <l>Und doch mit Gei&#x017F;t und Krafft auf Schand und La&#x017F;ter &#x017F;chma&#x0364;hlen.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="62">
                <l>Nun, Le&#x017F;er, komm und &#x017F;prich, ob ich zuviel ge&#x017F;agt,</l><lb/>
                <l>Wenn ich mit Gullivern die ku&#x0364;hne That gewagt,</l><lb/>
                <l>Das men&#x017F;chliche Ge&#x017F;chlecht vor tho&#x0364;richt auszu&#x017F;chreyen:</l><lb/>
                <l>Jch werde keinen Spruch und keine Pru&#x0364;fung &#x017F;cheuen.</l><lb/>
                <l>Jch habe dir zu gut mich &#x017F;elber nicht ge&#x017F;chont.</l><lb/>
                <l>Die Dichter &#x017F;ind es &#x017F;on&#x017F;t im Strafen nicht gewohnt:</l><lb/>
                <l>Jch that es aber gern, dir kla&#x0364;rlich anzudeuten,</l><lb/>
                <l>Jch ha&#x0364;tte mich bemu&#x0364;ht, die La&#x017F;ter auszureuten;</l><lb/>
                <l>Mich &#x017F;elber er&#x017F;t erfor&#x017F;cht, mein eigen Hertz &#x017F;tudirt,</l><lb/>
                <l>Eh ich ein fremdes Thun durch meinen Kiel beru&#x0364;hrt.</l><lb/>
                <l>Doch wenn du reiner bi&#x017F;t als ich bisher gewe&#x017F;en;</l><lb/>
                <l>So &#x017F;traf auch hefftiger: Jch will es zehnmahl le&#x017F;en.</l>
              </lg>
            </lg>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">III.</hi> Satire.</hi> <hi rendition="#fr">An Thalia.</hi> </head><lb/>
            <cit>
              <quote> <hi rendition="#aq"><hi rendition="#c">Horat. Sat. I. L. II.</hi><lb/>
Quanto rectius hoc, quam tri&#x017F;ti laedere ver&#x017F;u<lb/>
Pantolabum &#x017F;eurram, Nomentanumque nepotem,<lb/>
Quum &#x017F;ibi quisque timet, quamquam e&#x017F;t intactus &amp; odit?</hi> </quote>
            </cit><lb/>
            <lg type="poem">
              <lg n="63">
                <l><hi rendition="#in">J</hi>Hr Mu&#x017F;en, lebet wohl! Thalia, gute Nacht!</l><lb/>
                <l>Dieß i&#x017F;t der Scheide-Brief den ich vor euch gemacht.</l><lb/>
                <l>Nun mo&#x0364;gt ihr euer Glu&#x0364;ck bey andern Dichtern &#x017F;uchen,</l><lb/>
                <l>Jch la&#x017F;&#x017F;e mir nicht mehr um eurentwegen fluchen.<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Thalia</fw><lb/></l>
              </lg>
            </lg>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[476/0504] Des II Theils VI Capitel Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man Papier bekleckt, Und die gelehrte Welt mit großen Troͤſtern ſchreckt, Die doch nur dienlich ſind, bey Leſern, die ſchon irren, Das ſchwaͤrmende Gehirn noch aͤrger zu verwirren. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man die Wahrheit flieht, Weil ſie nicht Vortheil bringt, Verfolgung nach ſich zieht, Zur eingefuͤhrten Schnur der Lehr-Art ſich nicht reimet, Und Hirngeſpinſte ſtoͤrt, die man bisher getraͤumet. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn unſer Geiſt nur ſinnt, Wie der Begierden Durſt ein neues Labſal findt. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn wir geſchickt verhuͤten, Daß unſre Laſter nur nicht gar zu mercklich bruͤten. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn die Vernunft nur dient, Daß man ſich gluͤcklicher, verkehrt zu ſeyn erkuͤhnt. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? wenn man ſich nur ſo nennet, Doch weder die Vernunft, noch ihre Wirckung kennet. Heißt das vernuͤnftig ſeyn? ‒ ‒ Doch wo gerath ich hin? Jch weiß ja daß ich ſelbſt nicht frey von Fehlern bin. Allein das hindert nichts: weil auch die Cantzeln fehlen, Und doch mit Geiſt und Krafft auf Schand und Laſter ſchmaͤhlen. Nun, Leſer, komm und ſprich, ob ich zuviel geſagt, Wenn ich mit Gullivern die kuͤhne That gewagt, Das menſchliche Geſchlecht vor thoͤricht auszuſchreyen: Jch werde keinen Spruch und keine Pruͤfung ſcheuen. Jch habe dir zu gut mich ſelber nicht geſchont. Die Dichter ſind es ſonſt im Strafen nicht gewohnt: Jch that es aber gern, dir klaͤrlich anzudeuten, Jch haͤtte mich bemuͤht, die Laſter auszureuten; Mich ſelber erſt erforſcht, mein eigen Hertz ſtudirt, Eh ich ein fremdes Thun durch meinen Kiel beruͤhrt. Doch wenn du reiner biſt als ich bisher geweſen; So ſtraf auch hefftiger: Jch will es zehnmahl leſen. III. Satire. An Thalia. Horat. Sat. I. L. II. Quanto rectius hoc, quam triſti laedere verſu Pantolabum ſeurram, Nomentanumque nepotem, Quum ſibi quisque timet, quamquam eſt intactus & odit? JHr Muſen, lebet wohl! Thalia, gute Nacht! Dieß iſt der Scheide-Brief den ich vor euch gemacht. Nun moͤgt ihr euer Gluͤck bey andern Dichtern ſuchen, Jch laſſe mir nicht mehr um eurentwegen fluchen. Thalia

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/504
Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 476. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/504>, abgerufen am 16.07.2019.